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In der Küche steht unter der Bank die kleine Kiste, in der Stephan sonst die Kohlen für den Kamin aus dem Keller heraufträgt. Aus der Kiste guckt die Katze hervor. Ihr graues Frätzchen drückt die äußerste Ermüdung aus. Die grünen Augen mit den schmalen, schwarzen Pupillen blicken resigniert und sentimental. Man sieht es ihr an, daß zur Vollständigkeit ihres Glückes bloß „Er" fehlt, der Water ihrer Kinder, dem sie so rückhaltlos ergeben ist! Sie versucht zu miauen, öffnet das Maul weit, aber aus der Kehle kommt nur ein heiserer Ton . . . Man hört das Quieken der Jungen.
Die Kinder hocken sich vor die Kiste und beobachten die Katze, ohne sich rühren, mit angehaltenem Atem. Sie sind erstaunt und überwältigt und hören nicht, wie die Wärterin, die ihnen nachgelaufen ist, brummt. In beider Augen glänzt die höchste, aufrichtigste Freude.
In der Erziehung und im Leben der Kinder spielen die Haustiere eine kaum bemerkbare, aber sicher sehr wohltätige Rolle. Wer von uns erinnert sich nicht der starken, aber edelmütigen Riesenhunde, der parasitenartigen Schoß- hüudchen, der in der Gefangenschaft gestorbenen Vögel, der stumpfsinnigen, aber hochfahrenden Truthähne, der sanften, alten Katzen, die es uns verzeihen, wenn wir ihnen zum Spaß auf den Schwanz traten und ihnen qualvolle Leiden verursachten?
Mir scheint sogar, daß die Geduld, die Treue, die Allvergebung und Aufrichtigkeit, die unseren Haustieren eigen sind, auf den Verstand des Kindes viel stärker und positiver einwirken als die langen Moralpredigten des dürren und bleichen Hauslehrers oder die nebeligen Phrasen der Gouvernante, die sich müht, den Kindern zu beweisen, daß das Wasser aus Sauerstoff und Wasserstoff besteht.
„O, wie klein sie sind", sagt Nina, macht große Augen und lacht hell auf. „Sie sehen ja wie die Mäuschen aus!"
„Eins, zwei drei. . ." zählt Wanja. „Drei Kätzchen! Also für mich eins, für Dich eins und noch für jemand eins."
„Mrrr. . . Mrrr . . ." macht die Wöchnerin, geschmeichelt durch die Beachtung, die sie findet. „Mrrr . . ."
Als die Kinder sich die Kätzchen lange genug angesehen haben, holen sie sie aus der Kiste hervor und drückten sie in den Händen herum. Dann legen sie sie in den Schoß ihrer Hemden und laufen so in die Zimmer.
Die Mutter sitzt im Salon mit einem fremden Herrn. Als sie die Kinder erblickt, ungewaschen, unangezogen, mit aufgehobenen Hemden, wird sie verlegen und macht strenge Augen. „Wollt Ihr wohl", ruft sie, „schämt Ihr Euch nicht! Macht, daß Ihr wegkommt, sonst gibt's Schläge."
Mer die Kinder achten weder auf die Drohungen der Mutter, noch auf die Gegenwart des fremden Herrn. Sie legen die Katzen auf beit Teppich und beginnen ein ohrenzerreißendes Geschrei. Um sie herum streicht die Wöchnerin, kläglich weinend. Während hernach die Kinder in ihre Stube gebracht und angekleidet werden, während des Morgengebets und während sie ihren Tee trinken, sind sie die ganze Zeit über vom feurigen Wunsche beseelt, endlich einmal diese prosaischen Verpflichtungen avzutun und wieder in die Küche zu lausen.
Die gewöhnlichen Beschäftigungen und Spiele werden vergessen. Die Kätzchen verdunkeln durch ihr Erscheinen auf der Welt alles und treten auf wie eine lebendige Tagesneuigkeit und ein Ereignis. Wenn man Wanja oder Nina für jedes Kätzchen einen Zentner Bonbons oder tausend GroschensÜicke geboten hätte, so hätten sie diesen Tausch "ohne jedes Schwanken abgelehnt/ Bis zum Mittag sitzen sie, ungeachtet der energischen Proteste von Köchin und Wärterin, in der Küche vor der Kiste und machen sich mit den kleinen Kätzchen zu tun. Ihre Gesichter sind ernst, wichtig und sorgenvoll. Sie beunruhigt nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Zukunft der Kätzchen. Schließlich entscheiden sie, ein Junges soll zu Hause bei der alten! Katze bleiben, um seine Mutter zu trösten, das zweite soll mit hinaus in die Sommerftische kommen und das dritte solle im Keller wohnen, wo es so viele Ratten gäbe. „Wer warum sehen sie nicht?" wundert sich Nina, „ihre Augen sind ja blind, wie bei den Bettlern."
Auch Wanja beunruhigt dieser Umstand. Er unternimmt es, einem Kätzchen die Augen zu öffnen', schnauft und pustet lange, aber seine Operation bleibt erfolglos. Nicht wenig beunruhigend ist auch, daß die Kätzchen sich hart
näckig weigern, das angebotene Fleisch und die Milch zu nehmen. Alles, was man vor ihr Schnäuzchen hinlegt, wird von der grauen Mama aufgefressen.
