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Trübsal. Und er sehnt sich nach Liebe. Gr sehnt sich, darin nnterzugehen! „ „ c , ,
Er spricht davon, sie einmal gefunden zu haben. Aber ich behaupte: er fand sie nicht! Und ich behaupte ferner: sollte er sie noch einmal finden, so würde er noch einmal — vielleicht gerade kein glücklicher Mensch werden; darauf kommt es auch nicht an — so könnte er noch einmal etwas schaffen, etwas Großes und Bleibendes.
Aber die Liebe ist kein Ding, das der eine verlieren und der andere zufällig aufheben kann. Der gute Graf mag noch einmal volle zwanzig Jahre unter den Steineichen und am Cyprefsenteich umherirren, ohne der großen Göttin zu begegnen.
Lache mich aus!
Aber mir ist eingefallen, daß eigentlich die Neri bte erweckende und erlösende Gottheit spielen könnte — trotze dem sie keine Verse sprechen kann. Sie würde es immerhin superb machen und beim Fallen des Vorhanges in einer ravissanten Pose dastehen. Es müßte dies um so mehr- ganz ihr Fall sein, da von einer glücklichen Liebe nicht die Rede sein würde, sie also nach Herzenslust unglücklich lieben könnte. Später käme es so: der Gras schreibt für sie ein Stück und fie studiert die Rolle oben am Cypressenteich, in dem sich die schöne Maria den Liebestod gibt. Tas Stück wird mit der Neri aufgeführt, hat einen Sensa- tionserfolg und — Ueber den Schluß Lin ich mir noch nicht klar. Tas- Drama muß sehr modern enden, ohne Sentimentalität, nebelhaft ungewiß a la Ibsen.
(Fortsetzung folgt.)
Knnstverein.
Gießen, 6. Febr.
Ten Besucher der Kunstausstellung empsängt zurzeit gleich beim Betreten des Saales ein kleines, sein gemaltes Bild, das die Aufschrift „Luftschloß" trägt: wie durch einen zarten Schleier, von Sonnenstrahlen und Regenbogen gewoben, erblickt man das hoch in den Lüften schwebende Schloß, als dessen Wächter ein schillernder Drache aus dem Tuftgewölk dem Beschauer entgegendräut; tief unten breitet sich an den Ufern eines Flusses eine Erdenstadt, das Luftschloß aber heißt „Veritas". G. von Ho eßlin-München ist der Maler dieses symbolischen Bildes, das für ferne Malweise sehr charakteristisch ist. Er liebt diese weichen, verschleierten Farben, diese elegischen und träumerischen Stimmungen, dieses stille Grübeln über Welt und Menschenlos, und selbst das einfache Landschaftsbild kleidet er gern in solch duftiges Gewand. Das Graugrün des „Olivenhains", das zarte Meeresblau bei dem „Bergnest", auch die dunkleren Massen des „Felsengestades" sprechen ähnlich zu uns wie die träumerische „Penserosa" und das italienische Kloster, das dem beschaulichen Leben als „Re- sugium" bereitet ist. Kräftigere Töne schlägt er in dem „Pandorabild" an, dem größten der diesmal von ihm ausgestellten Bilder, das Pandora in dem verhängnisvollen Moment zeigt, wo sie die Büchse öffnen will, die alle Uebel in sich birgt. Eine hübsche Ergänzung erfährt diese Bilderreihe durch die noch zahlreicheren Werke, die N. Geffcken - München ausgestellt hat. Hier geht es zum Teil recht Böcklinisch zu, besonders in dem idealen Hain „aus der Zeit, da Götter und Göttinnen liebten", mit seinem Marmortempel und festlichem Reigen, dem heroischen Liebespaar und der paradiesischen Gruppe von Tiger, Kind und Kaninchen, oder bei dem „Sirenenlied", dem ein seltsamer Meersteinbock mit' nicht ganz Böcklinisch. glaubhaften Flossen stupid andächtig lauscht, oder bei dem Eremiten, dem ein schöner, bunt aufgeputzter Engel sich gegenübersetzt, um sich an den: sprachlosen Staunen des so Besuchten zu weiden. Auch das große Bild „die Temperamente" gehört in diese Sphäre. Neben der schwermütig dasitzenden, in ernstes Violett gekleideten Melancholie steht in freiem, weißen Gewand und mit bunten Blumen geschmückt die sanguinische Freundin und weist sie auf den Urtypus des Sanguinikers, das fröhliche Kind hin, das auf blumigem Rasen spielt, während der behäbige Phtegmatikus, an die Gartenmauer gelehnt, Mit großer Seelenruhe dem Wutausbruch des rothaarigen cholerischen Kriegsmannes zuhört, der mit geballten Fäusten ihm gegenübersteht. Aber diesen Bildern stehen ganz realistische Arbeiter- und Bauernbiloer, bretonische Wäscherinnen, eine Porträtstudie zur Seite, und wieder auf einem anderen
