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gemüt stutzig. „Es tut mir leid!" sagte Miezi kleinlaut, ,-schmerzt dich der Flügel sehr?" — „Ich weiß nicht", antwortete der Adler, „der Schmerz rührt mich nicht, toemt ich nur fliegen könnte!" — „Ein Glück, daß dn's nicht kannst", rief Miezi; „ich hoffe, du gewöhnst es dir ab, ich habe nie fliegen können und verinifse es nicht. Tu inußt jetzt hier bleiben und wirst sehen, wie schnell du dich einlebst. Ich mag garnicht an die garstigen Felsenwände und die lautlose große Einsamkeit in der schwindelnden Höhe denken! Wenn dein Schmerz Vortiber ist, begleitest du mich auf den Kornboden und fängst selbst Mäuse, rind wenn du erst den Milchkeller siehst, willst du nicht wieder fort. Im Winter kauern wir dann zusammen in der warmen Stube, und im Sommer gehen wir zusammen in den hellen Mondscheinnächten spazieren, — auch aus den Tüchern, wenn du willst, denn dabei ist keine Gefahr!" Ter Adler saß still unter dem .Holzstoße, wo er nicht von dem stetig fallenden Regen, aber vor den Blicken der Menschen Schach gesucht hatte. Als er nicht antwortete, wurde Miezi böse und fauchte ihn an: „Denke nur nicht, daß du deine üble Laune auch hier an mir auslassen kannst, du undankbarer, aufgeblasener Gesell! Lange genug habe ich deine langweilige Gesellschaft ertragen müssen, jetzt will ich nichts mehr von dir wissen." Damit sprang sie erbost fort und beglückte mit ihren Gunstbezeigungen ein anderes Kätzchen, das zu allerlei Kurzweil aufgelegt war.
Acht Tage lang regnete es, und acht Tage lang starrte der Adler vor sich hin, die Kette am Fuße. Am neunten Tage endlich schien die Sonne wieder; der Adler setzte sich auf den Holzstoß und wärmte sich den ganzen Tag über. Gegen Abend, als die untergehende Sonne die Häupter der Berge vergoldete, dachte er an seine Heimat und da packte ihn plötzlich ein namenloses Weh, er hob und senkte die Flügel — und sieh —: die verletzte Sehne war ausgeheilt und spannte sich wieder! Er konnte es nicht glauben und bewegte sie tvieder und immer wieder, aber es war kein Zweifel mehr, die Schwingen waren so stark wie früher. Als diese Gewißheit über den Adler kam, da kreischte er auf, daß Miezi hinter dem Ofen erschrocken zusammenfuhr; ein Ruck, — und die Kette lag anr Boden. Tie Haut am Fuß war bis auf den Knochen abgeschimden, aber mit kraftvollem Flügelschlage stieg der Adler majestätisch hinan, der sinkenden Sonne entgegen. In schwindelnder Höhe ließ er sich auf einer Felswand nieder, seine Augen brannten und er atmete schwer. Tief unter ihm lagen nun die Täler, wo die Menschen wohnen, er sah hinab und er sah hinauf in den unendlichen Himmel. In tiefem Rot glühten noch die Spitzen der Berge. Tann schwebte lautlos die milde Dämmerung vorüber, die Winde und Wälder schliefen ein und Feierabendstille breitete sich über die Welt. Ta ward auch der Adler still. Nur einmal hörte er ein seltsames Stöhnen und stutzte, — aber aus seiner eigenen Brust hatte sich der schluchzende Schmerzenslaut losgerungen, den sein Ohr vernommen, dann umsing ihn wieder die erhabene Ruhe der verschwiegenen Nacht. Regungslos saß er da, und sah den Him- mclsbogen dunkler und dunkler werden, und die hellen Sterne aufleuchten und langsam ihre Straßen ziehen, während die lau- liche Luft sein brennendes Auge kühlte. Ihm war, als habe er geträumt.
„Ta bin ich wieder in meiner Heimat", sagte er, -sich Einsamer!"
VerMidchLss.
