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Mn Kränzchen mit verteilten Rollen lesen lassen. Mn Exemplar habe sie schon von einem Rezensenten geliehen, ein -weites aus der Bibliothek, nun brauche sie noch einige Bücher. Wilhelm Jordan erteilte der reichen Dame folgende prächtige Lektion: ~ ,
„Eine Reihe von Soireen, geehrte Frau Kommerzienrätin, bat mir Gelegenheit gegeben, den feinen Geschmack und Sinn für Harmonie zu bewundern, den Sie beweisen in Ihren jedesmal funkelnagelneuen Toiletten. Diesen Ihrem Talent muß ich die Lösung her Aufgabe überlassen: in gewiß gleich gewähltem und reichem Anzug um die schwer silberne Teemaschine zu sitzen und, aus vergoldeten Tassm trinkend, sich gleichwohl behaglich und in Ihren ästhetischen Neigungen unbeleidigt zu fühlen, indem Sie die geistige Kost zu sich nehmen aus Gefäßen von minder
sauberer Beschaffenheit. Ich vermute, daß Sie Deller mit Sprüngen oder mit den .Spuren der Mahlzeit eines andern auf Ihrer Tafel nicht dulden würden. Menn Ihnen gleichwohl die Rotstiftkreuze und. Abdruckszeichen in einem zerlesenm Rezensions-Exemplar minder störend sind, oder wenn die nämlichen zarten Hände, die wenigstens drei Paar neue Glacehandschuhe zu 1 Taler wöchentlich verbrauchen, nicht zurückzucken vor der Berührung der Bücher aus der Winkelhof'schen Leihbibliothek, obgleich deren Deckel glasiert zu sein pflegen mit dem Fettglanz einer MetzgersHulter, so ist das Ihre Sache, und ich muß mich begnügen mit einiger Verwunderung über diese bemerkenswerte Unipanzerung Ihres Feinsinns mit eurer dem Ekel undurchdringlichen Hornhaut. Nicht versäumen aber darf ich diesen Anlaß, Ihnen Ihre Bitte in einer Beleuchtung zu zeigen, die ohne Zweifel Ihnen selbst sehr unerwartet sein wird. Sie und Ihre Gesellschaft wünschen mein Lustspiel zu lesen. Dieser Wunsch, Frau Kommerzienrätin, ist Kn Erzeugnis meines Kapitals und meiner Arbeit. ,Utn ihn erregen zu können, bedurfte ich meines Erbteils von Vater und Mutter, des poetischen Talents, der Sprachgewandtheit, der Uebung im Versemachen und einer Summe von Kenntnissen und Fertigkeiten, die weder umsonst'noch ohne vieljährige Anstrengung zu erwerben sind. Mit diesem Betriebskapital habe ich.dann wochenlang am Schreibtisch sitzen, hierauf die Darstellung meines Stückes betreiben, die Proben leiten, die Rollen mit den Schauspielern einstudieren müssen. Das Stück hat Beifall gefunden und dadurch das Publikum begierig gemacht, es auch zu lesen. So hat es neben seinen: Bühnenwert auch einen Buchwert erlangt: Die Nachfrage des Publikums- Teil ausmacht, ist fällig gewordene ■"iierlxiret Verkaufswert der von
pon der die Ihrige einen Teil a Rente meines Kapitals, ist realisi...... _ .. ________ ... ....