Gebiet zeigt sich der Künstler, mit seinem „Serenissimus" aus den Tagen des Rokoko und der „Schloßherrin" auS der Biedermeierzeit. Viel Freude bereiten die von bet Berliner Kunsthandlung Levit ausgestellten 16 Kreidezeichnungen von W. Thielmann-Kassel, die fast durchweg hessische Volkstypen mit ausgezeichnet scharfer Beobachtung und in meisterhafter Darstellung vor Augen führen; ein vortreffliches Oelbild, zwei Bauern darstellend, beweist, daß der Künstler jene Technik nicht mit einseitiger Liebhaberei übt. Mit einem Dutzend sehr lebendiger und vornehmer Porträts stellt sich M. Fritze-Berlin dem Gießener Publikum vor, das die Bildnisse der einheimischen Künstlerin H. O n ck e n nicht nur vorzüglich getroffen finden, sondern auch als Beweise eines erfreulich gesteigerteil Könnens betrachten wird, die für die Zukunft noch viele schöne Gaben versprechen. Zahlreiche Lithographien, Radierungen und Aquarelle hat K. Baur-Leipzig ausgestellt und nicht nur Interesse, sondern auch Kauflust geweckt. Die Künstlerin zeigt sich am vorteilhaftesten in den beiden ersteren Gattungen, besonders mit dem Rödertor von Rotenburg o. d. T., den Landschaften von Grötzingen und Zschocher, während das Nachtbild von Münzenberg, hauptsächlich, wegen des ungewohnten und nicht recht günstigen Standpunktes, den Kenner der Oertlichkeit weniger befriedigt. G. S ch r ä g l e - Frankfurt erweist sich in drei skizzenhaft behandelten Oelbildern (Mutter und Kind, Atelier, ein Sonnenstrahl) als guter Beobachter und charakteristischer, wenn auch freilich nicht besonders gewinnennder Darsteller, C. Piepho mit seinem Sommerabend und der sehnsüchtig ausblickenden Frauengestalt gemahnt sowohl an v. HoeßlinS als an Geffckens Art, H. Koberstein-Berlin bringt unS diesmal mit 5 reizenden Exlibrisentwürsen einen besonders erlesenen Genuß. Im übrigen trifft der Blick fast nur auf Landschaften, unter denen die von F. Wucherer- Frankfurt, C. Weinert - Hannover, E. B i r g e r - München, L. Correggio-München, W. Feldmann, besonders aber die zierlichen Kabinettstücke von C. Bolze-Munchen und C. Groll-Darmstadt und das prächtige große Täm- merungsbtld von G. Kampmann-Grötzingen Hervorhebung verdienen. So bringt die gegenwärtige Ausstellung vieles und wird wohl manchem etwas bringen, und sollte doch einer unzufrieden aus dem Hause gehen wollen, so versöhnt ihn vielleicht ein freundlicher Nachklang der Schwindfeier, die vor einigen Wochen das Andenken emes der liebenswürdigsten deutschen Künstler erneuerte. Ein! Werk des 38jährtgen Künstlers, also nicht nur em Jugendwerk, war bisher so gut wie vergessen, die „Philostratischen Gemälde", die fick; als Wand- und Deckenschmuck in vier Sälen der Karlsruher Akademie, der jetzigen Kunsthalle, befinden. Goethe hatte die Künstler einst auf die dankbaren Stoffe hingewiesen, die in den philostratischen Beschreibungen fingierter griechischer Gemälde stecken; aber Schwind ist der einzige, der seinem Mnk folgte. Die reizend gra- Ä, meist mit wenigen Figuren und in dem einfachen rrzrot griechischer Vasenbilder dargestellte,i SA-nenl sind nun zum ersten Male veröffentlicht durch, den Breslauer Archäologen Rich. Joerster im Namen des dortigen Vereins für Geschichte der bildenden Künste, der dem archäologischen Institut der Landesuntverfität das hier ausgestellte Exemplar zum Geschenk machte. Möge es in der Kunstausstellung ein gern gesehener Gast sein. B. S.
Literarischer.
— Die gute und die schlechte Erziehung in Beispielen. 171 S. Braunschweig, Friedrich Vceweg u. Sohn. — Von Erziehungsbüchern, die sich in knapper, verständlicher und fesselnder Form an das Elternhaus wen- den, haben wir keinen Ueberfluß. Und wie notig sind solche Anleitungen, die sich mit den Kernfragen der häuslichen Erziehung beschäftigen. Es schadet nichts, wenn solche für Eltern bestimmte Büchlein Bekanntes wiederholen. Im Gegenteil! Not tut es, die grundlegenden Wahrheiten immer wieder zu bringen, geschieht es in geeigneter Weise. Ueber viele einzelne Fragen wird man ja immer verschiedener Meinung bleiben. Von einem erfahrenen und klugen Vater rührt dieses Büchlein von der guten und schlechten Erziehung her. Es ist in Gesprächsform abgefaßt unb gibt nebeneinander links die gute und rechts die schlechte Erziehung in Beispielen. Die zu Herders Zeiten beliebte kat^ chetische Form scheint in diesem Falle durchaus glücklich!


