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lers, nach der man annehmen muß, daß hier jeder Aus- stellungsbesucher jede Nacht mindestens einen Räuber mit Dem Stiefelknecht totschlägt. Ganz so schlimm ist es in Wirklichkeit doch nicht! Freilich, wer sich „bluffen" läßt, kann hier sehr eigenartige Erlebnisse haben. Als neulich ein eben angekommener deutscher Zertungskorrespondent in eine Schaubude ging, wurde er nach der Vorstellung mit mehreren anderen Herren, in denen der Budenbesitzer mit feinem Blick Fremde erkannt hatte, die der englischen Sprache nicht mächtig waren, ohne viele Umstände in ein kleines Settenkabinett gedrängt, wo eine Schöne aus den Linien der Hand wahrsagte. Die ganze Prozedur dauerte nur wenige Minuten und dann erklärte die Dame kategorisch: „Pro Person drei Dollars". — Die Fremden waren durch die ganze Situation verblüfft, daß sie tatsächlich jeder, ohne ein Wort des Widerspruchs zu wagen, drei Dollars, also über zwölf Mark, auf dem Tisch des Hauses deponierten. Der „Bluff" war gelungen. . . .
Zweifellos wird die zukunftskundige Pythia ein gutes Geschäft machen. Sie ist ein neuer Beweis für das bittere Wort Muts, daß sich vom Wahrsagen wohl leben läßt, aber nicht vom Wahrheitsagen. Ganz besonders gilt das in Amerika, wo man nichts so ungern hört als die Wahrheit. Und doch wäre es mehr als nötig, sie in der nachdrücklichsten Form zur Geltung zu bringen, denn fast jeder Tag bringt in der Weltausstellung ungeheuerliche und verletzende Rücksichtslosigkeiten. Vor wenigen Tagen erhielt der stellvertretende Generalkommissar des Deutschen Reiches, Oberregierungsrat Dr. Wagner, eine Einladung, in der „Amerikanischen Gesellschaft für künstlerische Garten- anlagen" eine Rede zu halten. Er fand sich auch zur festgesetzten Zeit mit einem sorgfältig ausgearbeiteten Manuskripte ein, konnte aber trotz eifrigsten Suchens die Mitglieder dieses großen Vereins nicht finden. Wie sich nach- ?er herausstellte, war die betreffende Versammlung in- olge des guten Amüsements auf den Rutschbahnen und Karussels des Vergnügungsparkes bei den ^Veranstaltern in Vergessenheit geraten! Derartige Vorkommnisse sind leider ganz typisch. Auch dem Präsidenten der Ausstellung und dem Bürgermeister der Stadt St. Louis passierte es in der vorigen Wbche, daß sie einen großen feierlichen Empfang, bei d em sie die Hauptpersonen fern sollten, völlig — vergaben.
Es ist zwar etivas peinlich, im Abschluß an die Erwähnung derartiger Vorfälle auf die deutsche Abteilung für Erziehungswesen überzugehen, aber sie ist so vorzüglich und s orgfältig zusammengestellt, und gewährt ein so anschauliches Bild der Grundlagen unserer Kultur, daß ihr in amerikanischen Fachkreisen eine epochale Bedeutung zugeschrieben wird, weil hier die Ursache der Verschiedenheit zwischen amerikanischer und deutscher Lebens- und Weltauffassung, die sich kaum jemals so stark bemerkbar gemacht hat, wie anläßlich dieser Weltausstellung, ganz klar zutage tritt. — Man hört in Deutschland vielfach Aeußer- ungen der Unzufriedenheit über unser Schulwesen, das sein Ziel nicht darin erblicke, die Kinder zu „erziehen". Im Gegenteil verwerfen sie diese Bemühungen ganz ausdrücklich. Man huldigt hier der Anschauung, daß es den Heranwachsenden Menschen erlaubt sein müsse, ihre Persönlichkeit in völlig uneingeschränkter Weise zu entwickele Der leitende Grundsatz der amerikanischen Erziehung ist, daß man durch Schaden klug wird. Das hat theoretisch freilich viel für sich. Wenn sich ein Kind an einem Messer schneidet, so weiß es von dieser Stunde an, daß es mit Diesem Instrument vorsichtig umgehen muß. Wenn es sich aber dabei den Hals durchschneidet, so bat es von diesem Anschauungsunterricht für die Zukunft doch keinen praktischen Nutzen!
