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(Nachdruck verboten.)
Die Aerichoposarme.
Nus den Erlebnissen eines russischen Gerichtsarztes.
Von E. v. Trojanowsky.
(Fortsetzung.)
Für diesen vielumworbeuen und vielbeneideten Iwan ist sein ganzes Leben bis jetzt eigentliche nur ein nie endender Feiertag gewesen. Zum Arbeiten hat er nie sonderliche Lust gehabt, ist auch von den Eltern nie in ernstlicher Werse dazu angehalten worden, weil er schon eit seinen Knabenjahren über allerlei Bimst- und Herz- Schmerzen klagte, und diese Schmerzen sich nach körper- ' ichen Anstrengungen zu verstärken pflegten. Wenn er nicht gerade hinter den Mädchen her war, hat er seine Zeit eigentlich stets mit Nichtstun ausgefüllt, mit Rauchen, Zeitunglesen, Kartenspielen und Trinken. Jin Trinken muß er übrigens immer mäßiger sein, als ihm lieb ist. Er verträgt nicht viel. Beim Trinken verspürt er leicht heftiges Herzklopfen und beängstigende Stiche in der linken Seite.
Heute am 15. August, wo das ganze Dorf und seine Umgebung so außerordentlich belebt ist und gegen abend schon überall dis ungebundenste Fröhlichkeit herrscht, da ist der Iwan so recht in seinem Element. Er bringt es fertig, überall mitzuhalten und überall sich hervorzutun.
Die nahe Schenke versorgt die Feiernden mit Branntwein und Bier und Meth, so lange sie noch einiges Kleingeld in der Tasche haben oder ihr Kredit noch nicht zu sehr belastet ist. Wer sorgt aber für diejenigen Gäste, deren Geld oder Kredit schon zu Ende, deren Durst aber noch lange nicht befriedigt ist? Wer anders — als Iwan? Auf seine Kosten läßt er einen Schub Flaschen nach dem andern aus der Schenke herbeischaffen, damit niemand leer ausgehe. Wer ist her beste Kunde in den Zelten, die mit Pfefferkuchen, diversen Kringeln und billigem Konfekt Handeln, oder an den Wagen der Aepfelhändler? Na- fürlich — Iwan. Mit freigebigen Händen verteilt er seine Einkäufe an alle, die ihm in den Wurf kommen, besonders an älle Mädchen, hübsche wie häßliche. — Die Burschen, die Mädchen, schön geputzt, zu zweien und dreien, oder Arm in Arm lange Rechen bildend, schlendern aneinander vorüber, oft stehen bleibend und sich, in bunten Gruppen rutschend. Derbe Scherzworte, Neckereien fliegen hin und her, lautes Lachen ertönt oder kräftiges Uufkreischen, wo eine der jungen Schönen besonders umschwärmt ist. Wer gibt in diesem Gewoge junger Menschenkinder den Ton tot? Wer macht den Vorsänger, wenn wieder ein Lied stngesttmnit werden soll? Wer versteht das besser als eben — Iwan?! Und dort, wo sich um tanMtde Paare ein lärmender Zuschauerkreis gebtldet hat, wer umtanzt seine Schöne am flottesten und gelenkigsten, bald in hockender Stellung dir Beine dahinschleudernd, bald jubelnd auf
springend und in immer wilderem Tempo herumwirbelnH während das Mädchen sich in leichtgleitender Tanzbewegung anmutig hin und her wendet, mit den Schultern nur ab und zu wie in Ungeduld aufzuckend und den Partner dabei von der Seite her mit plötzlichem Augenaufschlag anblitzend? Das ist ja wieder der — Iwan! Und seine Tanzdame ist des alten Wassiljt Töchterlein, die blühende Lisa! i—i Und wie prächtig spiÄt er bald darauf, um sich etwas zu erholen, die Harmonika! Auch darin ist et; Meister. Ein großes Stück Geld hat seine Harmonika dem alten Prokofji gekostet. Kein Wunder, daß es mit ihr kein anderes Instrument im Dorfe aufnehmen kann. Im Gehen weiter spielend schwenkt er plötzlich ab in eine bei stilleren, dichter belaubten Dorfgassen. In gewissem Aw stand folgen ihm einige andere Bursche, ihre Mädchen mit der einen Hand fest an den Schultern haltend. An Iwan- Seite hat sich, unversehens aus einem dunklen Hoftot tretend, eine weibliche Gestalt geschmiegt. Das Kopftuch knisternde Seide, hat sie tief in die Stirn gezogen; dem schlanken Wüchse, dex gewählten Kleidung nach scheint ei Wassilji Kusmitschs leichtsinnige Zweite zu sein, die Katja! Iwans Harmonrka bringt es nur noch zu einigen schriller! Dissonanzen . . . und schweigt dann vollends.
Bald darauf erscheint er wieder aus der Hauptstraß, des Dorfs, inmitten der schon recht animierten Bursch und Mädchen. Einige Heißsporne sind einander plötzlich in die Haare geraten. Lautes Gezänk, wilde Drohworts der angetrunkenen Kärnpfer, aufhetzende Zurufe aus des sie umgebenden Menge. Das ist nicht nach Iwans Ge< schmack. Er schlängelt sich abseits. Seine Körperkraft tf nicht sonderlich groß. Er weiß and) ganz gut, daß er bs manchem Bräutigam, bei manchem Ehemann im geheime, nicht wenig auf dem Kerbholz hat. Wenn sich auch nie mand so leicht offen an ihn heranwagen wird, bei seines Allbeliebtheit und teils wohl auch aus Furcht vor seine« einflußreichen und sehr prozeßsüchtigen Vater, könnte W einer Straßenprügelei aber, im Abenddunkel, doch unvet sehens auch, auf sein Teil etwas abfallen. Wozu sollt er da seine Haut unnütz zu Markte tragen? Er zieht e vor, sich auf der Flurtreppe eines etwas entfernteres Hauses niederzulassen, mit den dort diskutierenden ältere! Bauern einen fleinen Schwatz zu machen-
Als er aufsteht und weiter gehen will, drängen sic Kinder an. ihn heran. „Onkelch'en Iwan, gib uns etwas GW uns Konfekt!" betteln sie ihn an, singenden Tone; und folgen ihm, ihrs Bitten noch nachdrücklicher Wiedel holend. Aus seiner Tasche nimmt er eine Handvoll Bot bvns, wirst sie mitten in die Gruppe der fleinen Leckes mäuler. Während unter den so Beschenkten eine hübsch Balgerei entsteht, entweicht er ihnen und mischt sii mitten unter die lachenden, johlenden Gruppen. Jyi ist aber nicht wohl zu Mute. Die Mädchen, die ch neckend auffordern, mit ihnen noch etwas in das nal Wäldchen zu gehen, die Bursche, bte ihn in die Wem


