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schlossen hatten und, nachdem sie dem Toten bis in dis Kirche das letzte Geleite gegeben, sich während der Fune- ralien mit brennenden Wachslichtern zu dem noch offenen Sarge drängten, um von dem lieben Gefährten so vieler lustig verlebter Stunden den letzten Abschied zu nehmen. Und diejenigen Mädchen, die bei diesem Abschied besonders! tief bewegt erschienen, schämten sich durchaus nicht ihrer reichlichen Tränen, ihres heftigen Schluchzens.
(Fortsetzung folgt.)
WettausstrKrmgsöriefe.
Bon Paul Gart mann.
4. „Gnte Erziehung". (Nachdruck verboten.)
Tropische Hitze. — Die amerikanische Seeschlange. — Der Stiefelknecht als Lebensretter. — Ein Redner ohne Publikum. ; Die deutsche Unterrichts-Ausstellung. — „Eine glückliche Familie".
St. Louis, Mitte Juni.
Die furchtbare tropische Hitze, die wir in Deutschland! gar nicht kennen, hat ihren Einzug, in St. Louis gehalten. Diese trockene, viele Tage anhaltende Hitze, die niemals! durch einen erfrischenden Regenschauer unterbrochen wird und beinahe unverändert Tag und Nacht anhält! Nicht nur die Europäer, die dieses mörderische Klima nicht ge- wöhnt sind, haben die Flucht ergriffen, sondern mich die, aus dem Osten der Vereinigten Staaten, also von Newyork, Washington und Boston hierher gekommenen Ausstellungs* besucher haben sich eiligst wieder zurückgezogen. Sogar! die von den europäischen Nationen hier bestellten Regierungsvertreter sind für diese Zeit entweder in ihre Heimat zurückgekehrt oder haben doch wenigstens für zwei bis! drei Monate den kühlen Norden ausgesucht. So wird das! Leben in der Weltausstellung mit jedem Tage ruhiger und! reizloser, und die hiesigen Zeitungen, die die Verpflicht-, ung fühlen, jeden Tag in drei bis vier Ausgaben ungeheure Quantitäten bedruckten Papieres herzustellen, leiden unter einem argen Mangel an Stoff. Es ist deshalb nicht merkwürdig, daß eine der bekannten journalistischen „Sommer-Enten" das Licht der Welt erblickt hat. Die neueste amerikanische „Seeschlange" ist eine--KUulanappe! Es
handelt sich um das abenteuerreiche Schicksal dieses harmlosen kleinen Viehes. Als vor mehreren Jahren der große Indianerhäuptling, der den wunderschön-schauerlichen Namen „Blutgesicht" führt, aus einem Bache Wasser trankt verschluckte er dabei eine Kleinigkeit, die er für einew Grashalm! oder dergleichen hielt. Der Leser ahnt schvw die furchtbare Katastrophe. Er ahnt richtig. Das geheimnisvolle grüne Etwas war die jetzt berühmt gewordene, Quappe. Da sie im Magen des Helden Blutgesicht nichts Wetter zu tun hatte, als ihrer körperlichen Vervollkommnung die größte Sorgfalt zuzuwenden, so entwickelte sie sich im Laufe der Zeit zu, einer veritablen Unke. Ihr glücklicher Besitzer verspürte bald eine andauernde Bewegung in seinem Körper, die von den zu Rate gezogenen Medizinmännern auf ein zweites Herz zurückgeführt wurde. Er cheute keine Mühe, um mit Hilfe liebreizender „Squaws" einen beiden Herzen gerecht zu werden. Aher er verfiel örperlich immer wehr, bis ihn hier in St. Louis zwei Aerzte untersuchten, die jetzt von'allen Zeitungen mit ihren vollen Namen genannt werden. Sie stellten mit Röntgenstrahlen den lebendigen Frosch fest und wollen ihn in, den nächsten Tagen mit Hilfe einer Operation ans Tageslicht befördern. Es ist nicht zu zweifeln, daß sie geschickt genug sein werden, sein kostbares Lebest — nämlich das des Frosches — zu retten, da er dann eine dauernde Einnahmequelle für einen Schausteller bilden wird.
Diese Geschichte von Blutgesichts Frosch wird hier allgemein geglaubt. Der Amerikaner des Westens läßt sich sehr leicht durch solch ernste vorgetragenen haarsträubenden, Schwindeleien ,Muffen", was auf deutsch soviel wie „verblüffen" heißt und hier mit einer so hoch entwickelten Technik betrieben wird, wie wir sie gar nicht kennen. Auf solchen „Bluff" sind auch! viele der ungeheuerlichen Erzählungen zurückzuführen, die augenblicklich über St. Louis! in der deutschen Presse die Runde machen. Da wird von, ganz unsinnigen Preisen berichtet und lebensgefährlichen, Abenteuern aller Art. Eine große Berliner Tageszeitung, brachte kürzlich die entsetzte Zuschrift eines deutschen Künsh-
lotsen wollen, sie wundern sich, daß er nicht mehr mittun will, daß er, sonst einer der ausdauerndsten, des Trubels schon überdrüssig zu sein scheint. Er fühlt sich plötzlich so merkwürdig müde, so elend! Durch allerlei Umwege sucht er sein Verschwinden zu maskieren, schleicht sich aber doch in aller Heimlichkeit nach Hause. Offenbar hat er im Laufe, des Abends seiner schwacheri Gesundheit wieder zu viel zugemutet.