„Hör' doch, wir wollen den Kätzchen Häuser bauen", schlägt Wanja vor, „sie müssen jedes ein eigenes Haus haben, und die Katze muß zu ihnen zu Besuch kommen."
In den Ecken der Küche werden alte Hutkartons aufgestellt und die Kätzchen dort einquartiert. Aber diese Auflösung der Familie erweist sich als verfrüht: Die Katze geht, immer mit demselben sentimentalen und wehmütigen Gesichtsausdruck, von einer Schachtel -jur andern und trägt ihre Kinder wieder an die alte Stelle zurück.
„Die Katze ist ihre Mutter", bemerkt Wanja, „aber wer ist ihr Vater?"
„Ja, wer ist ihr Kater?" wiederholt Nina.
„Ohne einen Vater können sie nicht bleiben."
Wanja und Nina beraten lange, wer der N-' 1 -
Kätzchen sein soll, und schließlich fällt ihre Wal, großes, dnnkelrotes Pferd mit ausgerissenem Schweis, das in der Kammer unter der Treppe samt anderen Spielzeugüberresten sein Dasein fristet. Es wird aus der Kammer gezogen und neben der Kiste aufgestellt.
„Hörst Du!" wird ihm befohlen, „hier bleibst Du ste" und paßt auf, daß sie artig sind."
Alles geschieht in der ernstesten Weise und mit dem Ausdruck der größten Besorgnis. Außer der Kiste mit den Katzenjungen wollen Wanja und Nina keine andere Welt mehr kennen. Ihre Freude weiß keine Grenzen. Aber auch schwere, qualvolle Augenblicke müssen durchlebt werden. Kurz vor dem Mittag sitzt Wanja im Kabinett des Vaters und sieht aufmerksam auf den Tisch. Neben der Lampe, auf dem Stempelpapier, krabbelt ein Kätzchen. Wanja beobachtet seine Bewegungen und stößt cs bald mit der Bleifeder bald mit einem Zündhölzchen. Plötzlich, wie aus dem Bode gewachsen, steht neben dem Tisch der Vater.
„Was ist denn das?" hört Wanja seine erzürnt« Stimme.
„Das. . . das ist ein Kätzchen, Papa."
„Ich werde Dir ein Kätzchen zeigen! Siehst Du, was Du unartiger Junge gemacht hast! Du hast ja all mein Papier verdorben!"
Zum großen Erstaunen Wanjas teilt Papa durchaus nicht seine Sympathien für die Küchen. Anstatt sich zu freiten und in Entzücken zu geraten, zieht er Wanja an Ohr und ruft:
„Stephan! schaff' dieses Ungeziefer weg."
Auch beim Essen gibt es einen Skandal. Während des zweiten Ganges vernehmen die Speisenden plötzlich ein Gequieke und nach näherer Untersuchung findet ntan unter Ninas Schürze ein junges Kätzchen.
„Nina, weg vom Tisch!" ruft ärgerlich der Vater. „Den Augenblick werden die Katzen ins Wasser geworfen. Daß ich dieses Ungeziefer nicht mehr im Hause sehe!"
Wanja und Nina sind starr vor Schreck. Ganz abgesehen von seiner Schrecklichkeit droht der Tod im Wasser die Katze und das hölzerne Pferd ihrer Kinder zu be- rauben und alle Pläne für die Zukunft, wo die eine Katze ihre alte Mutter trösten, die andere in der Sommerfrische leben und die dritte im Keller Ratten fangen soll.
Die Kinder beginnen zu weinen und um Gnade für die Katzen zu flehen. Der Vater willigt ein, aber nur unter der Bedingung, daß die Kinder nicht mehr in die Küche gehen und keine Katze mehr anriihren.
Nach dem Essen treiben sich Wanja und Nina in ■ . Zimmern herum und vergehen vor Sehnsucht. Das Verbot, in die Küche zu gehen, bringt sie schier zur Verzweiflung. Sie wollen nicht einmal Süßigkeiten haben und sind eigensinnig und unartig gegen die Mutter.
Als am Abend Onkel Peter kommt, ziehen sie ihn beiseite und beklagen sich bitter über ihren Vater, der dis Katzen ins Wasser werfen wollte. „Onkel Peter", bittest sie, /,sage Mama, sie soll die Kätzchen in die Stube bringen. Sag's ihr." „Schon, schön", wehrt sich Onkel Peter, „schon gut!"
Onkel Peter komtnt gewöhnlich nicht allein. Mit ihm erscheint Nero, eine große dänische Dogge mit hängenden Ohren und einem Schwanz, so hart wie ein Stock. Dieser Hund ist schweigsam, finster und voller Selbstbewußtseist und Würde. Den Kindern schenkt er nicht die geringste Beachtung, und wenn er an ihnen vorbeigeht, schlägt er mit dem Schwänze auf sie los, als wären sie Stühle. Die


