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lächerlich mit seinen krampfhaften Versuchen, von der Tragödin unwiderstehlich gefunden zu werden — obgleich das Weib Assunta Neri ihn absolut nicht reizt. Es ist nur seine Eitelkeit, die sie haben will. Allein um dieser Komödie willen war es hübsch die große Dame bei mir gehabt zu Haven.
Heute sprach sie mit mir über den Grafen und die Miadama. Ich ivar anfangs etwas zerstreut, hörte also zuerst schlecht zu. Erinnere ich mich recht, so begann sie das Gespräch folgendermaßen:
„Sie ist ein ganzes Weib; aber er ist zu sehr verträumt und in sich selbst verloren, um ein ganzer Mann zu sein. Sie will nichts anderes, als lieben und geliebt werden — also nichts anderes, als Weib sein; er dagegen denkt nur daran, sich selbst zu verleugnen und seinem eigenen leidenschaftlichen Ich zu entfliehen. Sie geht an ihrer vollen Weiblichkeit, die sie nicht betätigen kann, zu Grunde; und er daran, daß sie nicht die Frau — nicht die eine und einzige Frau ist, die für diesen einen und einzigen Mann geschaffen ward. Uebrigens ist von den beiden sie die weitaus wertvollere Existenz."
„Weil sie nach der Liebe des Mannes schmachtet und wahrscheinlich verschmachten wird?"
Ta ich die schöne Maria nun einmal nicht leiden kann, sprach ich ziemliche wegwerfend von ihr. Die Neri sah mich mit ihren melancholischen Tragödinaugen so groß an, daß ich mich ärgerte, und sagte:
„Wollen etwa Sie deswegen die arme Frau verächtlich finden?"
Jetzt ward ich böse:
„Weshalb betonen Sie so scharf, ob ich die Dame deshalb verächtlich finde?"
Jetzt lächelte sie; und jetzt war sie sofort wieder reizend. Aber ihr Lächeln war sehr traurig.
„Weil auch Sie eine Schwester der schönen Maria sind. Wir alle, die wir echte Frauen und nichts anderes als echte Frauen sind, müssen Uns Schwestern der armen Maria Nennen."
Empört ries ich:
„Ich sollte schwächten und schließlich verschmachten! . . . Wonach schwächten? Meine Frauennatur zu erfüllen? Weswegen verschmachten? Weil ich! meine wahre Natur nicht erfüllen — nicht die Sklavin, das Geschöpf, die Geliebte eines Mannes sein kann, des ganz bestimmten einen und einzigen Mannes, für den ich eigens geschaffen ward?"
Ich! war wirklich geärgert. Doch die Tragödin blieb gelassen und schwermütig.
„Ich wüßte nicht, was ich Ihnen Besseres wünschten könnte."
„Als was?"
„Als eine große Leidenschaft."
Es durchschauerte mich plötzlich ... Ts war jenes eigentümliche zitternde, fröstelnde Schauern, welches uns überfällt, wenn jemand über unser Grab gehen soll.
Warum mußte sie aber auch gerade die Phrase von der großen Leidenschaft brauchen?!
Ich rief:
„Eine große Leidenschaft. . . Wie sollte ich dazu kommen? Was sollte ich damit anfangen? Ich bin gar picht imstande, eine große Leidenschaft zu empfinden, will dazu gar nicht imstande sein! Sie kennen mich eben nicht, Sie überschätzen mich;"
Und ich lachte hell auf.
„Ich möchte Sie Ihnen gönnen", sagte die seltsame Frau langsam und leise.
Ich erwiderte sehr erregt:
„Wie können Sie mir etwas gönnen wollen, was nun einmal nicht in meiner Natur liegt? Ich! bin ja viel zu kokett, viel zu äußerlich, zu moiidaine und zu klein, um einer großen Leidenschaft überhaupt fähig zu sein. Es weiß ja kein Mensch, wie klein und erbärmlich ich bin!"
Und in einem Anfall von Tollheit — denn etwas anderes kann es nicht gewesen sein — glitt ich auf den Teppich und der Tragödin zu Füßen nieder, umfaßte sie Mit beiden Armen, verkroch mich mit dem Kopf in ihren Schoß und begann herzbrechend zu schluchzen.
Stelle Dir vor: ich, Deine kleine, niederträchtige, sata- pische Biviane, begann herzbrechend zu schluchzen.
