— 208
stellungen befinden, aber die Aufmerksamkeit des Zaren und sein Vertrauen zu erringen vermochten. Tiefe Berichte und ihre Urheber bilden den Schrecken der hohen Staatsfunktionäre, denn man hat es bereits mehrmals erlebt, daß gar hochmögende Herren, die sich bis zum letzten Augenblicke des vollsten Vertrauens des Monarchen zu erfreuen glaubten, über Nacht in die Tiefe ihres Nichts stürzten — lediglich infolge dieser Geheimrapporte, die von Länden, welche den hohen Staatsfunktionären zumeist unbekannt sind, dem Zaren zur Morgenlektüre auf den Tische gelegt werden.
Mährend dieser Morgenlektüre nimmt der Zar in seinem Arbeitszimmer das erste Frühstück ein, das sogleich, wie der Zar sein Kabinett betritt, serviert wird. Oft genug geschieht es, daß sich der Zar das Frühstück auf seinen Schreibtisch stellen läßt und es während der Arbeit ein nimmt. Einfache genug ist es freilich, es besteht gewöhnlich aus Tee und Weißbrot, selten läßt der Zar Eier oder kaltes Fleisch dazulegen. Der Zar arbeitet nun ununterbrochen bis 10 Uhr vormittags, um welche Zeit das zweite Frühstück serviert wird. Dieses nimmt der Zar im Kreise seiner Familie ein und auch es ist gar wenig opulent. Nikolaus II. hat auch garnicht Muße, fitfi lange an der Tafel auszuhalten, denn ßegert 11 Uhr erscheinen schon die ersten vortragenden Rate, und der Zar muß sich wieder in sein Arbeitszimmer oder den dnranstoßenden Audienzsaal begeben, um all' die Größen seines Reiches zu empfangen und zu hören. Ms drei Uhr nachmittags ist der Zar auf diese Weise unausgesetzt beschäftigt. Nun geht es vom Audienzsaal oder aus dem Arbeitszimmer direkt in den Speisesaal, wo das Tiner aufgetragen wird, zu dem sich der Zar äußerst selten Gäste ladet; er liebt es, es en famille einzunehmen, und es gehört zu den seltensten, größten Auszeichnungen, zu dieser Familientafel beigezogen zu werden. Des Abends zum Souper sieht der Zar dagegen gern Gäste b^i sich, und wenn das der Fall ist, dann entfalten Wche und Keller all' ihre Kunst, um die Tafel des Herrschers aller Reußen mit den erlesensten Speisen und Getränken zu decken, wogegen sonst an der Tafel des Zaren nahezu eine bürgerliche Sparsamkeit herrscht. Ten geistigen Getränken ist Nikolaus II. im allgemeinen abhold. Mer kommt fast nie auf die kaiserliche Tafel, da der Zar es nicht trinkt, wogegen er den französischen Champagner zu schätzen weiß. Dieser-fehlt nie an der Tafel des Kaisers, doch kommt es selten vor, daß der Zar mehr als zwei bis drei Glas trinkt. Nikolaus II. ist eben die verkörperte Mäßigkeit.
Ter Zar sucht gewöhnlich zwischen 10 und 11 Uhr abends sein Lager auf. Tie zwischen diesem Zeitpunkte und dem Souper gelegenen Stunden behält der Zar für sich. Früher brachte er diese am liebsten im Kreise seiner Familie zu, in neuerer Zeit zieht er sich jedoch meistens in sein Arbeitszimmer zurück, wo er sich! dem Studium mystischer Schriften hingibt.
Von der Kaiserin erzählt unser Gewährsmann:
Tie Zarin, welche eine vorzügliche Mutter ist, bringt die meiste Zeit des Tages in der Umgebung ihrer Kinder zu und wacht selbst darüber, daß sie zur rechten Stunde zu Bett und zu Tisch! gehen. Wenn nicht dringende Reprä- sentattonsverpflichtungen sie zurückhalten, so erscheint die Kaiserin regelmäßig im Kinderzimmer und hört zu, wie das Jüngste das Nachtgebet spricht. Zuweilen erscheint wohl auch> der Zar selbst mit der Kaiserin im Kinderzimmer, und dann vergißt er auf kurze Augenblicke die großen Sorgen und Schmerzen, die an der russischen Zarenkrone hängen, und scherzt und lacht. Interessant ist, daß die Sprache, welche im Hause des Zaren gesprochen wird, nicht die russische, sondern die — französische ist. Tie Kaiserin spricht nämlich nur mangelhaft russisch, und da sowohl der Zar als auch die Zarin die französische Sprache vollkommen beherrschen, so ist es natürlich, daß sie im Verkehr miteinander sich der französischen Sprache bedienen. Aber auch in der Kinderstube muß mit Rücksicht auf die Kaiserin die französische Sprache kultiviert werden und selbstverständlich auch von der Umgebung der Zarin; übrigens befinden sich in dienender Stelle, namentlich im Hofstaate der Kaiserin, viele Deutsche, mit welchen die Kaiserin in ihrer heimat
lichen Sprache verkehrt. Nikolaus II. spricht gleichfalls deutsch, wenn auch nicht besonders gut, allein es geschieht nickt selten, daß sich das Zarenpaar in deutscher Sprache unterhält. Tie Kaiserin liest mit Vorliebe deutsche Bücher und Zeitungen und verfolgt die deutsche Literatur mit großer Aicfmeüksamkeit.
