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schnell in der gleichen Entfernung von einander fielen, daß er unruhig war — Gott, mein Gott, gingen des Mädechns Gedanken aebrmals, was würde ich hm, wie wollte ich —. Sie brach ab, scheuchte die Gedanken fort, aber die Hände umschlossen von neuem das Bild. Mit einem fast elementaren Schauer der Wonne blieben ihre Augen haften auf Harros Gestalt, voll stolzer Männlichkeit und Kraft, der prächtigen, sicheren Schönheit seiner Züge und ihrem Ausdruck von lebensfrohem und lebenssicherem Genuß. Ein Schatten trat in Hildegards Gesicht. Harro liebte seine junge Frau, die — das das mußte ihr der Neid lassen, und auch Hildegard ließ es ihr unter hausend Qualen eben wieder — schön und entzückend war, wie er selbst, Und sie war auch harmlos, gut wie er >— gestand sich das Mädchen mit edler Offenheit ein, nur daß sie ein verwöhntes Kind war, dem noch nie jemand im Leben ein ernstes Wort gesagt hatte, auch er nicht. Und damit legte sich nun doch ein etwas verächtlicher Zug um Hildegards Mund. Sie wollte das Bild zurückstellen und blickte nach der jungen Frau, die sich just für die verzuckerten Kirschen als das beste entschied und Cousine Garda bat, doch endlich zuzulangen.
Wieder hörte Hildegard seinen Schritt, immer schneller, heftiger,, wie sie meinte. Aergerlich, grollend wallte es in ihr auf, unwillkürlich legte sie ihre Hand wieder um das Bild. Und es schien, diese stolze, diese lebensfrohe, lebens- fichere, sorglose, übermütige Schönheit des jungen Mannes hier wirkte mit dem Entzücken zugleich auch versöhnlich auf ihre Seele ein. Es schien ihr in diesem Moment leicht, ihr Studium, den letzten Trost, den letzten Halt ihres Lebens zu lassen, alles zu tun, um der kleinen Frau die Wege zu weisen, auf daß er immer so strahlend, so sicher dreiuschauen könne, wie hier auf dem Bilde in ihrer Hand, wie einst, da er feine junge Frau so strahlend die Treppe hinunter, dem Glücke entgegengetragen hatte. Da öffnete sich die Tür des nächsten Zimmers, Harro trat über die Schwelle. „Sei so gut und laß den Kaffee servieren", wandte er sich an Jutta. „Wir haben Inspektion. Ich muß in die Kaserne. Und Jutta klingelte sofort, sehr liebenswürdig bereit. Niemand kam. Die junge Frau klingelte von neuem, anhaltender. „Das ist ja wieder eine verdammte Wirtschaft!" Auch Harro versuchte sich jetzt an dem kleinen Küopf unter dem Kronleuchter mit dem gleichen Erfolg. „Zum Donner —" Nun stampfte er hinaus. Wenige Sekunden, er kehrte zurück. „Jutta!" rief er noch in der Tür, „komm doch 'mal 'raus, kein Mensch ist da." Jutta hatte gerade die Kassette und die Attrappe für „Handschutze" an Ort _ und Stelle gesetzt. Sie folgte dem Rufe ihres Gatten, wie ein Kind, gespannt, was kommen soll.
Und da fand sich denn in der Tat eine nette Bescherung draußen. Der Bursche war fort. Fräulein Julie, der er in häuslichen Angelegenheiten unterstand, hatte ihn einen Weg geschickt. Daß das nur in deren Interesse geschah, war dem braven, aber sonst etwas dämlichen Polacken unbekannt. Fräulein Julie selbst aber hatte sich in ihr Zimmer zurückgezogen und erklärte, die ganze Wirtschaft ginge sie nichts mehr an, der Herr habe ihr sdch $,u packen befohlen. Vergeblich, daß der Leutnant das Mädchen andonnerte, Kvffee zu .machen, sofort! Er konnte sie nicht irr Arrest schicken, wie seinen Burschen, und sie blieb unerschütterlich auf ihrem Kasten, den sie bereits gepackt hatte, sitzen. Vergeblich, daß ihr Jutta vorhielt, wie unrecht es von ihr fei, und was sie denn anfangen sollte. Tas Fräulein sagte ruhig, man habe ihr auch unrecht getan, die Gnädige könnte ja nun die feinen Finger rühren — freilich, die Krallen würden draufgehen. Das schadete aber nicht. Es wäre der einzige Unterschied zwischen oben und unten, sonst wären sie doch alle, Menschen und egal.
Jgarro nannte auch diese Köchin eine ganz unverschämte Person. In der Tat, Fräulein Julie war auch noch nie so wütend gewesen, wie sie selber einer Kollegin später erzählte, so aus Rand und Baud. Jutta gitterte wie Espenlaub. Hildegard sagte nichts, sie suchte nach einer Schürze, die nicht zu finden war, steckte zuletzt ihren Kleiderrock auf, begann etwas Ordnung in die Küche zu bringen, wo, noch alles, Bratentöpfe, Saucieren, Salat- nnd Obstschüsseln, Teller und Gläser kunterbunt, unauf- gewaschen durcheinander standen. „Werben wir denn überhaupt heute Kaffee kriegen?" fragte Harro, zuletzt nur noch ein Mann, der jede Abweichung der häuslichen Ordnung als eine Verletzung feiner einmal verbrieften Rechte
empfindet, oder rügt, vielleicht, weil er, einmal wie das anderemal, nach außen von seinem Berufe ganz in Anspruch genommen wird. „Kannst Du wohl Kaffee kochen, Jutta?" klang es sogar jetzt ein wenig scharf.
