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gewählt. Ein Schatz von feinem Verständnis des Kindes und gesunder, aller falschen Empfindsamkeit lediger, der Elternpflichten treu bewußter Lebensanschauung steckt in diesen kurzen Gesprächen, so über das Herumtragen der Säuglinge, das Gehen- und Sprechenlernen, die Wehleidigkeit, die Heikelkeit, über die Spielsachen, das Mein und Dein, das Lernen, die Strafen, das Verhältnis zur Schule usw. Das sind wirklich goldene Regeln. Von den schwierigen Fragen vom Storch, vom Christkind und anderen verfänglichen Dingen verlangt der Verfasser mit Recht gegenüber dem Kinde unbedingte Aufrichtigkeit und warnt vor den schlimmen Folgen elterlicher Lügen. Es kommt dabei selbstverständlich u. E. darauf an, wie es gemacht wird, und daß die Aufklärung nicht streng rationalistisch; sondern unter Beobachtung einer gewissen zarten Natur- Poesie vor sich gehe, die den Geist des Kindes von allem Unedlen fern hält. In der Frage vom Storch kommt der Verfasser zum Ergebnis der Vertröstung auf eine ungewisse Zukunft. Das aber ist doch wohl das Ungeeignetste. Lieber cs so bald wie möglich in geeigneter Form aufklären!
— Die Schönheit. Moderne illustrierte Zeitschrift. Herausgegeben von Karl Vanselow. Verlag der Schönheit, Berlin. Halbjährlich 4 Mark, Einzelheft 75 Pf. — Diese 'n vornehmer Ausstattung seit kurzem erscheinende, reich illustrierte Zeitschrift gestaltet sich unter Mitwirkung erster Schriftsteller und Künstler reichhaltig, eigenartig und schön. Alles umfassend, was das Leben reizvoll und sonnig macht, stellt sich die Schönheit bewußt in den Dienst des reinen und gehobenen Begriffs der Schönheit, wie er der Sehnsucht unserer Zeit entspricht. Mit jugendfrischem Geiste wählt die Zeitschrift ihren Stoff. Schön an sich; immerdar und in herrlicher Vollendung, ist der menschliche Körper. Er ist die Krone der Schöpfung und schon die Bibel preist ihn als göttliches Ebenbild. Torheit ist es darum, wenn so viele in blindem Zorn gegen die künstlerische Darstellung des Nackten eifern. Schümm allerdings für den, der ein Kunstwerk nicht als solches, nicht ohne unreine Gedanken genießen kann. Je prüder eine Zeit sich gebärdet, um so geringer ist ihre SrttüMeit zu bewerten. Erst das Kleid hat die Scham vor dem Nackten als dem Ungewöhnlichen künstlich erzeugt. Je unbefangener und je natürlicher wir solchen Tatsachen gegenüberstehen, desto sittlicher sind wir. Es ist deshalb selbstverständlich, daß eine Ze,itschrift, die auf ihren Masten dre Flagge der Schönheit gehißt hat, Sinn und Verständnis für das künstlerische Ebenmaß des menschlichen Körpers pflegt. Im Bunde hiermit steht die künstlerische Reform der Kleidung. Künstlerisch geschärftes Auge verlangt aber auch Schönheit häuslicher und öffentlicher lüngebung in allen Strahlungen, einerlei ob es sich um schöne Ausgestaltung unserer Wohnräume oder öffentlicher Anlagen durch Werke schmückender Kunst handelt. Ohne Gesundheit ist ein schöner Körper undenkbar. Tanz und Spiel, Lerbesubungen sind reger Pflege würdig. Alles dieses find einzelne Punkte des Leitplanes der „Schön-
Novellen, Gedichte und Abbildungen verbinden den i Grundtext, die Religion der Schönheit, zu einem einheit- üchen Ganzen. Wir können an dieser Stelle die Reiche halügkelt des Werkes, die Fülle der vielseitigen literarischen und bildnerischen Beiträge nicht aufzählen, glauben aber das Abonnement auf diese preiswerten monatlich erscheinenden Hefte, deren jedes in Kunstdruck 70 bis 1000 Seiten umfaßt, empfehlen zu müssen.
~ „Italienische Unterrichtsbriefe für den m c (V "t erricht n a ch der Methode Robertson."
Buenaventura und Dr. Schmidt. 6. verbesserte Auslage.