Selbstverständlich vermag eine Unterrichisäusstellung die greifbaren Resultate niemals überzeugend und voll- ständig zu zeigen. So gibt auch das hier zusammengestellte Material, wie der Leiter dieser Sektion, Professor Vahlsen, ganz richtig hervorgehoben hat, doch schließlich nur ein Unzulängliches und lückenhaftes Bild. Wällte man es lebendig gestalten, so müßte man einen deutschen Lehrer inmitten mner Schüler zeigen. Wer die ausgestellten Photographien und schriftlichen Darstellungen genügen schließlich doch- einen entscheidenden Grundzug unseres Schulwesens dazulegen, der sonst, weil er etwas Altüberliefertes und Selbstverständliches ist, ganz übersehen wird, hier aher durch den Kontrast gegen das amerikanische
System üb!eraus scharf hervortritt. Es ist unsere Schulung an den alten kulturellen Traditionen. Soviel auch immer gegen die Ueberladung der Heranwachsenden Generation mit humanistischem Wissen vorgebracht wird, so muß doch zugestanden werden, daß damit die Ehrfurcht vor der Zivilisation fremder Zeiten und Völker erweckt wird. Ein Wglanz dieser Bemühungen ist selbst in den untersten Klassen der einfachen Volksschulen erkennbar. Hiervon reden die für tue Weltausstellung vereinigten Lehrpläne und Unterrichtsmittel eine beredte Sprache. Sie erstrecken sich über alle Arten öffentlicher Schulen und beziehen auch die Universitäten und technischen Hochschulen ein. Diese genießen hier einen gewaltigen Ruf und werden unbestritten als die besten Einrichtungen dieser Art in der WM anerkannt. Gibt es doch nur eine einzige amerikanische Universität, die mehr amerikanische Studenten hat als die Berliner! Alle anderen Universitäten dieses Landes sind von weniger Bürgern der Vereinigten Staaten besucht, als die Friedrich Wilhelm-Universität in der deutschen Reichshauptstadt. Es ist fast anzunehmest, daß die imposante deutsche Unterrichtsausstellung den Erfolg haben wird, daß sich diese Hochachtung und Bewunderung zukünftig auch auf die anderen Teile des deutschen Schulwesens erstreckt. Regt sich doch allmählich in den intellektuellen Kreisen der hiesigen Bevölkerung das Bedauern über den Mangel einer feineren allgemein-ästhetischen Bildung der Jugend. Die hier gezeigten Vorlagen für den Zeichenunterricht und den künstlerischen Wandschmuck gießen Oel in dieses Feuer. Die von bedeutenden Malern entworfenen Bilder, durch deren Gegenwart im Klassenzimmer der Geschmack der Zöglinge gebildet toerbett soll, die Büsten großer Denker und Dichter der klassischen Epoche, dre eine Ergänzung des altsprachlichen Unterrichts bilden- sind höchst bemerkenswerte Niederschläge des Geistes, der unsere ganze Bildung durchzieht.
Die amerikanische Abteilung für Erziehungswesen erklärt bei sorgfältiger Betrachtung den gerade entgegengesetzten Charakter der hier üblichen Erziehung. Alle Bestrebungen laufest darauf hinaus, das nationale und persönliche Selbstgefühl häufig bis zur Ueberhebung zu steigern! Die große Masse der Amerikaner huldigt durchaus der Anschauung, daß kein anderes Volk zu irgend einer Zeit eine auch nur annähernd so hoch entwickelte Kultur gehabt habe wie die Vereinigten Staaten in der Gegenwart. Aus dieser Anmaßung- deren Ausläufer sich natürlich in allen Kreisen und auf allen Gebieten finden, erklärt sich auch der ungünstige Eindruck, den diese Weltausstellung bei fast allen europäische Besuchern hervorgerufen und der seinen Niederschlag in der dortigen öffentlichen Meinung schon gesundest hat. Statt beispielsweise von den Franzosen zu lernen, die eine ganze Reihe großer Aus- sljellungest mit bestem Gelingen veranstaltet haben, hat man es vorgezogen, die ganze Organisation und Gestaltung des Riesenunternehmens völlig nach eigenem, erfahrungslosem Ermessen einzurtchten. Das hat vom ersten Tage an zu heillosen Verwirrungen und nachhaltigen Verstimmungen zwischen den Amerikanern einerseits und den anderen hier anwesenden Völkern andererseits geführt. Nach außen hin wird zwar die Etikette innigster Freundschaft aufrecht erhalten und jeder Tag bringt neue Feste, bei denen in schwungvollen Reden die internationale Freundschaft gefeiert wird, abdr in Wirklichkeit sind die Beziehungen ganz anders.
Die augenblickliche Lage erinnert sehr lebhaft an die Menagerie, in der ein Käfig mit der merkwürdigen Auf- schrist: „Eine glückliche Familie" gezeigt Imtrbe. Diese Familie bestand aus einem Löwen, einem Tiger, einem Wolf und einem Lamm, Auf die Frage, wie lange es denn diese Tiere schon als „glückliche Familie" aushielten, antwortete der Besitzer: „Ungefähr ein Jahr. Nur das Lamm mußte schon einige Male erneuert werden."
Wo die gutmütigen Lämmer auf dieser Weltausstellung zu suchen sind, kann nicht zweifelhaft sein. Hoffentlich sorgen sie seMst dafür, daß sie in Zukunft nicht mehr „erneuert" werden,
Dichter und Kommcrzienrätin.
Eine reiche Kommerzienrätin ersuchte Wilhelm Jordan eininal um leihweise Ueberlassnng einiger Exemplare seines Lustspiels „Die Liebesleugner". Sie wolle das Stück ans ihren: ästheti-