Ich war also einfach verrückt; uno sie benahm sich einfach himmlisch; Wf glaube, sie sagte mir:
Ich wäre ein armes, süßes Ding, sie hätte mich sehr lieb und ich täte ihr schrecklich leid. Tenn ich gehörte zu denjenigen Frauen, deren Natur verkümmerte.
Und sie sagte mir ferner:
„Das Geschwätz von der berühmten Souveränität der Frau ist Unsinn! Eine Frau ist. nur souverän in der Liebe und im Leiden, unumschränkte Herrscherin nur in der Hingabe ihres ganzen Selbst."
Und sie sagte mir zum Schluß:
Sie halte mich durchaus für fähig, eine große Leidenschaft zu empfinden, ganz darin aufzugehen! Es wäre wie Flammentod der Seele in einem himmlischen Feuer.
Sie sprach zu mir, wie zuvor noch niemals ein Mensch gesprochen hatte, wie ich nicht für möglich gehalten, daß jemals jemand zu mir sprechen würde. Sie war sehr, sehr traurig; aber sehr groß — herrlich groß!
Tu kannst den Eindruck, den ihre Rede auf mich machte, gar nicht begreifen. Zum erstenmal ging mir eine Ahnung davon auf, daß ich vielleicht doch etwas mehr wäre als eine unv erb es s erliche Mondaine; und daß von den beiden Seelen in mir die eine doch noch einmal groß und gut empfinden könnte. Denn ich will nicht, will nicht, will nicht so erbärmlich in mir selbst verbrennen, will Nicht aufhören zu leben, bevor ich überhaupt gelebt habe.
Höre es, göttliche Vorsehung! Und höre es, gemeiner Zufall:
Ich will nicht!
*
Assunta Neri ist abgereist.
Sie ist zu Tode erschöpft. Wer sie muß Komodie spielen; denn sie will Geld verdienen. Sie geht mit ihrer Truppe nach Rußland.
Wann werde ich sie Wiedersehen?
Wie werde ich sie Wiedersehen?
Sie scheint wirklich nicht zu wünschen, daß ich dem Grafen wieder begegne. Wer sie denkt dabei weniger an ihn als vielmehr an die Madama, die den Grafen liebt, von ihm nicht wiedergeliebt wird und daran allmählich zu Grunde geht. . . Bildet sie sich etwa im Ernst ein, ich könnte mit der guten Maria rivalisieren wollen?
Demnach müßte ja der Graf der eine und einzige Mann sein, der —
Welch ein Gedanke!
Schließlich ist er eben doch schon ein alter, wenigstens ein alternder Mann . . . Und die Jugend ist etwas so Köstliches, Berauschendes, Seligmachendes!
Wer Assunta Neri ist fort! Und durch ihren Verlust empfinde ich plötzlich ihren Wert in vollstem Umfange. Sie ist solche Ganzheit — ich weiß es nicht besser auszudrücken. Alles au ihr ist ungeteilt und ganz. Die Leute nennen sie eine große Künstlerin . . . Ich möchte sie viel einfacher einen großen Menschen heißen.
Weißt Tu: es ist doch etwas Geheimnisvolles und Wundervolles um die Wirkung eines solchen Geistes auf andere schwache Geister. Man mag wollen oder nicht, man mag sich sträuben und dagegen sich auslehnen; aber die Wirkung des wahrhaft Großen ist doch so mächtig, daß man selbst daneben weniger klein erscheint.
Man muß sich allerdings auf die Fußspitze stellen.
Assunta Neri ist fort! An der Leere, die sie zurückläßt, fühle ich, daß sie dagewesen ist; und daß ich — recht
Nacht grüße ich jetzt das einsame Nachbarlicht. Fast jede Nacht sehe ich den Grasen auf der Galerie stehen und zu seiner hellen Gefährtin in der Finsternis hinübergrüßen.
*
Ich! lese Cola Campana, nichts als Cola Campana! Dieser Dichter kennt weder die Welt, noch die Menschen. Am allerwenigsten kennt er uns Frauen.
Er hat nur das Verlangen, uns kennen zu lernen.
Um diesen Dichter in allem, was er jemals war und dichtete, erschöpfend zu charakterisieren, genügt ein einziges Wort. Tenn im Grunde genommen ist es nur ein einziges Wort, welches Cola Campana in den fünfzehn oder zwanzig Bänden ferner gesammelten Werke geschrieben hat.
Tiefes eine einzige Wort lautet:
Sehnsucht!
Er sehnt sich eben so heiß, zu leben wie zu sterben. Er sehnt sich nach Glück genau so grenzenlos wie nach


