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her Gründung des Lyzeumklubs in Berlin sehr sympathisch gegenüber, und eine große Zahl von Mitgliederaufnahmen war der Erfolg der Tagung.
* Der Talisman des Zaren. Aus Radautz wird der „Bohemia" geschrieben: Im September d. I. erzählte der Kaufmann Tutnauer, ein sehr frommer Jude, es sei ihm im Traume- der Geist des verstorbenen Beherrschers aller Reußen, Kaiser Alexander, erschienen und habe ihn flehentlich gebeten, fünf vom Wunderrabbiner geweihte Münzen, die er (Tutnauer) seit ungefähr dreißig Jahren in seinem Besitz habe, seinem Sohne, dem Kaiser Nikolaus, zu übergeben, damit er siege. Tutnauer überlegte sich's nicht lange, ließ von einem Advokaten ein Schreiben an die Kaiserlich-russische Kabi- nettskanzlei verfassen, ins Französische übersetzen und schickte es rekommandiert ab. Er teilte seinen Traum mit und erklärte sich bereit, die Münzen dem Kaiserlich russischen Konsul in Czernowitz zur Weiterbeförderung an Kaiser Nikolaus zu übergeben. Man lachte allgemein hierüber und hielt sein Beginnen für töricht. Nicht wenig erstaunt waren aber die lieben Radautzer und mit ihnen auch Tutnauer, als mn 17. d. M., eine Vorladung ins Bürgermeisteramt und am darauf folgernden Tage eine zur Bezirkshauptmannschaft eintraf. Es war nämlich im Wege der betreffenden Ministerien an die betreffenden Aemter die 2ln- frage über den Briefschreiber herabgelangt und dieser einem genauen Verhör unterzogen worden. Er mußte aber seinen Traum genau berichten und die fünf geweihten Münzen vorzeigen. Tie Aemter behandelten die Angelegenheit sehr dringend und leiteten noch am selben Tage die Auskunft an die vorgesetzte Behörde zurück. Dieselbe soll für den Bricfschreiber überaus günstig lauten, und — wenn nichts dazwischen kommt — dürften die Münzen bald nach Petersburg wandern.
* Tie Millionär Stoch ter a l s Hausmädchen. Eine Stellung als Hausmädchen hat sich Miß Marianne Wood, die Tochter des Millionärs Randolph Wood aus Phila- nckphia gesucht, zum Schrecken ihrer Familie und zum großen Ergötzen der „smarten" Gesellschaft. Sie fegt die Stuben, kocht, bedient die Heizung und besorgt außer der Wäsche alles, wofür sie wöchentlich 16 Mk. bekommt. Miß Wood hat erklärt, daß die Gesellschaft sie sehr langweile, und daß die einzige Befriedigung im Leben darin liege, fleißig zu arbeiten. Dies ist übrigens der vierte Versuch Miß Woods, sich auf eigene Füße zu stellen. Sie war schon als Schauspielerin, Schneiderin und Krankenpflegerin tätig.
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— Tie Frankfurter Mundart und ihre Literatur. Von A. A s k e n a s y. Preis 5 Mk. Verlag und Druck von Gebrüder Knauer in Frankfurt a. M. — Das Material nach sachlichen Gesichtspunkten ordnend gibt uns der Verfasser eine mosaikartige Darstellung des Frankfurter Dialekts, wobei er es nicht unterläßt, die zahlreichen Ausdrücke, die Goethe dem Wortschatz seiner Vaterstadt entnommen hat, entsprechenden Orts anzumerken. Nach Aufzählung der charakteristischen Frankfurter Redensarten. geflügelten Worte, scherzhaften Ausdrücke, Aus- oder Zurufe und Fremdwörter bespricht Askenasy die Koseformen der Vornamen und die Verwandtschaftsbezeichnungen, sodann im Kapitel „Aus der Kinderwelt" die Jugendspiele und die Kinderlieber. Ein anschauliches Bild des bürgerlichen Lebens gewähren die feinsinnig gegliederten Abschnitte Gewerbe, Münzen, Maße und Gewichte, Kleidung, Hausbau, Haushaltung, Küche, Essen und Trinken, Brot und Kuchen. Kartenspiel, Zank und Streit, Schimpfworte und fromme Wünsche, Rauchen und Schnupfen, Krankheiten und Gebrechen, dabei führt der Aepfelwein von Sachsenhausen zu einem Abstecher nach der Sackienhäuser Mundart. Es folgen die volkstümlichen Namen der Apothekerwaren, der Pflanzen und Tiere. lieber die ehemaligen staatlichen Verhältnisse vor 1866 orientieren in launiger Weise die Artikel „Senat und Bürgerschaft", „das Frankfurter Militär", durch Beigabe eines humoristischen Bildchens der aus Oesterreichern, Preußen, Bayern und Frankfurter Linie „gemischten Parrulch" illustriert. Auf den Standpunkt des Grammatikers stellt sich der Verfasser, wenn er kine größere Zahl Frankfurter Idiotismen näher beleuchtet, insbesondere unter den Rubriken: überflüssige, fehlende oder geänderte Buchstaben, Pluralbildung, Diminutive, abweichende Artikel, auffällige Konjugation, doppelte Verneinung, Verstärkung und Verdoppelung in der Wortbildung; er schließt daran eine alphabetische Liste eigenartiger Haupt-, Zeit-, Eigenschafts- und Umstandswörter. Aber auch der Lvkalhistoriker findet seine Rechnung, denn im „Anhang" bietet das reichhaltige Buch für das Verständnis älterer einheimischer Schriftwerke Erläuterungen sowohl zu Frankfurts Straßen und Plätzen, als zu den örtlichen Festen, sowie zu Frankfurter und Sachsenhäuser Straßentypen (Originalen) und Spitznamen. Besonders eingehend ist vom Verfasser die Literatur der Frankfurter Mundart behandelt; auf einen allgemeiner gehaltenen Üeberblick folgt gegen Ende eine genaue Bibliographie sämtlicher Frankfurter Dialektschriften in Poesie und Prosa seit 1794, für deren fleißige Zusammenstellung der Literaturhistoriker dem Verfasser zum Tanke verpflichtet ist. Anerkennung verdient auch das sorgfältige dreispaltige Wortver
zeichnis, das die schnelle Auffindung jedes besprochenen Dialekt- Wortes ermöglicht. Ein Autorenverzeichnis zur Literatur bildet den Schluß."
