Montag den 8. Aröruar
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(Nachdruck verboten.)
Wlla Jakcsnieri.
Von RichardVvß.
Zweiter Band.
(Fortsetzung.)
Villa Taverna-Borghese, 3. Mai.
Tie Neri scheint am Cypressenteich eine neue Rolle zu studieren, so häufig ist sie in der Villa Falconieri.
Sie sprach mit mir kein Wort über die beiden einsamen Menschen; und ich fühle, daß sie mich beobachtet und beargwöhnt. Sie scheint aus der Koketterie, die ich bei meiner Begegnung mit dem Grafen sehr glücklich entwickelte, Gott weiß was für tragische Schlüsse zu ziehen und dadurch ver mir einen vollständigen Mangel an gutem Geschmack vorauszusetzen. Selbst für eine Caprice wäre der Fall da oben ganz und gar — nicht mein Fall!
Möglicherweise fürchtet sie für die Ruhe ihres Dichters. Aber diese soll ja wohl Kirchhofsruhe sein? Sie etwas zu stören, den Grafen für seinen hochmütigen Wahn — denn es ist Hochniut, zu glauben, die ganze Welt entbehren zu können — etwas zu züchtigen, würde meiner Eitelkeit vielleicht schmeicheln. Immerhin ist er nicht der erste beste; also nicht einer von jenen Larven, die mich umwimmeln.
Es ist in der Tat das erste wahre Menschenqesicht, welches ich bei einem Manne erblickt habe — bei der Frau ist es, außer Deinen reinen, stolzen Zügen, meine geliebte Madame Charme, nur noch mein eigenes Gesicht!
, Allein aus diesem Grunde würde es der Mühe lohnen meine Evanatur ein wenig spielen und schillern zu lassen' Aber sei ruhig, liebe, ängstliche Seele! Ich will Großmut u,6e" ,ll*tb mit dieser einen Probe begnügen — da sie ziemlich gelungen ausgefallen zu sein scheint.
Daß ich ein einziges Mal so recht nach Herzenslust kokett war, ist mir wahrhaftig nicht zu verdenken bei dieser grenzenlosen gespenstigen Oede in mir. Eine echte Frau muß kokett sein! Das ist für die Frau einfach Naturnotwendigkeit. Nun konnte ich bisher meiner Natur nicht folgen; denn mit wem hätte ich wohl kokettieren sollen? r. Etwa mit dein Prinzen? Mit diesem raffinierten, blasierten- entnervten Liebeskünstler und brutalen Egoisten, der zufällig mein Mann ist? Oder mit dem ganzen übrigen Schwarm von seinesgleichen?
. Etwas in meiner Natur ist daher — ich fühle es! — dem Verkümmern und Verkrüppeln nahe; und zwar ist dieses untergehende Etwas schließlich alles. Es ist das stanzeWeib in mir! Um mich weniger tragisch,, nm mich ziemlich frivol auszudrucken: diese Verstümmelung meiner Weibnatur, die ich. mir ohne Unterlaß selbst zufüge, entstellt meine Schönheit. Denn nichit bis in die Fußspitze hinein
Wech zu sein, ist nicht weniger häßlich als ein lahmes Bern zu haben, einen schiefen Rücken, oder eine rote Nase,
Denke doch eine rote Nase — entsetzlich!
Willst Tu, daß Deine allerliebste Viviane ein Ungetüm sein soll?
Tu stehst, daß ich für meine Koketterie mit dem armen Grafen immer mehr Gründe finde. Doch wiederhole ich! ' Weshalb? kI)l Ia^e C§ an d^sem einem Mal genug sein. Nicht aus sogenannter Moral!
, Ich schwöre Dir zu: wahr und wahrhaftig nicht aus einer abgestandenen, engbrüstigen, altjüngferlichen Tugendhaftigkeit; sondern lediglich aus Laune. Tu weißt, das ist für uns Frauen der Grund aller Gründe. Eine höhere Instanz, bei der wir wider uns selbst Berufung einleaen' konnten, gibt es für uns nicht.
Uebrigens hat der Graf von seinem SonderlingsrechtL besten Gebrauch gemacht und in der Billa Taverna keine Visite abgestattet. Wielleich': steckt die große Tragödin dahinter. Dieses Künstlervolk bildet ja untereinander einen Geheimbund — genau so wie die Leute der Gesellschaft, die der Trieb der Selbsterhaltung wie Galeerensklaven zusammenkettet. Auch weiß ich ja, daß die Neri den Dichter der ,Agrippina', dem sie Dank schuldig ist, für ein kleines psychologisches Experiment viel zu gut hält.
Aber der arme Graf hat schlechtere Nächte als je; denn sem einsames Licht leuchtet jetzt bis in den Hellen Tag hinein. Allerdings leistet meine nächtliche Flamme der seinen treue Gesellschaft.
Gestern Nacht bekam ist plötzlich die fixe Idee: „Jetzt stellt der Graf auf der Gallerte, die um sein Zimmer läuft, und schaut herüber.' Um mich von meiner Einbildung zu heilen, nahm ich mein Glas, begab mich in ein Nebenzimmer, und richtig — dort stand er! Deutlich hob sich seine Gestalt vom Hellen Hintergrund des erleuchteten Fensters ab.
Vielleicht war es ein Zufall.
*
Schrieb ich Dir bereits, daß ich mir Cola Campanas sämtliche Werke kommen ließ, und daß ich seine sämtlichen Werke jetzt lese?
Aus reiner Neugierde!
Zum erstenmal seit meiner Klosterzeit liegt auf meinem Lesepult kein französischer Roman. Die Gegensätze zwischen dieser und jener Lektüre sind merkwürdig; denn bei Cola Campana scheinen die Frauen eines ganz anderen Zweckes wegen auf Erden zu fein als bei den Franzosen. Meiner Natur nach sollte es mich langweilen; doch eben der Kontraste wegen interessiert es mich.
Wir werden ja sehen.
Tie große Tragödin will mich bald verlassen, und —i ich halte sie nicht zurück.
.Diese Schauspielerinnen sind verwöhnter als eine Kö- nigiu und kapriziöser als la plus grande nwndaine du monde! Ter Prinz benimmt sich nach wie vor wundervoll


