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als Sie Ihre Heimat auf der anderen Seite des Globus wußten, da mag die Einsamkeit und Abgeschiedenheit auch Sie, bett Wetterfesten, die Baterlandssehnsucht gelehrt haben. Mer jenes wunde, drückende Gefühl in der Kehle, an dem wir Frauen oft auch daheim leiden, manchmal mitten unter guten Freunden, die uns für ganz lustig halten, vielleicht sogar Tür an Tür mit deni Liebsten, was die Welt für uns hat, — nein, das kennen Sie doch nicht- Bei den Männern ist eine räumliche und zeitliche Trennung die Voraussetzung dafür, — uns Aermsten genügt oft in unseren eigenen vier Pfählen ein kälteres Wort, ein gleichgiltiger Blick, um uns heimwehkrank, sehnsuchtskrank zu machen-
„Ja — wonach sehnen wir uns?
Gamering sagt: immerzu nach einer neuen Toilette. Sie meinen gewiß: nach Liebe.
Es ist aber wirklich nur die zitternde, bange, heiße Sehnsucht nach dem Berstandensein.
„Sehen Sie, lieber Freund, und so hab' ich manchmal, wenn wir am Sakuthener Kamin einander gegenüber saßen, oder wenn wir draußen auf der Giller Landstraße mitsammen durch Schnee und Regen stapften, an herzbrechendem, kehleeinschniirendem Heimweh gelitten, ohne daß Sie's ahnten.
„Ich sehnte mich, von Ihnen verstanden zu sein. Weil mir schien, Sie seien der einzige, der mich verstehen könnte. Und drum wäre ich so glücklich gewesen, wenn Sie mich im Besten, was in mir ist, bestärkt hätten. Wenn Sie als mein guter Freund über all den menschlichen Torheiten, wegen deren Sie mich als Arzt auslachen mußten, doch auch das Große, Stolze, Heilige mitempfunden hätten, die höhere Pflicht, der ich mein Leben geweiht habe."
„Aber Sie waren immer der kluge Mann der Praxis, der den Nützlichkeitsstandpunkt verteidigte, der mir haarscharf nachwies, daß ich mich eigensinnig zu Grunde richtete."
„Ich sah Sie flehend an, schließlich weinte ich."
„Das war dann immer so ein Heimwehanfall."
„Ich kann mir schon ausmalen, was für ein Gesicht Sie machen, wenn Sie diese empfindsamen Zeilen lesen. Sie werden sie sicher recht überspannt finden und werden eine neue Anklage gegen meine strapazierten Nerven daraus schmieden."
„Mer das kann mein Heimweh nur steigern." *
„Nein, ich klage nicht mehr an, liebste Frau Fränze. Ihr Briefchen hat mich tief gerührt. Sie sind doch ein goldener Mensch, Fränze. Hinter all dem Kernmädelsschalk und der prächtigen Jungensfrische so viel Zartheit —- und eine so hohe sittliche Reife, eine so abgeklärte, über allem Irdischen stehende Lebensauffassung. Ich mag Ihnen darüber heute aber keinen langen Brief schreiben. Ich fände den Ton nicht, um Ihnen zu schildern, wie glücklich — und wie traurig mich Ihr Bekenntnis gemacht hat. Glücklich, weil ich mit gutem Gewissen sagen kann: ja, ich habe Sie verstanden, und wenn ich Sie schalt, hab' ich Sie zugleich auch bewundert. Und traurig — weil ich eben mit beiden Füßen im Irdischen stehe und es darum grausam empfinde, Sie unerreichbar für mich in dieser andern, dieser höheren Region schweben zu sehen. Ich küsse in Gedanken vielmals Ihre liebe Hand."
*
Wann sie wohl wiederkäme? Wie lang sie denn ums Himmels willen noch dort bleiben müsse?
Das fragte man den Doktor täglich, Auch in manch elendem Lehmbau draußen auf dem Moor, in manch armseliger Fischerhütte am Karpaßstrom, am Haff und an der Strehme, wo man die bisherige Helferin voll aufrichtiger Trauer vermißte. Man hing an seinen Lippen. Und er selbst lauschte in ängstlicher Spannung jeder Post, die von ihr auf Sakuthen eintraf.
Mehrere Tage lang hatte sie ihm nicht geschrieben. Die Leere quälte ihn. Das Alleinsein mit dem Kranken peinigte ihn von einem Abend zum andern mehr.
Gelegentlich einmal stellte sich Herr von Gamering auf dem Werk ein, flüchtig und fahrig wie ein Wirbel- . wind, kaum daß er Platz nahm.
„Hören Sie, bestes Lotzchen, ich reise morgen früh nach Insterburg zum Pferdemärkt. Ta werd' ich mal Ihr Frauchen besuchen, wenn Sie's nicht übel nehmen. Geben Sie mir doch die Adresse. Abends spielen die Königsberger.
