Ausgabe 
8.1.1904
 
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sie

in

hätte ein wundervolles Organ! Aber sie sprach kaum. . .

er-

Ich

Ich suchte meine lebendige schöne Frau.

Irgendwo fand ich sie. Ich fand sie im Elend und nicht in einem kleinen eleganten Quartier, wie ich beinahe gefürchtet hatte. Ich war mit meiner Furcht einfach ein Narr gewesen. Denn:

Diese Frau und ein kleines elegantes Quartier!

Aber jetzt sollten die Tinge anders werden.

*

Jetzt waren wir arm wie Kirchenmäuse . . . Und ich liebte nun einmal Boule-Möbel und Spores-Porzellan, japanische Bronzen und Smyrnateppiche, Trüffelpüree und Austern, teuren Wein, teure Pferde.

Was war zu machssn?

Wer zum gemeinen Handwerk des Lebens nichts taugt, der hat in sich den Stoff zu einem Künstler des Lebens. Aber auch dazu gehört Glück; und die Dirne Fortuna zeigte sich auf einmal so spröde gegen mich beinahe wie

Man muß eben Philosoph fein . . .

Ich hatte einen Freund, der war ein echter Nachkömm­ling des alten griechischen Herrn Epikur. Dieser vollendete Lebenskünstler sagte eines schönen Tages zu mir:

Höre, mein Junge! Seitdem die Preußen in Paris waren ,schmeckt mir hier die creme Gervais nicht mehr. Ich bin der ganzen Geschichte an der Seine überdrüssig ge­worden. Weißt Du nicht irgendwo ein Tuskulum, von wo aus wir uns den Weltspektakel eine kleine Weile mit an-

unendliches Leitmotiv.

Ich konnte es pfeifen wie eine Vertusche Arie. Da plötzlich

Und diese eine Frau mußte gerade meine Frau fein!

Ueber zwei Jahre waren wir bereits verheiratet und hatten noch kein Kind . . .

Ter Krieg von 1870 kam. Auch ich zog mit aus gegen die verd . . . Prussiens. Vierundzwanzig Jahre war ich alt und wollte Heldentaten verrichten; denn den Virgil trug ich schon damals in meiner Seele. Und das war noch das Beste au mir. Am liebsten hatte ich den alten König Wil­helm gefangen. Oder diesen Monsieur de Bismarck Caere bleu! Da kam der Schandtag von Sedan; und unter diesen Gefangenen, die der Prussien an der Maas machte, war auch meines berühmten Vaters heldenmütiger Sohn.

Frankreich ward Republik, in Paris herrschte die Kom­mune ich saß in Deutschland gefangen.

Tort hörte ich: mein berühmter Vater war gestorbech im Hotel Trouot die Auktion seiner Kunstsammlung ab- gehalteu, kein roter Heller übrig geblieben.

Bon meiner wunderschönen Frau hörte ich nicht-

Ich lief fort.

Mit zerrissenen Sohlen, halb verhungert, zu Tode mattet wie ein gehetztes Wild kam ich nach Paris. _ .. kümmerte mich wenig um meinen toten berühmten Vater.

Sie sehen, ich bin aufrichtig.

Was hülfe es mir auch, nicht aufrichtig zu fein?

Ich bildete mir ein, die Frauen zu kennen; ich glaubte . dem einen wären alle gleich: ein Thema! In unendlichen Variationen zwar; aber doch immer eine Grundmelodie als

Sie machte in dem berühmten Atelier meines Vaters Sensation. Ihr Debüt in Paris war wie eine Premiere von Au gier, wie ein neuer Roman von Zola. Man sprach eine volle Woche davon. Mein berühmter Vater wühlte selbst für ihre Toilette die Stoffe, konferierte selbst mit dem Schneider,

Aber sie war schon damals so so sonderbar gleichgiltig gegen alles.

Gar nicht wie andere Frauen!

Ueberhanpt

Ja, mein Herr, eine seltsame, sehr seltsame Fran. Sv halsstarrig! Und ich immer noch in sie verliebt. Dollyr als je, mein Herr.

Ein Mann wie ich!

Sie paßte gar nicht sür die gründe nie Boheme. Sie ließ sich dafür auch nicht erziehen.

Aber ich hatte doch die schönste Frau und wurde darum beneidet. Wäre die schönste Frau nur etwas mehr ein schönes Weib gewesen.

Mein berühmter Vater meißelte ihr seineVestalin" und wurde dadurch noch berühmter; Guy de Maupassant verliebte sich in sie; Anatole France machte Gedichte ans sie und Sarah Bernhardt wollte sie für die Bühne ausbildenr

ftüher mit Postkutsche und Vetturin von Rom nach Neapel fuhren, lehrte S. Cefareo Todesfurcht; denn bei S. Cesareo warteten die Briganten von Rocca Priora auf sie, und es hieß: Geld her oder das Leben!

