Ausgabe 
7.12.1904
 
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gierig lauernd folgte sie der Aussage des jungen Mannes, als wenn sie jeden Augenblick eine Anklage zu befürchten hätte.

Stott seinerseits kannte zwar den Charakter des Feindes, beut er soeben den Krieg erklärt hatte, und wußte, daß er feiner List gegenüber einen schweren Stand haben würde, trotzdem ließ er sich aber nicht von den honigsüßen Worten des' Heinen, ihm heimlich in die .Hand gedrückten Zettels betören, sondern hielt an dem Vorgehen fest, das er sich borgezeichnet hatte.

Nach Erledigung der Vorfragen begann der Coroner:

Wann und in welcher Weise erhielten Sie Kenntnis von dem Vorgefallenen?"

Ich wurde heute morgen durch das laute Kreischen einer weiblichen Stimme und wildes Turcheinanderrennen geweckt. Einige Augenblicke später kam Herr Whitney und teilte mir mit, was geschehen war. Gleich darauf eilte ich mit ihm zum Tatort."

Sie waren gestern während des größten Teiles des Tages und auch abends mit Herrn Mainwaring zusammen; stimmt das?"

Bezüglich des Tages, ja; abends indessen sah ich ihn nur bei Tisch und daun noch einmal ans kurze Zeit zu später Stunde."

Ist Ihnen im Laufe des gestrigen Tages etwas Un­gewöhnliches in seinem Wesen ausgefallen?"

Allerdings. Es war dies gleich nach dem Frühstück, als das Testament niedergeschrieben wurde. Da erschien er mir öfter nicht ganz bei der Sache und offenbar bedrückt. Nach einiger Zeit gab sich, das aber wieder."

Hegten Sie irgend eine Vermutung betreffs dieser Stimmung?"

Ja, ich schrieb sie dem Gespräch beim Frühstück zu, das Herr Whitney schon in seinen Mitteilungen erwähnte."

Sie meinen das Gespräch bezüglich eines gewissen Richard Hobson?"

"Ganz recht."

Können Sie Auskunft geben, ob Beziehungen zwischen diesem Manne und Herrn Mainwaring bestanden und, zu- trefsenden Falles, welcher Art diese Beziehungen waren?"

Tie schwarzen Federn des Fächers von Frau La Grange zeigten plötzlich eine leise zitternde Bewegung, ihr Busen begann zu wogen und ein nervöses Zucken ging über ihr Gesicht. Sie bezwang indessen diese Zeichen innerer Auf­regung schnell und erlangte ihre äußere Ruhe vollkommen wieder, als Herr Skott antwortete:

Ich habe keine Kenntnis, ob in dieser Zeit noch Be­ziehungen statthatten, das aber weiß ich bestimmt, daß Herr Mainwaring vor Jahren mit dem Manne in engster Beziehung gestanden hat."

Erklären Sie sich deutlicher", sagte der Coroner ziemlich unwirsch, während ein Gemurmel, gemischt von Ueber- raschuna, Staunen und Unwillen, den Saal durchlief, so- gleich aber wieder verstummte, als der Zeuge mit fester Stimme fortsuhr:

Hobson wurde, ehe Herr Mainwaring hierher kam, von ihm in England als Anwalt benützt und hat seitdem mehrmals Geld von Herrn Mainwaring durch die Drohung erpreßt, ihn im Weigerungsfälle ,der beivußten Sache wegen' an den Pranger zu stellen."

Tie Stille, die nach dieser Aussage eintrat, sprach deut­scher, als irgend eine Kundgebung es vermocht hätte. Jedes Auge hing an dem jungen Manne. Er fühlte das, obgleich sein Blick nur aus das Gesicht des Coroners ge­richtet war, und darauf erkannte er, tote in einem Spiegel, den Eindruck, den seine Worte auf die ganze Versammlung gemacht hatten den Unglauben und die Entrüstung, wo­mit seine Enthüllung ausgenommen worden war. Trotz­dem bewahrte er seine vornehme Haltung und seinen Gleich­mut und sah dem Coroner fest ins Auge, als dieser mit einer gewissen Strenge sagte:

Herr Zeuge, Sie sprechen da eine schwere Beschuldig­ung gegen einen Mann aus, der sich nicht mehr ver- kann und der in den weiten Kreisen seiner Bekanntschaft allgemein für einen Ehrenmann galt und als Geschästs- tnann über jeden Vorwurf erhaben dastand."

Dessen bin ich mir vollständig bewußt", entgegnete ung gegen einen Mann ans, der sich nicht mehr verteidigen antworten kann. Unter der Privatkorrespondenz Herrn Mainlvarings wird man den Beweis für meine Aussage sinden, Sje verlangten eiit,e nähere Erklärung, weshalb ick

den Grund von Herrn Maiuwarkngs Verstörtheit in dem plötzlichen Auftauchen dieses Hobson vermutete, und ich habe daher angegeben, worauf sich meine Vermutung stützt."

