Ausgabe 
8.6.1904
 
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(Nachdruck verboten.)

Irüßlingsstürme.

Roman von Paul Oskar Höcker.

(Fortsetzung.)

Am späten Abend des folgenden Tages Zupitza eistete dem Kranken wieder Gesellschaft kam der De- . leschenbote auf Schlittschuhen den vom Sturm blank ge­egten Karpaßstrom von Gill zum Werk herab und brachte neue Kunde aus Insterburg.

Bei Alex war richtig das Scharlachfieber ausgebrochen, die Professorsleute konnten den kleinen Patienten ihrer anderen Pensionäre halber nicht bei sich behalten, also mußte Fränze ihn ausquartisren und in nächster Nachbar­schaft eine möblierte Wohnung nehnien, jedenfalls vor­läufig auf unbestimmte Zert zu seiner Pfl«GL dort bleiben. Denn in ein Krankenhaus wollte sie den armen Kleinen, den die Trennung vom Bruder schon schwer genug an­kam, nicht bringen.

Die Nachricht ries große Bestürzung und allgemeine Kopflosigkeit hervor.

Das Werk, das Kontor, die Wirtschaft, die Kranken­stube für viele Tage, vielleicht gar für Wochen ohne Frau Fränze das erschien ihnen allen ganz unfaßbar. Es war das erstemal, daß sie von Sakuthen abwesend war, seitdem das tückische Leiden den Hausherrn an den Rohr­stuhl fesselte.

Zunächst nahm sich der Doktor den biederen Tirsell vor. Der war in allen Handreichungen aber schon durchaus erprobt, denn seit fast einem Jahr versah er die Nacht über die körperliche Pflege des Kranken fast selbständig. Aus ästhetischen Gründen hatte Dieter seine Frau damit nicht behelligen wollen. Da Tirsclls Lagerstatt in nächster Nähe des Leidenden aufgeschlagen worden war, hatte Fränze ihr besonderes Schlafzimmer im Giebel- Tirsell sollte für die nächste Zeit von aller Hausarbeit befreit sein, so ent­schied Zuvitza, um sich dem Kranken auch tagüber fort­gesetzt widmen zu können.

Auch mit Stojentin, mit dem Hilfsschreiber, sogar mit Malchen, der Köchin, besprach er sich eingehend. Und er bot auf, soviel in seinen Kräften stand, um dem Einsamen über die leeren Stunden htnwegzuh elfen. Fränze fehlte dem Kranken aber doch an allen Ecken und Enden- Ihm und allen Hausgenossen.

Keinem indessen so schmerzlich^ als dem Doktor selbst i gerade ihm, der die Tröstung der anderen auf sich genommen hatte.

. . . Es wäre sicher äußerst edel von mir, liebste Frau Fränze", schrieb er auf ihren Brief, worin sie ihn um offene Auskunft über Dieter und Sakuthen ersucht batte,wenn id) nun versuchte, auf Ihre Ungeduld mög­lichst besänftigend einzuwrrken- Ich könnte Ihnen ja auch Mit Fug und Recht versichern: Sakuthen steht noch immer

1904.

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Ihre Köchin setzt ihren Stolz darein, allabendlich eilt leckeres Gastmahl zu rüsten, an dem auch die gestrenge Herrin (niit Ausnahme eines etwa allzu üppigen ,Schmand'- Verbrauchs) nichts zu tadeln haben würde- Stojentin schustert am alten Stiefel weiter und ivird von keinerlei Reformationsgelüsten heimgesucht Tirsell ist der alte, rührende Kerl, er hat dem Kranken zuliebe aus freien Stücken sogar auf seinen Sonntagsausgang verzichtet es vermißt Sie hier also keine Menschenseele, es geht auch ohne Sie, seien Sie daher vernünftig, langweilen Sie sich, machen Sie sich keine unnützen Gedanken, setzen Sie Fett an die Nerven an!

Ja, aber so edel bin ich nicht-

Und auf die Gefahr hin, daß Sie meine bodenlose Tücke nun endlich durchschauen, berichte ich Ihnen: es geht uns allen hier ganz gottsjämmerlich!

Frau Fränze, hier ist's ja mit einemmale so kalt und so finster geworden!

Natürlich macht Dieter von seinem gesetzlichen Recht, Sie am meisten zu vermissen, sich am miserabelsten zu fühlen, ausgiebigen Gebrauch. Er grübelt fortgesetzt. Ich fürchte, er beginnt air meiner Kunst zu zweifeln- Traurige Kunst in diesem Falle!

Und den andern ist eben auch die liebe Sonne mit Ihnen entschwunden. Tas melancholische Pfeifkonzert, das sich Tirsell abends in der Küche leistet, wenn er darauf wartet, seinen armen Herrn zur Ruhe zu bringen, geht bedenklich ans Moll, Stojentin läßt den Kopf hängen, Lorenz ditto und ich glaube, sogar den Kesselheizern und Schlepperjungen ist's anzumerken, daß sich auf Sakuthen etwas geändert hat.

Oder seh' ich all die Leutchen bloß durch eine besonders graue Brille an? Liegt die Schuld an mir?

Möglich!

Dann lachen Sie einmal herzhaft auf, liebste Frau Fränze, so warm und innig wie damals, als ich zum ersten­mal nach Sakuthen kam als sich das junge forsche Ding so lustig mit den beiden wilden Rangen auf dem Stätte­platz drüben herumbalgte.

Wissen Sie noch? Erinnern Sie sich noch?

Ich war bloß Zaungast für ein paar Sekunden. Aber seitdem hab' ich das liebe Bildchen nicht mehr vergesseu können.

Also, bitte, bitte, so ein gesundes, wohliges, herz­haftes Lachen wie jenes damals, liebste Frau Fränze- Ja? Dann geht das Heimweh vielleicht vorüber!"

*

So hätten Sie mir nicht schreiben sollen, lieber Freund", hieß es in ihrem nächsten Brieschen-Es zuckt und zittert mir in allen Nerven und Sie steigern meine Ungeduld noch- Heimweh! Ach, Liebster, das kann eiU Mann gar nicht empfinden, nein, das glaube ich Ihnen nicht. Vielleicht damals, als Sie in den Passaten schwam­men, als die weiche Luft Ihnen das Herz bange machte«