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Ich sah auf, und wer stand neben mir? Mrs. Blasson fct höchst eigener Person.

Mrs. Blasson I"

Jetzt Mrs. Lane", verbesserte sie in liebenswürdigem Tone.Ich habe mich kürzlich verheiratet, Sie aber, wie ich höre, nicht."

Nein, ich bin noch immer Miß Ferrars."

Und es war also doch nicht mein Mr. Thorold, den Sie zu heiraten beabsichtigten! Es schien mir doch auch gar zu unwahrscheinlich. Er hat immer so wenig Lust zum Heiraten gezeigt und ist überdies auch so wählerisch. Haben Eie ihn gesehen?"

Za."

Ist er nicht interessant?" fragte sie lebhaft.

Nein, das finde ich nicht."

Tann haben Sie ihn jedenfalls nicht oft gesehen. Sie konnten sich also nicht entschließen, Watty Thorold zu hei­raten? Man hat mir die ganze Geschichte erzählt. Sie sind wirklich eine mutige junge Tame! Aber schon auf dem Schiff bewiesen Sie Ihren Mut. Mssen Sie noch, damals bei dem fürchterlichen Sturm, als wir alle glaubten, wir würden in den Grund gebohrt!" Sie zog einen Stuhl heran und ließ sich neben mir nieder.Taß Watty Thorold sich mit einer anderen getröstet und geheiratet hat, haben Sie wohl gehört?"

Nein, aber es freut mich ungeheuer."

Allerdings eine andere Art Mädchen, als Sie sind. Eine Kutscherstochter, eine dicke, freche Person mit etwas Geld, die sogar die Unverschämtheit hatte, an Tizzie Hassall eine Vermählungsanzeige zu schicken und ihr zu schreiben, daß sie eine alte Liebe von Watty sei. Tizzie war natürlich rasend."

Geschah das erst kürzlich?"

Vor vierzehn Tagen."

Wohnen Sie selbst in Punah?"

Nein, ich befmde mich auf der T-urchreise nach Se- kunderabad. Und Sie?"

Ich wohne hier. "

Ich bin Gesellschafterin bei Mrs. de BillarS, bei jener Tame dort mit dem orangegelben Gürtel, die Tennis spielt."

Was?" Sie hatte sich ungestüm umgedreht und sah Reich nun scharf an.Gesellschafterin bei der Mllars? Wie in aller Welt kommen Sie dazu?"

Ich, hatte verabredet, zu einer anderen Tame zu gehen; da diese jedoch Punah innerhalb weniger Tage verlassen mußte, so empfahl sie mich an Mrs. de Villars."

Äa, hören Sie mal, da sollte sich die Betreffende aber doch wirklich schämen! Wie kann man jemand in die Klauen der tollen Fanny geben! Unter diesem Namen ist sie nämlich in Indien bekannt. Sie haben gewiß längst be­merkt, daß nur Leute dritten Ranges mit ihr verkehren. Weder ein Tienstbote, noch ein Gatte hält es bei ihr aus. Trei Männer hat sie schon gehabt. Sagen Sie mal, wie lange sind Sie eigentlich schon bei ihr?"

Erst zwei Monate; aber wir kommen recht gut mit einander aus."

Tann sind Sie wirklich ein bewunderungswürdiges Mädchen! Na, Sie werden übrigens schön noch Ihre «< fahrungen mit ihr machen. Sehen Sie nur, wie sie sich jetzt wieder gebärdet und mit den Füßen stampft! Wenn Sie nicht von ihr fortgehen, so werden Sie jedenfalls über kurz oder lang von ihr abgeschüttelt werden . . . und je eher, desto besser!" fügte sie, sich erhebend hinzu.Ich nannte Sie mutig, weil Sie Watty Thorold aufgegeben haben, aber die Wähl, die Sie jetzt getroffen haben, ist tausendmal schlimmer. Sie sind wirklich waghalsig, Miß Ferrars. Ich wäre an Ihrer Stelle noch lieber die Frau eines armen Pflanzers, als die Gesellschafterin der tollen Fanny geworden. Ta kommt sie übrigens, und zwar, wie mir scheint, wieder einmal schäumend vor Wut. Ich wage nicht, ihr in den Weg zu treten. Leben Sie wohl."

Bebend vor Zorn und mit feuersprühenden Augen kam Mrs. de Villars auf mich zugeeilt, und, ehe ich! mich! versah, wurde ich vor ihr her über den großen Platz und in den Wägen hinein getrieben. Tort brach, sobald wir einander gegenüber saßen, der Sturm los. Mit allen «Einzelheiten, atemlos vor Eifer, beschrieb sie mir die Vorgänge des ver­lorenen Spieles und schalt dabei auf ihre Gegner.

Allein wie gewöhnlich ging auch dieser Wutanfall fast ebenso rasch vorüber, wie er gekommen war. Ns wir uns

dem Hause näherten, begann sich das Interesse meiner Herrin bereits dem noch am gleichen Abend von der Tennis- gesellschast geplanten großen Balle zuzuwenden, bei dem auch sie erscheinen wollte.

