Ausgabe 
8.1.1904
 
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sehen können nur so der Abwechslung halber. Ich nehme meinen süperben Küchenchef mit und Tu Deine schöne Frau. Was meinst Du? Wir vier sollten es miteinander ein paar Jährlein wohl aushalten können, bis hier die Weltgeschichte wieder etwas heiterer geworden ist."

Ich erwiderte:

Seien wir klassisch! Gehen wir dorthin, wo Marcus Tullius Ciceros Tuskulum gestanden haben soll. Dieses Paris ist eine elende Lappalie geworden. Die römische Campagna zu Füßen Childe Harold gelesen, den Virgil und Horaz das könnte das Leben für eine zeitlang wieder lebenswert machen."

(Fortsetzung folgt.)

Weaterörände.

Ein Wort zur Beruhigung und zur Vorsicht.

Von Tr. Kurt Rudolsi.

Zu der langen Reihe von Theaterbränden, die nicht nur den wertvollen Bau samt seinem kostbaren Inventar, sondern auch eine große Zahl blühender, zu freudigem Schauen versammelter Menschen vernichtet haben, ist durch die Katastrophe in Chicago ein weiterer, durch die Begleit­umstände ganz besonders entsetzlicher Fall getreten, der nicht verfehlen wird, die allgenieine Aufmerksamkeit aufs neue auf das Problem der Feuersichprheit in Theatern, Zir­kussen, Konzerthäusern, Warenhäusern und anderen öffent­lichen Gebäuden zu lenken, die zeitweise als Versammlungs­ort für Hunderte und Tausende bestimmt sind. Der letzte größere Theaterbrand in Deutschland, der in der Nacht vom 19. zum 20. Januar 1902 das Hoftheater zu Stutt­gart in Aschx legte, betraf ein altes, längst überständiges Gebäude, das die durch die Statistik ermittelte, durchschnitt­liche Lebensdauer der Theater längst überschritten hatte, also einen alten Rumpelkasten, der übrigens erst spät in der Nacht, mehrere Stunden nach Schluß der Vorstellung ohne Gefährdung von Menschenleben in Flammen aufging. In Chicago aber, der stolzen Königin der Seen, im Dollar­lande, das unserem veralteten Europa in jeder Hinsicht voraus zu sein glaubt, brennt ein erst vor wenigen Wochen vollendetes und in Gebrauch genommenes Theater, das mit großer Ruhmredigkeit alsabsolut feuersicher" bezeichnet worden war und entgegen dieser Versicherung zum glühen­den Höllenkrater für noch weit mehr Menschen wird, als selbst dem schrecklichen Brande des Wiener gjingtheaters vom 9. Dezember 1881 zum Opfer fielen.

Angesichts dieser Mafsenvernichtung und dieses Massen­jammers fragt sich nicht nur derjenige, der selbst ein häufiger Theaterbesucher ist, sondern jeder warm fühlende Menschenfreund, ob denn solche furchtbaren Unglücksfälle wie derjenige im Jroquoistheater immer wieder mit der Notwendigkeit eines Naturereignisses eintreten müssen oder durch entsprechende Vorsicht der Bau- und Sicherheits­polizei, der die moderne Technik alle ihre Fortschritte zur Verfügung stellt, aus der Reihe der elementaren Kata­strophen ausgeschaltet werden können. Tie Antwort ist, wie heute die Tinge liegen, kein klares Ja und Nein. Wer viel in der Welt herumgekominen ist, weiß, daß auch in Deutschland, weit mehr aber noch in romanischen Ländern noch mancher alte Kasten steht, der gerade aus Sicherheits­gründen längst einem Neubau hätte Platz machen müssen und über dessen Plunder und Zunder augenscheinlich Sankt Florian seine schützenden Arme ausgebreitet hat. Anderer­seits aber ist das Brandunglück in Chicago ein Beweis dafür, daß auch Neubauten gegen die Angriffe des Ele­mentes, das unter seinen Brüdern am meisten das Gebild von Menschenhand haßt, nicht befeit sind. Es erhebt sich daher die bange Frage, wann und wo sich zum nächsten Male die Schxeckensszenen wiederholen werden, die den tragischen Abschluß des eben zu Ende gegangenen Jahres bildeten.

Betrachten wir die mit großer Genauigkeit aufge­nommene Statistik der Theaterbrände des 19. Jahrhunderts, so ist es eine augenfällige Tatsache, daß die Zahl dieser Katastrophen im Wachstum begriffen ist. Von 1800 bis 1810 sind nur 16 Theaterbrände zu verzeichnen. Aus dem folgenden Jahrzehnt ist ihre Zahl mit 14 sogar noch ge­ringer. Von diesem Zeitpunkte an schnellen jedoch die Zahlen auf 31, 33, 44, 74, 98 und für die Jahre von 1870 bis 1880 sogar auf 118 hinauf (also etwa für jeden Monat

des Jahres ein Theaterbrand), um fortan nur noch in langsamem Tempo zu wachsen.