Sie geben den Mikado, da will ich mal sehen, ob ich sie nicht hinkriege, Ihre kleine Strohwittib. Oder wären Sie am Ende eifersüchtig, trautestes Männchen?"
Mit dem Rittmeister hatte sich Dieter nie besonders gestanden. Es war ihm wohl nicht entgangen, daß Gamering Fränze gegenüber eine zudringliche Galanterie aufbot, die über das Maß des Erlaubten hinausging. Gleichwohl dankte er dem Nachbar höflich ftir die gute Absicht.
„Na, Doktorchen, und soll ich von Ihnen grüßen?" fragte Gamering beim Abschied. Pfiffig schmunzelnd kniff er ein Auge zu. „Sie beneiden mich doch wohl ein bißchen, he?"
Zupitza tat ihm nicht den Gefallen, irgendwelche Unruhe zu verraten. Aber die herausfordernde, siegessichere Art des Landjunkers erregte und erbitterte ihn sehr.
Nach Gamerings Weggang hatte er dann ein seltsames Gespräch mit dem Kranken.
„Glaubt der wackere Rittmeister wirklich, daß Sie eifersüchtig auf ihn sein könnten?" fragte er Dieter scheinbar leichthin.
Der hatte die Stirn in seine etwas zitternden §änbe gelegt und brütete in büsterem Schweigen vor sich nieber, unbeweglich in die Glut starrend. Von der Seite sah Zupitza, daß seine Augen aus den Höhlen getreten waren, daß die Adern sich an seinen Schläfen spannten.
„Ja, gewiß glaubt er's", erwiderte Lotz nach kurzem Schweigen mit leicht vibrierender Stimme. „O — alle glauben sie's. Sie halten es sogar für ganz selbstverständlich, daß ich Grund zur Eifersucht habe. Lassen Sie, Doktor, machen Sie keine Trostversuche. Gewiß, man wird es nicht gleich auf dem Markt ausschreien. Aber wenn sie's auch nicht aussprechen — sie denken sich's alle. Sie halten unsere Hausehre für vogelfrei, weil .... O, ich weiß es, ich weiß es!"
Zupitza atmete kaum. Das Herz war ihm still stehen geblieben. Die furchtbare Qual, die sich ihm in den paar Worten des Kvanken offenbarte, erschütterte ihn.
„Tausend Frauen an ihrer Stelle", fuhr Dieter fort, „wären der Versuchung ja auch kaum gewachsen. Die Gesellschaft entschuldigt und erklärt, ja wünscht und erleichtert nichts so sehr als diese eine Schuld. Es gehört ein so großer Mensch wie Fränze dazu, um trotz allem an sich nicht irre zu werden."
„Quälen Sie sich doch nicht", sutche er den Kranken zu beschwichtigen, — konnte aber dabei seine eigene Erregung nicht Niederkämpfen.
Dieter Lotz hatte die schmalen Hände krampfhaft ineinander gepreßt. „Es soll mich nicht quälen", sagte er bitter und trotzig, „wenn sie's wagen — sie alle da draußen, die Fränze nicht kennen — sie mit dem gleichen Maß von Staub und Zweifel zu messen, mit dem sie sich selbst zu messen pflegen?! Sie wissen ja nicht, sie ahnen ja nicht, daß sie hoch über ihnen steht, hoch — wie eine Königin!" Er atmete tief auf. „Und der unerschütterliche GlaMe an sie, der allein bewahrt mich vor dem Wahnsinn !"
Das Letzte hatte er nur flüsternd hervorgestoßen. Seine ernsten, grauen Augen waren weit geöffnet. Sie starrten lange unbewegliche in die offene ßtfut
(Fortsetzung folgt.)
Pas Mallett.
Eine tanzkünstlerische Plauderei von Karl Pauli.
(Nachdruck verboten.)
Der Tanz muß etwas Kulturfeindliches an sich haben; je weiter die Kultur fortschreitet, desto mehr weicht der Tanz zurück. Und dennoch ist der Tanz eine Kunst, eine sehr. schwere Kunst sogar, die ein Vorstudium und ein so unausgesetztes in der Stellungbleiben verlangt wie keine andere. Natürlich ist hier nicht von dem Tanz die Rede, der in unfern Gesellschaften und Ballsälen getanzt wird — über diese traurige Entartung einer einst religiösen Zwecken dienenden Kunst muß man besser schweigen — sondern von dem Tanz, der, nachdem er aus dem Tempeldienst der Götter verdrängt war, sich eine Zufluchtsstätte im Tempel der Musen suchte — vom Ballett.
Der Tanz als Religionsübung ist uralt; wir begegnen ihm bereits im frühesten Altertum, besonders im Orient. Die Bibel nennt unter anderen zwei berühmte Tänze: den um das goldene Kalb, und den Tanz Davids vor der Bundeslade. Diesen religiösen Tänzen, die wahrscheinlich aus Verneigungen vor der Gottheit entstanden und welche in wilde Ekstase übergingen, begegnen wir noch beute im Morgenlande und zwar bei den tanzenden Der-