Für die orientalische Prachtentfaltung, die am russi- schen Hofe seit Jahrhunderten üblich ist, hat die Kaiserin gar kein Verständnis. Sie sucht zwar nicht die Einsamkeit wie ihr Gemahl, aber den großen, steifen Hoffesten ist sie abhold, dagegen liebt sie es, kleine Gesellschaften bei sich zu versammeln, wobei alle Prunk- und Putzsucht strengstens untersagt ist. Tie Zarin erscheint bei diesen kleinen Soireen gewöhnlich in einem dunklen Samtkleids das nur mäßig ausgeschnitten ist und im Ausschnitt ein kostbares Schmuckstück zeigt. Tas Haar, welches stets schlicht frisiert ist, weist bei diesen intimen Unterhaltungsabenden keinerlei Schmuck auf; kein Tiadem, kein juwelenbesetzter Kamm schmückt das Haar, in das die hohe Frau jedoch manchmal eine duftende Rose zu stecken pflegt, die Blume, die sie am meisten liebt. Ihre Hände schmückt kein Armband und sie trägt außer dem breiten Ehering zwei, höchstens drei Ringe. Bei dieser außer- ordentnchen Anspruchslosigkeit der Zarin in Bezug auf Toilette ist es selbstverständliche, daß sie auch bei den Tamen ihres Hofstaates keinen übertriebenen Luxus sehen will und sie fordert selbst von den Tamen, die zu jenen intimen oder kleinen Soireen geladen werden, daß jede Prachtentfaltung vermieden werde. Tas ist für die Tamen der St. Petersburger Gesellschaft eine sehr böse Sache, denn der Sinn der Russin liebt die Pracht, und da die vornehme Petersburger Gesellschaft immens reich und gewöhnt ist, den raffiniertesten Luxus zu entfalten, so geraten die Tamen über dieses Machtgebot der Zarin oft in die hellste Verzweiflung. Tte Zarin mustert mit strengem Blick die Tamen, die ihre Schwelle übertreten, und wehe, wenn eine das Gebot der Einfachheit überschritten hat! Sie kann dann mit Sicherheit darauf rechnen, monatelang keine Einladung mehr zu den intimen Soireen der Zarin zu erhalten und bei den offiziellen Hoffestlichkeiten keines Blickes von der Kaiserin gewürdigt zu werden.
Bei den großen offiziellen Hoffestlichkeiten, die gewöhnlich im Mrolaussaal im Winterpalaste abgehalten werden, erscheint die Zarin dagegen in großer, prachtvoller Toilette, alle Tamen ihres Hofstaates und der St. Petersburger hoffähigen Welt weit in den Schatten stellend.^
Literarisches.
— Es liegen uns die 5., 6. und 7. Lieferung von Bibliothek des allgem einen und praktischen Wissens in 75 Lieferungen in Verbindung mit hervorragenden Fachleuten herausgegeben von Emanuel Müller- Baden (Preis pro Lieferung 60 Pf. Berlin W. 57, Deutsches Verlagshaus Bong u. Co.) vor. Uebersichtlichkeit, Verständlichkeit, leicht zu erfassende Methode, Zuverlässigkeit des tatsächlichen Materials und gute Ausstattung vereinigen sich hier, um eine sehr ansehnliche Bibliothek des Missens zu schaffen. Tie englische Sprache, die Stenographie, die Grundlagen der Chemie (eine Chromolithographie zeigt ü. a. Liebig in seinem Gießener Laboratorium), französische Sprache, Arithmetik und Geschichte, Kontorwissenschaft und die Grundlagen der Physik finden in diesen Lieferungen Behandlung. Mldertafeln aus dem Gebiete der Zoologie und Physik verleihen dem Ganzen noch einen erhöhten Mert. ; j___
Scherzrätsel.
Nachdruck verboten.
Es liebts der Zänker nur und Streiter, Wer es gewinnt, der hat's nicht mehr. Wer es verliert, führt gern es weiter Und allen beiden machts Beschwer.
(Auflösung in nächster Nummer.)
Auflösung des Hononyms in vor. Nr.r Wetter, Wette, Wetter.
Redaktion - August Götz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttätk-Buch- und Cteindruckerei. R. Lange, Gießen