Auf den Straßen des Dorfes wird es erst gegen Mitternacht ein wenig leerer und stiller. Keiner der Feiernden glaubt es, daß sich Iwan wirklich schon nach Hause begeben. Sie wetten untereinander, mit welcher gefälligen Schönen er schließlich abgezogen, hinter welchen Büschen oder in wessen verschwiegener Stimmen er jetzt den schönen Feiertag beschließe. lieber solchem Wetten und Reden erhitzen sich zuletzt die Köpfe dermaßen, daß die Leutchen das schöne Dorffest in einer solennen, frenndnach?- barlichen Prügelei ausklingen lassen.
An jenem Festabend hatte sich, der alte Prokofji Dementjew, der das laute und oft recht wüste Treiben auf der Straße nicht liebte, schon früh zur Ruhe begeben. Als Iwan nach Hause kam, empfing ihn nur die Mutter, die immer ans ihn zu warten pflegte, wenn er des abends sich auswärts vergnügte. An diesem Abend mußte sie übrigens auch schon deshalb wach bleiben, weil die Knechte und Mägde ebenfalls erst spät nach Hanse kommen würden. Der Mutter war es ausgefallen, daß Iwan sich vor Müdigkeit nur mit Mühe aufrecht hielt, und unheimlich blaß aussah. Er roch wohl nach Branntwein, schien aber eigentlich völlig nüchtern zu sein. Er klagte über starkes Herzklopfen und auffallend heftige Stiche in der linken Seite, außerdem noch über starkes Sausen in den Ohren und Kvpsschwerz? Auf die Frage der erschreckten Mutter, ob er nicht am Ende heut abend heftig gestoßen und geschlagen oder schwer gefallen sei, antwortete er verneinend. Er beruhigte die Mutter damit, daß er ja, wenn ex etwas jubiliert und getrunken, sich schon oft ebenso schlecht gefühlt habe, wie heute. Morgen, wenn er sich gut ausgeschlafen, werde er wieder ganz gesund sein. Die Mütter half ihm sich entkleiden und machte ihm, nachdem er sich niedergelegt, Kaltwasserumschläge auf die Herz- Kö und auf die Stirn, wie sie es bei solchen An- auch schon früher öfters getan. Er lag mit ge- chtossenen Augen, schien zu schlummern. Sie schlug über hm das Zeichen des Kreuzes und ging dann endlich auch elbst zur Ruhe. —
Als sie des andern Tages in der Frühe die Tür zur Schlafkammer ihres Sohnes öffnete, prallte sie in starrem Entsetzen zurück. Auf dem Bette lag ihr einziger Sohn, ihr schmucker, allzeit lustiger Iwan, ihr Abgott — tot — schon ganz erkaltet, die Glieder erstarrt! Von seiner Stirn war der Umschlag herabaeglitten, auf der Herzgegend lag noch das schwere nasse Tuch, von den geballten Fäusten des Toten fest an den Körper gepreßt. — —
Der alte Prokofji wütete vor Grimm und Schmerz.
Bei seinem Charakter wäre es ihm eine große Wohltat gewesen, wenn er irgend jemand gefunden hätte, dem der Tod seines Sohnes zur Last gelegt werden konnte. Leider hatte ja der Iwan beim Nachhausekommen über keinerlei Vergewaltigung, keinerlei Mißhandlung geklagt. Leider hatte man ja auch an dem Körper des Toten nicht di« geringsten Spuren etwaiger Schläge oder sonstiger Verletzungen entdeckt. Der Stanowoi*), der den Toten noch an demselben Tage besichtigte, hatte ebenfalls weder an dem Toten selbst, noch m der ganzen Sachlage irgend etwas Verdächtiges gefunden, und hatte dann in der Boraussetzung, daß der junge Mensche an seinem alten Brust- übel oder Herzfehler gestorben sei, den Erlaubnisschein zur Beerdigung des Toten ohne weiteres ausgestellt.
Der Tote wurde in einer kühlen, von hohen Bäumen beschatteten Klete**) aufgebahrt, und am Morgen des zweiten Tages ans dem Kirchhof des nahen Pogosts unter ungeheurem Menschenandrange beerdigt.
Einen eigentümlich rührenden Eindruck machten an jenem sonnenklaren Augustmorgen die vielen jungen Mädchen aus dem Heimatsdorf Iwans und den andern nahe gelegenen Dörfern, die sich dem Beerdigungszuge ange
*) Stanowoi Pristaw heißt der Vorsteher eines Polizei- distrikts des Kreises.
**) Vorratskammer