mir produzierten Ware. Diese Rente nun habe ich für eine gewisse Zeit, von dieser Ware einen gewissen Vorrat an Herrn Saucrländer in Frankfurt verkauft. Es ist also ein irrtümlicher Ausdruck, wenn Sie mich ersuchen. Ihnen das Stück zu leihen. Was Sie mir .wiedergeben, das wäre nur die Schale einer gegessenen Auster; nämlich bedrucktes Papier, das die Eigenschaft verloren hätte, anderthalb Gulden aus Ihrer Kasse in diejenige meines Herrn Verlegers führen zu können. Dem letzteren finit Sie durch das Faktum Ihrer Leselust den Ladenpreis schuldig geworden, zwar nicht nach dem Handelsgesetz, wohl aber nach entern höheren, das auf Ihrer gesellschaftlichen Stufe mindestens ehenso bindend sein sollte: nach dem Gesetz des Anstandes. Es gibt Leute, denen es niemand übel nimmt, .wenn sie dem Äufsteigen eines Luftballons oder einer Kunstreiter- SGesellschaft von außerhalb der Planken gratis zuschauen, andere, ür die der dritte ober zweite, andere endlich, für die nur der erste Platz schicklich ist. So gibt es denn auch große Klassen, die sich mit Büchern gegenseitig aushelfen oder in die Leihbibliothek schicken müssen. .Aber stellen Sie sich Ihren Herrn Gemahl, den Herrn Kommerzienrat, vor, die schwere Goldkette seines Chronometers zur Schau tragend auf der mit feinstem Piquee und Buckskittg bekleideten Vorwölbung seiner wohlgenährten Gestalt, und dennoch, .umgeben von zerlumpter Straßenjugend, vom Ast eines Baumes aus seine Schaulust am Pferderennen be- friedigend. Sie und Hunderte Ihres Standes verschmähen es nicht, eine ähnliche Situation einzunehmen gegenüber dem am wenigsten beschützten, .unbewachbarsten Eigentum, dem des'Schrift- stellers, offenbar ahnungslos und weil Sie noch niemals über- legt haben, tvorin dies Eigentum bestehe. Sie sowohl als Ihr Herr Gemahl sind ja warme Bewunderer Englands und englischer Sitten. .Wohlan denn, seien Sie englisch auch in Ihrem Verhalten zur Literatur. .In England hat .niemand Anfpruch auf den Namen eines Gentleman, der nicht eine Bibliothek besitzt im Verhältnis zu seinem Vermögen. Mne Flucht von zwölf Zimmern und Sälen zu bewohnen, wie.Sie, sechs Pferde und drei Bediente zu halten, wie Sie, und dennoch geliehene Bücher, Wohl gar aus der Leihbibliothek, zu lesen, das würde in England für höchst unanständig gelten.
Trotz alledem aber, Verehrteste Kommerzienrätin, ,bin ich gern bereit, Ihnen etliche Exemplare des gewünschten Lustspiels zu leihen, wenn Sie mir eine genau entsprechende Gegengefällig- kett leisten wollen. Man versichert, daß Sie Ihrem Herrn Ge- mahl als Mitgift einen stattlichen Folioband in Maroquin zu- gebracht haben, dessen Inhalt sehr schätzenswert sei, wenn auch zum Lesen nicht besonders unterhaltend; denn er bestehe aus
lauter Staatsschuldscheinen. .Ich bitte Sie, mir denselben nur auf einige Stunden zu. leihen. Sie sollen ihn pünklich nach Ablauf dieser Frist wieder erhalten, denn ich will weiter nichts^ als die Zinskoupons für mich herausschneiden.
Ihr Jordan." .
vermischter.