Wann hat Hobson zum letztenmale den Versuch einer Erpressung gemacht und mit welchem Erfolge?"

Aus den mir zu Händen gekommenen Briefschaften habe ich ersehen, das das etwa vor drei Jahren der Fall war und er daraufhin fünftausend Dollars erhielt. Aus diese Sendung bezieht sich ein im unverschämtesten Tone gehaltenes Schreiben Hodsons, worin er sagt, daß ihn das Geld zwar eine zeitlang über Wasser halten und er nicht gleich wieder schreiben würde, Herr Mainwaring sich aber nicht einbilden solle, ihm jemals entwischen zu können, da er, Hobson, sich stets über seinen Aufenthalt auf dem Laufenden erhalten und ihn künftig auch einmal besuchen würde."

Können Sie den Mann beschreiben?"

Nein; ich habe ihn nie gesehen."

Wie sah der Fremde aus, der gestern nachmittag bei Ihnen gewesen sein soll?"

Er war eine vornehme Erscheinung, etwas über Mittelgröße, ziemlich blaß, mit dunklem Haar und Schnurr­bart; er trug einen schon etwas fadenscheinigen Anzug von leichtem Wollstoff und eilte dunkle Brille."

Was wollte er?"

Er wünschte Herrn Mainwaring in wichtigen Ge­schäften zu sprechen. Zuerst schien er es sehr dringend zu haben, als ich ihm aber sagte, daß Herr Mainwaring nicht zu Hause wäre und sich auch die nächsten beiden Tage kaum geneigt finden würde, Geschäftsbesuche zu empfangen, entschloß er sich, die beabsichtigte Besprechung auf einen gelegeneren Tag zu verschieben und eine Be­nachrichtigung Herrn Mainwarings abzuwarten."

Er hinterließ also jedenfalls seine Adresse?"

Ja, seine Karte mit dem Namen I. Henry Caruthers aus London und der Notiz Arlington-Hotel."

Fiel Ihnen in dem Wesen des Herrn oder sonst irgend etwas auf?"

Nichts, als der mich befremdende Umstand, daß Herr Caruthers sowohl von der Aussetzung des Testamentes wie über den Erben vollständig unterrichtet zu sein schien, während sein Name Herrn Mainwaring durchaus unbekannt war."

Dem Coroner kam bei dieser Aussage augenscheinlich ein plötzlicher Gedanke, denn er schrieb schnell einige Zeilen auf einen Zettel und reichte diesen Herrn Whitney, worauf dieser zu George Hardy trat und ihn mit einem Auftrage fortschickte.

Tann begann der Coroner wieder:Herr Zeuge, Sie gaben vorhin an, gestern zu später Stunde noch einmal bei Herrn Mainwaring gewesen zu sein. Was führte Sie zu ihm und wo sprachen Sie ihn?"

Kurz vor elf Uhr verließ ich mein Zimmer, um im Park noch eine Zigarre zu rauchen. Aus der Haustür tretend, traf ich Herrn Mainwaring, der int Begriffe war, sich durch die große Halle nach seinen Zimmern zu be­geben. Er bat mich> ehe ich schlafen ginge, noch einmal in die Bibliothek zu kommen, weil er mir noch einige Anweisungen für den nächsten Tag zu geben hätte. Etwa eine halbe Stunde später schlug ich den Rückweg ein uni> schritt nach der Bibliothek, hörte aber darin sehr laut und zornig sprechen und wartete deshalb auf dem Korridor, bis Herr Mainwaring wieder allein war. Er gab mir nur kurz seine Befehle und entließ mich dann wieder."

War Ihnen . die Stimme, die Sie hörten, fremd oder beramit, und konnten Sie verstehen, was gesprochen wurde?"

Es war die Stimme der Haushälterin; sie sprach sv laut, daß ich alles hören mußte, und da das, was sie sagte, durchaus nicht für meine Ohren bestimmt war, zog ich mich außer Hörweite zurück ünd wartete, bis sie herauskam."

Wurden Sie von ihr bemerkt?"

Im ersten Augenblick schien mir das nicht, da sie, ohne mich anzusehen, in großer Aufregung an mir vor üb er­stürmte, bann aber, als ich an die Tür der Bibliothek klopfte, sah ich, ivie sie sich plötzlich umdrehte und meinen' Eintritt beobachtete."

Sie sagten, daß Fran La Grange so laut und zornrg sprach, daß, solange Sie an der Tür standen. Sie jedes Wort deutlich vernommen hätten. Sie werden also an-