Jakob Wassermann: Alexander in Babylon. Roman. (S. Fischer, Verlag, Berlin.) Geh. 3.50 Mk. — Ein historischer Rom am Wassermann, ein moderner Dichter, hat sich an den Stoff vom Tod Alexanders des Großen gemacht. Das Orgiastische jener ungeheuren Epoche, der Ueberschwang in Not und Luft, Kampf und Leiden, zog den Dichter in gleicher Weise an, tote das Problem der Vermählung und Weiterzeugung entgegengesetzter Kulturen, die das weltgeschichtliche Ergebnis jenes Einbruchs der hellenischen in die asiatische Welt war. Wassermann gibt die Katastrophe des großen Krieges. Eine Einleitung zeigt den Zug des Heeres durch die gedrofische Wüste, dann setzt die Erzählung in Susa ein, mit Alexanders Versuch, Perser und Makedonier zu verschmelzen. Die tumultuarischen, fieberhaft aufgeregten Szenen, mit denen die Erzählung beginnt, geben die Stimmung des Ganzen an. Es ist ein ungeheurer Niedergang: der König Tod, der den widerstrebenden Helden an den unzerreißbaren Schicksalsfäden seinem Ende zuführt. Die Bilder und Gestalten drängen sich, Lagerleben, makedonisches Hochgefühl, asiatische Domänie der Sinne, und geheimnisvoll hineinwinkend indisch-fanatische Beruhigung: — dieses alles ausgestattet mit dem unübersehbaren Vorrat an Materialien, an Wasfenreichtum, Mitteln des Genusses, gibt eine Epopoe von leidenschaftlichem, krankhaftem Reichtum. Und aus der Menge der Gestalten heben sich mit tiefen Zügen die einzelnen ab. Alexander und fein Freund Hephästion, sein Halbbruder und trauriges Widerspiel Arrhidäos, Eumenes und Perdikkas; und dazu die seltsamen Frauen! Liblitu, eine Verkörperung alles geheimnisvollen Furchtbaren von Asien, Stateira und Roxane. — Ein historischer Roman und doch ganz das Werk eines modernen Dichters. Daß er die Pflicht nicht umging, in fleißigsten Studien das geschichtliche Material herbeizuschaffen, tote nur irgend ein ftuherer Dichter historischer Romane, ist selbstverständlich. Aber er durchdrang und gestaltete ihn mit unverstellter Tichterseele, mit im affektierter Sprache.
— Tie Eingebungen des Arphaxat. Von Karl Hans Stro bl. Brosch. 4 Mk. I. C C. Bruns' Verlag, Minden in Wests. — Strobl offenbart sich in diesem Novellenbande, diesen Eingebungen des Teufels Arphaxat, als ein Phantastiker und als Einer, der über alle Mittel des Ausdrucks verfügt, um seine künstlerischen Absichten zu erreichen. Ob sich seine Erzählungen nun in breitem, epischem Flusse entfalten oder in eine prägnante, künstlerisch "fein abgerundete Form zusammengedrängt sind, stets überraschen sie durch ihre blendende Leuchtkraft und ihre koloristische Schönheit. Etwas von unbändiger Lust, von wildem, dämonischem Sarkasmus lebt in all diesen Geschichten, in denen es besonders die Schatten- und Nachtseiten der menschlichen Psyche sind, die ihre künstlerische Prägung gefunden haben. Wie in einem wirbelnden Tanze ziehen d iese Novellen an uns vorüber, verwirrend durch die tolle Bizarrerie, die in ihnen waltet, fesselnd und packend durch ihre grotesken Seltsamkeiten, stets aber allen nicht in philiströsen Anschauungen Versunkenen einen frischen künstlerischen Genuß bereitend.
Die Engel.
„Gibt es Engel?" fragt' mich eine Kleine.
„Ach, so gerne möcht' ich einer werden!" „Engel gibt es nicht im Himmel", sagt' ich, ,, Aber Engel gibt es hier auf Erden.
Tu bist einer. Bleibst du lieb und lauter, Wirst du immer mehr ein Engel werden."
A u g. A m m a tl n.
Bilderrätsel.
(Nachdruck verbalen).
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung der Buchstaben-Versetzung in vor. Nr.: Algen Laus Talar Winde Ems Inster Bol Erpel Ralle Stake Del Mais Manen Essen Reblaus.
Altweibersommer.
Redaktion: August Goetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttäts-Buch- und Steindruckerei. R.Lanae. Gießen.