Zur Beruhigung kann gleich hier gesagt werden, daß diese erschreckenden Ziffern sich doch um ein beträchtliches schlimmer anhören, als sie in Wirklichkeit sind. Erstens werden alle irgendwie erheblichen Theaterbrände heute viel genauer registriert als ehedem, wo ein derartiges Ereignis, falls es nicht besonderen Umfang annahm, nur in beschränkteren örtlichen Kreisen Aufsehen erregte. Des weiteren aber sind mit dem Wachstum der Städte und des Wohlstandes ihrer Bewohner auch neue Theaterunter­nehmungen in großer Anzahl entstanden. Die wirtschaft­liche Treibhausblüte vor Eintritt des großen Krachs, die sich nicht nur in Teutschland auf Grund des sogenannten Milliardensegens, sondern auch anderswo aus allge­meinen Ursachen einstellte, begünstigte namentlich die Gründung zahlloser Bretteltheater und solcher Bühnen, die im Genre des Ausstattungsstückes arbeiten und während man eS in ersteren, mit Rücksicht auf das Publikunr vor aber auch hinter dem Vorhang mit Rauchverboten nicht besonders streng nahm, mehrte sich in letzteren der Ballast leicht entzündlicher Requisiten, die der kleinste Funke in Flammen setzt, in höchst gefahrdrohender Weise. Obendrein begann man um das Jahr 1850 allgemein in den Theatern mit der Einführung der Gasbeleuchtung, deren offene Flammen unsägliches Unheil anstifteten, und es ist deshalb sehr erklärlich, daß im sechsten, siebenten und achten Jahrzehnt die Zahl der Theaterbrändc in be- ängsllgendem Maße wuchs.

In den Beginn des neunten Jahrzehnts des ver­gangenen Jahrhunderts fällt nun der schon erwähnte Ring­theaterbrand. Tie Tvdesschreie der hierbei um das Leben gekommenen 450 Menschen scyreckten nicht nur in der Stadt des Unglücks, sondern auch in den meisten anderen Län­dern Europas die Behörden, die Baumeister und die Be­sitzer der Theater aus ihrer bisherigen schläfrigen Un­tätigkeit auf. Alle gangbaren Wege, um die Feuergefähr­lichkeit der Theater einzuschränken, wurden in Erwägung gezogen, und auch wirklich beschritten, und es kann schon hier gesagt werden, daß infolge dieser Bemühungen die Zahl der Theaterbrände seitdem nicht mehr in so rapidem Maße wie vorhin weiter gewachsen ist, ja daß sogar, wenn man die Zahl dieser Unglücksfälle mit derjenigen der Theater, die sich immer weiter vermehren, in Ver­bindung setzt, wenigstens in Deutschland, Oesterreich, Frank­reich und England, die prozentuale Brand- und Lebens- gefahr erheblich vermindert worden ist.

Allerdings waren die Aufgaben der Baupolizei und Techniker hierbei an vielen Orten mit einer Sisyphus­arbeit zu vergleichen. Was vorher schon an einzelnen Stellen geschehen war, war häufig jämmerliches Stückwerk, und während man gegenüber privaten Unternehmen ohne Ansehen der Person verfuhr, sah man sich dort, wo die Baulichkeiten der die Pvlizeigewalt handhabenden Stadt­gemeinde gehörten oder sonstwie staatlich oder landes- fürstlichen Besitz bildeten, durch mancherlei Rücksichten die Hände gebunden. Man gelangte dabei aber doch zu einer Reihe von Grundsätzen, die die Feuersicherheit der Theater bedeutend erhöhen und sich in kurzen Worten wie folgt zusammenfassen lassen.

Jedes Theater bedeutet nicht nur eine gewisse Gefahr für die ihm nahe gelegenen oder direkt angebauten Privat­häuser, sondern wird umgekehrt auch durch einen in diesen entstehenden Brand bedroht. Prinzipiell sollen daher Theater nur frei für sich allein auf Plätzen stehen, oder, wo dies nicht möglich ist, von den angrenzenden Miets­häusern durch außergewöhnlich starke Brandmauern ge­schützt sein. Ganz verwerflich dagegen ist ihre Anlage, wie es leider von früheren Zeiten her noch der Fall ist hvfwärts hinter geschlossenen Straßenfronten, weil dadurch unüberwindliche Hindernisse für allseitige wirk- same Angriffe der Feuerwehr gegen den Brandhecrd auf­getürmt werden. Was die eigentliche bauliche Konstruk­tion betrifft, so verlangt man heute im weitesten Umfange die Verwendung feuerfesten Materials. Man hat eine zeit­lang geschwankt, ob man Holz oder brennbare Stoffe in Theatern gänzlich entfernen soll oder in imprägmcrtem Instand zulassen darf. Heute neigt man entschieden zu der ersten Ansicht, und wenn auch imprägnierte Kulissen, dre übrigens lange den Flammen Widerstand leisten, schwer­lich je durch solche, die aus Metallblech gearbeitet sind.