* Bon amerikanischen Exzentrizitäten erzählt „Le Magasin Pittoresque". Amerika kann sich rühmen, eilt weibliches Bataillon zu besitzen, die „Manilla-Garde". AlÄ die Jünglinge von Oregon zur Besetzung der Philippinen auszogen, da begründeten eine Anzahl junger Mädchen aus Minville in der Nähe voN Portland eine militärisch ausgerüstete Kompagnie, um den „Boys" bei ihrer Rückkehr das Ehrengeleit zu geben. Diese Amazonen aus Oregon sind vierzig an der Zahl.' Sie haben kleine Degen und eine Uniform, die mit Bändern besetzt ist, . die die amerikanischen Nationalfarben haben. Sie tragen kurze Röcke aus blauem Tuch, mit weißen' Streifen gar-, niert; runde Tschakos und weiße Federbüsche vorn an der Kokarde; weißes Lederzeug; gelbe Strümpfe. Diese Garde rourbe von einem Veteranen eingeübt und erlangte eine große Geschicklichkeit in der Handhabung ihrer Waffen unb in anderen militärischen Hebungen. .Ihr Ruhm breitete sich weithin über! die Vereinigten Staaten, und Oregon hatte seine Sensation. Einer ganz originellen Erfindung kann sich auch eine Stadt Waterloo, rühmen. „Appendicitisdiners" hatte man schon veranstaltet, bei benät die Teilnehmer, die alle an dieser Modekrankheit gelitten haben mußten, .mit chirurgischen Instrumenten aßen; auch „Reitermahle" hat es gegeben, bei denen man statt der Stühle Holzpferde benutzte. Aber ein „Bankett in einer Dramageröhre", das blieb den Bewohnern von Waterloo Vorbehalten. In „Hufeisenform" konnte man bei diesem seltsamen Festsaal freilich nicht decken; sondern die Tafel war recht schmal und dabei 400 Fuß lang. Die Festlichkeit, hei der man diesen seltsamen Raum wählte, wurde von dm angesehensten Personen von Iowa zu Ehren der Ingenieure veranstaltet, die die Abzugs» röhren konstruiert hatten.
* ,',Könne kann er'sch nft." Der „Frkf. Ztg." wird' geschrieben: Es war in der Manöverzeit. Die hessische 'Division hielt ihre Uebungen int Odenwald ab; im Dorfe B. lag ein Bataillon Infanterie im Quartier. Die Truppen hatten einen anstrengenden Tag hinter sich, und schon vor dem Zapfenstreich suchten sich Offiziere und Mannschaften für die Anstrengungen des folgenden Tages, .an dem sehr früh abmarfchiert werden sollte, durch einen tüchtigen Schlaf zu stärken. Sehr lebhaft ging es an diesem Abend im Gasthof „Zur Post" zu. Hier saßen in her „besseren" Wirtsstube die „Honoratffchiore": der Bürgermeister, der Pfarrer, der Apotheker, die Lehrer, kurz .alle an- B"' neu Persönlichkeiten des Orts. Auf der Tagesordnung
n die militärischen Ereignisse; der Meinungsaustausch war ein sehr lebhafter, da man sich in verschiedenen Gruppen unterhielt und jede Gruppe die andere zu überbieten suchte. Unmittelbar über dem „Honoratschiorestibbche" versuchte der Major, der in der „Post" einquartiert war, zu schlafen. Infolge des unten herrschenden Lärms wollte ihm sein Vorhaben jedoch mcht so recht gelingen. Kurz nach 11 Uhr erschien der Bursche des Majors, in der besseren Gaststube:
„Eine Empfehlung .vom Herrn Major, jmb er ließe die Herren.um etwas mehr Ruhe bitten, da er bei der überlauten Unterhaltung nicht schlafen könne."
Für kurze Zeit flaute nun die Unterhaltung ab, um jedoch bald wieder die frühere Lebhaftigkeit und Stärke zu erreichend Nach einer Viertelstunde erschien der Bursche zum zweiten Male, um das Ersuchen um Ruhe zu wiederholen: Als auch hierauf derselbe Erfolg wie beim ersten Male eintrat, kam der Bursche zum dritten Male:
„WenN die Herren sich jetzt nicht ruhig verhalten, läßt der Herr Major die Wache holen und alle hinauswerfen".
Aus diese Kriegserklärung traten einige Minuten peinlichen Schweigens ein. Endlich fragte einer der Gäste, dem Zweifel an der Berechtigung des Majors zu diesem' summarischen Verfahren äufstiegeN:
Jfrerr Bürgermeister, kann der Major denn das?
Worauf das Tvrfoberhausst die weise Antwort gab:
„Könne kann er'sch Nit. Wann er'sch awer dut, tiefe met draus."
Geheimschrift.
Nachdruck verboten.
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(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung des ErgknzungSrätselS in vor. Rr.r
Robe, Lee, Anmut, Mond, Satz.
Rosenmonat.
Redaktion: August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Vrützl'schen llniversttätS-Bnch. und Steindruck««. R. Lang», Gießen.