40 Briefe. Einzelne Briefe und Probcbrief je 50 Pfg. Verlag von E. Haberland in Leipzig-R. 91, — Auch die vorliegenden Briese I t sorgfältig und gewissenhaft gearbeitet und schreiten I
io methodisch vorwärts, daß der Lernende durch die regelmäßigen I Repetitionen und die praktischen Uebersehungsübungen init ihren ! w« er folgenden genauen Auslösungen den Lehrstoff bei gewissenhafter Arbeit vollständig beherrschen lernt. Die Aussprachebezeich» I ■«miB, auf die cs bei einein solchen für Selbstlerner bestimmten I Buche vor allem ankouunt, ist tadellos. —I
Vermischte».
* Der Anti-Alkoholismus im Homerischen Zetkalter. In der Zeitschrift „Die Kultur" lesen wir da
rüber: „Man irrt, wenn man glaubt, daß die schädigenden Wirkungen selbst geringerer Quantitäten Alkohols erst in neuerer Zeit bekannt geworden sind. Vielmehr findet sich schon diese Erkenntnis bei Homer. Hektor eilt, im sechsten Gesang der Ilias, aus dem Kampfe in die Stadt zurück, damit seine Mutter Hekabe zur Athene flehe. Und nach echt mütterlicher Art will sie den geliebten Sohn nicht ohne Labung in den Kampf zurücklassen:
„Aber verzeuch,"
so spricht sie zu ihm (Ilias VI. 258 ff.), „bis ich jetzo des süßen Weines dir bringe;
„Das; du Zeus, dem Vater, zuvor und den anderen Göttern „Sprengest, und dann auch selber des Labctrunks dich erfreuest. „Denn dem ermüdeten Mann ist der Wein ja kräftige Stärkung, „So wie du dich ermüdet, im Kampf für die Deinigen stehend. Ihr antwortete daraus der helmmnslatterte Hektor:
„Nicht des süßen Weines mir gebracht, ehrwürdige Mutter, „Daß du nicht mich entnervst, und des Muts und der Kratt ich vergesse."
Mit wundervoller Klarheit sind hier die beiden entgegengesetzten Anschauungen ausgesprochen. Hekabe huldigt t>er, gewöhnlichen Ansicht, daß der Wein eine „kräftige Stärkung" ist, während der tiefer blickende Hektor weiß, daß der Ermüdete durch den Wein noch müder wird. Und in der Tat, auch ohne „Stärkung" durch Alkohol hält Hektor im darauf folgenden Zweikampf mit dem Telamonier aus, bis die Nacht sie trennt.
"Lustige „Bauernregeln" für das Kalenderjahr 1904 bringt das von Dr. Leo Wulf herausgegebene „Hunioristische Extrablatt":
Treffen im Januar die Störche ein, Wird stets der Reichstag vollzählig sein. Wenn glühend die Sonne tm Februar brennt, Thront Bebel als Präses im Parlament.
Wogt im März das Kornfeld, von Aehren schwer;
Dann wächst unser Wohlstand durchs Militär.
Fällt in den April das Weihnachtsfest, Der Staat allen Bürgern die Steuern erläßt. Gedeiht die Herbstzeitlose im Mai, (Siebt der Schlächter das Schweinefleisch kostenfrei. Fährt man im Junimond zu Schlitten, Wird Bebel im Reichstag itnt Kornzölle bitten. Fällt in den Juli der kürzeste Tag, Kein Mitglied des Reichstags Diäten mag.
Sollt' der August uns den Eislauf schenken, Lernt Bülow sozialistisch denken.
Wenn im September die Vögel nisten, Beginnen die Völker abzurüsten.
Sollt' die Flur im Oktober voll Veilchen prangen, Wird Deutschland von China Zahlung erlangen. Fällt in den Noveinl>er die Frühjahrsparade, Wird plötzlich der Zickzack-Kurs schnurg'rade.
Erschallt im Dezember der Vögel Geflüster, Wird Harden preußischer Kultusminister.
Splinius der Jüngste.
— Wenn man wissen will, was kein Mensch wissen kann, und so tut, als ob man es doch wüßte, jo nennt man das philosophieren.
W. I o r d a n. (Geb. 8. Febr. 1819.)
Bilderrätsel.
(Nachdruck verboten.)
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(Auflösung in nächster Nummer.)
Redaktion: August Götr. — Rotationsdruck und Derlaa der Drühl'schen Universitäts-Buch. und Steiridriickerei. R. Lanae. Gießen.