Bon den Vorfahren meiner Frau Mutter lauerten wohl manche braune Bursche im Hohlweg bei den Trümmern der Cäsarvilla; und mein Herr Großvater war ein berühmter Brigant. Er hatte hie Ehre, durch den Henker zu sterben.

Ein anderer Ahn meines Hauses erhielt lebenslänglich Galeere; ein dritter wurde von seinem besten Freund an die Sbirreu verkauft.

Noch heute gibt es in meiner Mutterstadt eine Bahre, darauf nur diejenigen zur letzten Ruhestatt getragen werden, die eines jähen Todes durch Büchse oder Dolch verstorben sind.

Die Leute von Rocca leben nicht in menschlichen Wohnungen, sondern sie hausen in Höhlen. Winters gehen sie auf Wolfsjagd. Sie haben selbst etwas Wölfisches.

Meine Mutter war wild und schön! Sie war schön wie eine griechische Liebesgöttin und wild wie eine sabinische Wölfin.Auch ebenso gierig. Sie stierte aus ihrem schwarzen feuchten Felsenloch so lange auf das goldene Weingefilde hinab, bis sie es in ihrer Wildnis vor Hunger nicht mehr aushielt.

Sie stieg hinunter und ging auf Raub aus.

Sie ging nach Rom.

Hier stellte sie sich an der spanischen Treppe auf und lauerte auf Beute. Tie Römer liefen zusammen, um das schöne, wilde Menschentier anzustaunen. Sie lauerte ge­duldig, bis der Rechte kam. Dem sah sie nur in die Augen, um gleich zu wissen, daß es der Rechte sei.

Bon diesem ließ sie sich mitnehmen.

Er wohnte wie ein Fürst in der Villa Medici am Pincio, war Bildhauer, hatte den Prix de Rome erhalten und sollte ein Genie sein. Das alles genügte jedoch noch nicht, um berühmt zu werden. Er besaß wütenden Ehrgeiz und hätte für Ruhm dem Teufel seine Seele verschrieben. Ter Teufel kam denn auch zu ihm, und er verkaufte sich ihm: er sah an der spanischen Treppe das schöne Weib und nahm es mit sich.

So kamen die beiden Gierigen zusammen.

Ter ehrgeizige Künstler hätte sein schönes Modell am liebsten eingeschlossen, wo weder Sonne noch Mond sie be­schien: es sollte einzig und allein ihm angehören! Diezu Tode geküßte Bacchantin" entstand. Es wurde das größte Werk der modernen Pariser decadence und sein Schöpfer weltberühmt.

Später zogen meine Eltern nach Paris. Dort wurde ich geboren und bald darauf von meiner Mutter verlassen.

Ter Mensch muß über alles objektiv denken; auch über die, denen er das Leben zu verdanken hat wie die Redens­art heißt.

Ich hieß nach meiner Mutter Mariano und nach Victor Hugo Bittori. Komische Kontraste, nicht wahr? Mein Vater beabsichtigte stets, mich in aller Form Rechtens zu adop­tieren, kam aber nach Künstlerart niemals dazu.

In dem Atelier meines Vaters verkehrte ganz Paris: das ganze berühmte, geistreiche, elegante, frivole, blasierte, verlebte, verlotterte, verfaulte Paris! Gestern machte eine Herzogin die Honneurs, heute irgend eine Chansonnetten- füngerin. Turgenjew und Bizet, Felicien Rops und Coqnelin waren Hausfreunde. Zu den kleinen Tiners kamen Sardou und Jules Janin, Sarah Bernhardt und die Viardvt Garcia. Alexander Tumas Pere half ich seine famosen Omelettes backen, Guy de Manpassant erzählte mir Liebesgeschichten, Madame Judic übte vor mir ihre Lieder ein.

Da wird man begreifen

Ich wurde Soldat. Anstatt daß die Weiber mich toll machten, machte ich die Weiber toll. Aber ich will nicht renommieren.

Man schickte uns zum Schutz des Kirchenstaats nach Italien. Ich kam nach Rom. Tie Römerinnen ließen sich mit den Pariserinnen nicht vergleichen.

Ick) lernte einen römischen Bürger kennen. Ter Mann war früher wütender Freischärler, hatte eine genußsüchtige lasterhafte Fran und eine wunderschöne, madonnenreine und marmorkalte Tochter. Sie hieß Maria. Ich verliebte mich. Herr zum erstenmal in meinem Leben war ich rasend verliebt!

Und sie in mich. . . Aber es lagen Umstände vor Lenun, die wußte ich zu überwinden.