Jutta schlug ratlos die Hände zusammen. Das Feuer im Herd war ausgegangen, der Spiritusbrenner nicht zu finden. Als man Fräulein Julie danach fragte, wußte sie von nichts. Der Petroleumkocher war schmutzig; Fräulein Julie lächelte Hohn. Hildegard fprang ein. Wenige Minuten, die Flammen des Kochers brannten, das Wasser im Kessel darüber begann zu siedeu. Ein wenig später, und Hildegard brachte einen ganz anständigen Kaffee auf den Tisch. „Famos, der schönste Kaffee, den ich je getrunken", erklärte Harro, auf dem besten Wege, wieder guter Laune zu werden. „Das machen Hunger und Durst", neckend wandte er sich au seine junge Frau. „Unart", schalt sie schon wieder neckend wie er, „Hildegard hat den Kaffe gekocht." „Ach so —" Harros Ton klang etwas enttäuscht. Vielleicht hätte er uicht ungern gesehen, wenn seine junge Frau endlich einmal ein wirtschaftliches Talent entfaltet hätte. ,,Nc» denn Hildegard, alle Achtung! Ich bitte um eine Tasse mehr."
Und Hildegard, eilig und erregt, immer darauf bedacht, andern fo schnell als möglich zu helfen, hatte auch jetzt sich selbst, was ihr dabei nebensächlich erschien, über dieser Hauptsache vergessen. Sie hatte sich ganz schnell nur die Hände gereinigt. An dem sonst hübschen, schlanken, weißen Arm, gerade unter dem Gelenk, war ein schwarzer Streifen geblieben, eine Erinnerung an den Schmutz des Petroleumkochern. Er ward sichtbar, da sie von Harros freundlichem Wort berührt, die Hand etwas höher hob, um ihm die Tasse zu füllen. Dergleichen aber war, wie bekannt, Harro einmal greulich. „Na nu, kriegt sie auch noch Ruß zu der Tinte!" Er lachte, hatte es doch nicht bös gemeint. Auch Jutta lachte: „Wir haben alle „Blessuren" davongetragen." Damit wies sie dem Gatten die zierlichen Finger, die sie, während Hildegard das Geschirr zusammengestellt und mit dem Kaffee in das Eßzimmer getragen, noch schnell mit einer wohlriechenden Essenz übergossen hatte. Und siehe, einer der fein polierten Nägel war ein wenig eingerissen, wahrscheinlich beim Kramen nach der Spiritusflasche. Denn darauf hatte sich eigentlich die ganze Tätigkeit der atemlos hin- und yerlaufenden kleinen Frau beschränkt.
(Fortsetzung folgt.)
Ein Ereignis.*)
Bon Anton Tschechoff.
(Nachdruck verboten.)
Es ist Morgen. Durch die Eisblumen auf den Fensterscheiben fällt das helle Sonnenlicht in die Kinderstube.
Wanja, ein etwa sechsjähriger Junge, kurz geschoren, mit einer Nase wie ein Knops und seine Schwester Nina, ein vierjähriges, pausbäckiges, für sein Alter etwas kleines Mädchen, erwachen und schauen sich durch die Gitter ihrer Veilchen böse an. „Ja, schämt Ihr Euch denn nicht?" brummt die Wärterin, „alle braven Leute haben schon Tee getrunken, und Ihr könnt immer noch nicht die Augen auftriegen ..."
Die Sonnenstrahlen tanzen heiter auf dem Teppich, den Wänden und dem Kleide der Wärterin, als lüden sie ein, mit ihnen zu spielen. Aber die Kinder bemerken es nicht; sie sind heute übler Laune beim Erwachen. Nina wirft die Lippen auf, macht ein saures Gesicht und fängt an zu greinen: „Tee—e—e! Marie! Te—e!"
Wanja zieht die Stirne kraus und grübelt, ob er nicht auch einen Grund zum Heulen finden könnte; er blinzelt schon mit den Augen und öffnet den Mund, in, diesem Augenblick schallt ans dem Salon die Stimme der Mutter: „Daß nicht vergessen wird, der Katze Milch zu geben! Sie hat jetzt Junge. . ."
Wanja und Nina machen lange Gesichter und sehen einander sassungslos an, dann schreien sie beide zugleich auf, springen aus den Betten und laufen mit lautem Geschrei barfuß und im bloßen Hemde in die Küche. — „Die Katze hat Kinder!" rufen sie. „Die Katze hat Kinder!"
*) Wir verweisen aus den Aufsatz in den Familienbl. vom letzten Mittwoch „Wie soll man ein Kind gewöhnen, die Tiere zu lieben", der von der vorliegenden Erzählung Tschechoffs lehrreich illustriert wird. D. Red.