Zum mindesten viermal wurde die Wahl ihrer Kleidung geändert. Als sie dann aber endlich in einem feuerroten Meide mit Tiamanten im dunklen Haar und um den Hals vor mir stand, war sie in der Tat eine glänzend schöne Erscheinung.

Nachdem sie fortgefahren war, setzte ich mich mit Lobby Nr. 2 auf die Veranda und lauschte den Klängen einer Militärkapelle, die aus einiger Entfernung durch die stille, laue Abendluft herüber tönte.

Tank Mrs. Lanes Mitteilungen hatte ich reichlichen Stoff für meine Gedanken. Ich freute mich« aufrichtig, daß Watty verheiratet war und noch dazu mit eineralten Liebe". Tiefe Heirat nahm mir eine Last von der Seele, denn manchmal hatte mich doch ein Schauder gefaßt, wenn ich an die Beschreibung seiner einsamen Wohnung, an den niederstürzenden Regen und die Versuchung dachte, der er dann ausgesetzt war. Nun aber war ja alles gut, und trotz Mrs. Lanes gegenteiliger Behmchtung, und obgleich Mrs. de Villars' Benehmen in der Gesellschaft viel zu wünschen übrig ließ, mußte ich mir doch sagen, daß ich den besseren Teil erwählt hatte und es mir hier immer noch erträglicher ging, als wenn ich Watty Thorolds Frau geworden wäre.

Persönlich konnte ich mich ja auch wirklich nicht über meine Herrin beklagen. Sie bezahlte mir sechzig Rupien im Monat, und ich verdiente mir so meinen Unterhalt und lernte zugleich Indien kennen. Sobald ich eine genügende Summe zusammen gespart hatte, wollte ich nach« England zurückkehren, denn rch sah allmählich ein, daß ein Mädchen ohne Freunde, Verwandte oder sonstige Beziehungen wirk­lich etwas Ungewöhnliches im fernen Osten ist. Nach einem Jahre würde ich mein Ueberfahrtsgeld und noch eine kleine Summe beisammen haben, dann wollte ich mich als Pia­nisten oder Musiklehrerin in London niederlassen. Tas war das Luftschloß, das ich baute, das aber leider schon nach Ablauf weniger Stunden in sich zusammenfallen sollte.

(Fortsetzung folgt.)

Wom russtschen Kailerßofe.

Bor kurzem ist ein Buch erschienen, das jetzt, wo aller Augen auf Rußland gerichtet sind, besonders aktuell ist. Es ist von Bresnitz v. Sydacoff verfaßt worden. Für den Jernerstehenden ist es nickt gut möglich, zu beurteilen, ob die in diesem Buche enthaltenen politischen und feuille- tonistischen Betrachtungen über die Vorgänge am russischen Hofe, in der russischen Gesellschaft und im Lande völlig zutreffend sind. Manches klingt für westeuropäische Begriffe recht abenteuerlich, aber es muß doch betont werden, daß gerade in der allerjüngsten Zeit gewisse Ereignisse in der inneren russischen Politik und in der Gesellschaft dem Verfasser Recht geben. Wie dem jedoch auch sein mag, jedenfalls klingt wenigstens dasjenige, was Herr v. Sy- dacosf über das tägliche Leben des Zaren und seiner Ge­mahlin sagt, durchaus glaubhaft, und wir geben daher einiges aus den dem russischen Hofe gewidmeten Kapiteln wieder.

Vom Zaren sagt Sydacoff unter anderem:

Sein Leben teilt sich zwischen der Arbeit am Schreib­tische und den wenigen freien Stunden im Kreise seiner Familie und läuft, so seltsam es auch klingen mag, ein­förmig und düster dahin. Ob man nun im herrlichen Winterpalaste, an dem freilich so viele düstere Erinner­ungen hängen, oder in dem paradiesischen Livadia resi­diert, bte Tagesordnung ist die gleiche. Mkolaus II. ist wie alle Monarchen ein Frühaufsteher, aber wie wenige ein Feind der Pracht und des Prunkes und der glänzenden Festlichkeiten, wie er auch für die Freuden der Tafel keine sonderliche Vorliebe hat. Ter Zar verläßt regel­mäßig gegen 7 Uhr früh das Bett, worauf er sich mit Hilfe fernes Kammerdieners Ivan, der den Zaren schon in seiner Prinzenzeit bedient hat und der vielleicht der einzige Mensch in seiner Umgebung ist, dem der Zar volles und uneingeschränktes Vertrauen schenkt, ankleidet. Niko­laus begibt sich dann sofort in sein Arbeitszimmer, >vo es Berichte und Aktenstücke eine Menge zu erledigen gibt. Tie Berichte, die der Zar des Morgens auf seinem Schreib­tisch« findet, stammen zumeist von seinen geheimer: und vertrauten Ratgebern, die sich mitunter garnicht in Staats-