* Aus dem Lager der Ve getarier. Aus Paris wird der „Boss. Ztg." geschrieben: Mit dem ziemlich erfolgreichen Kampfe gegen den Weingeist geht nun auch die Bekämpfung der Meischnahrung Hand in Hand. In jeder größeren Tischgesellschaft findet sich jetzt stets ein Pflanzenesser, der nur Gemüse, Früchte und Brot ißt, nur Milch trinkt, und, wie er behauptet, sich dabei wohler besindet als früher. Tie Pariser essen angeblich zu viel Fleisch, jährlich 93 Kilo auf den Kopf — so lehrt der amtliche Ausweis. Es befinden sich darunter: 70,14 Kilo Rindfleisch, 11,5 Kilo Schweinefleisch, 12,2 Kilo Geflügel und Wildbret. Hierzu kommen noch 242 Eier, 15,9 Kilo Fische, 8,9 Kilo Butter, 1,4 Kilo Wurst. Ter Pariser ißt mehr als doppelt so viel Fleisch als der Durchschnitt für ganz Frankreich ausmacht. Tiefer Durchschnitt beträgt jetzt 38 Kilogramm, gegen 20 im Jahre 1852. Daß die Gesundheit, Lebensdauer und Arbeitsleistung nicht im selben Maßstab gestiegen sind, tvie die Fleischnahrnng, ivird als Argument von den Vegetariern ins Feld geführt. Freilich kann das ein Trugschluß sein; wer stellt fest, wieviel anderweitige schädliche 'Einflüsse dieses Ergebnis bewirken! Ter jetzige Krieg, heißt es, muß auch für die pflanzliche Nahrung zeugen. Tie kleinen, schwächlich aussehenden Japaner essen fast gar kein Fleisch, leben hauptsächlich von Reis und widerstehen den Anstrengungen, Leiden und Entbehrungen des jetzigen furchtbaren Krieges meist besser als die Russen. Dr. Lucas- Championnisre und andere Aerzte führen auch an, daß Nonnen, Strafgefangene und andere Personen, die nur ausnahmsweise Fleisch essen, vor einer Menge Krankheiten bewahrt bleiben, welche der übrigen Menschheit stark znsetzen. Magen und Nerven leiden angeblich durch starke Fleischnahrung, welche auch Gicht, Zipper
lein und Gliederreißen verursacht. Bohnen, Linsen, Erbsen enthalten ebensoviel Stickstoff als Fleisch, Eier und Austern enthaltest den nötigen Phosphor, Spargel, Spinat und Sauerampfer, führen dem Körper das nötige Eisen zu. Uebrigens hat die Pslanzenesserei auch schon bedeutend auf den Markt gettnrft Bananen werden jetzt massenhaft einpefüljit, ebenso Kakao, Datteln und Feigen, letztere besonders rnt trockenen Zustande. Bananen werden als die nahrhafteste Frucht gepriesen, die vollständig! genügt, um dem Körper alle Stoffe zuzuführen, die er brauchte Nur schade, daß sie nicht bei uns wachsen. Ein deutscher Gelehrter behauptet, die gesamte Menschheit könnte von Bananen leben, wenn sie überall gepflanzt würden, wo sie fortkommen.
* Zur Erleichterung des Gehens dient eine merk-, würdige Erfindung des französischen Arztes Tr. Breuillard, die eine große Wohltat für Fußgänger fein soll. In einem Buch „Etüde physiologique et msdicale sur la manche" führt Tr/ Breuillard aus, daß das Gehen, wenn es ein Vergnügen sein und einen möglichst großen Nutzen bringen soll, weniger ermüdend sein müßte, als es jetzt der Fall ist. Dr. Breuillard hat daher die „Calcanettes", eine Art Sprungfeder, erfunden, die der Form des Fußes angepaßt und in dem Stiefel am Hacken getragen wird. Ter Name ist hergeleitet von „calcaneum" (Fersenbein).- Tr. Breuillard hat sich dabei von dem Gedanken leiten lassen,- daß beim Tragen dieser sinnreichen Einrichtung das Fersenbein nicht einen so starken Stoß erleide, wie es ihn sonst jedesmal infolge des Körpergewichts erfahre, wenn der Fuß den Boden berührt. Tr. Breuillard behauptet, dieser ständig wiederkehrende Stoß sei füx das Nervensystem schwächlicher Personen sehr schädlich.
* Der erste Damenschneider in P aris hieß Romberg und war als junger Schneidergeselle aus seiner Heimat unweit München nach Paris gekommen. Im Jahre 1730 erregte er Auffehen, indem er einen Wagen in Paris herumfahren ließ,- auf dem Fingerhut, Schere usw. zu einer Art Wappen zusammengestellt waren. Romberg hatte ungemein viel Glück, aber auch Geschmack, und verstand es ausgezeichnet, körperliche Mängel zu verbergen. Dadurch schlug er denn auch die Kleidermacherinnest aus dem Felde, erwarb sich schnell ein großes Vermögen, da er nicht 50 Jahre alt wurde und dennoch '50 000 Frcs. Rente hinterließ. Ein Beweis, daß auch schon damals die Pflege der Eitelkeit eine ergiebige Goldgrube war.
* Ehemänner leben länger als Junggesellen.- Tiese Tatsache ist jetzt durch die Statistik festgestellt worden. Tanach beträgt die Sterblichkeit bei Junggesellen im Alter von 30 bis zu 45 Jahren 27 Prozent, während sie bei verheirateten Männern des gleichen Alters nur 18 Prozent ausmacht. Auf 41 Unverheiratete, die ein Alter von 40 Jahren erreichen, kommen in demselben Alter 78 Verheiratete. Noch augenfälliger ist der Unterschied bei Personen im vorgerückten Alter. Von 60 jährigen Männerir kommen auf 22 Junggesellen 48 Ehemänner.- Ein Alter von 70 Jahren erreichen 11 Junggesellen gegenüber 27 Verheirateten; bei 80 Jahren steht das Verhältnis so, daß auf 3 Junggesellen 9 Ehemänner kommen.
* Um das Alter der Eier fest zustellen, genügt es, wie C. Schinke in der „Nerthns" mitteilt, 120 Gramm reines Kochsalz in 1 Liter Wasser aufzulösen und einige Eier hineinzulegen. Frische, 1—3 Tage alte Eier sinken bis auf den Boden des Gesäßes hinunter; Eier, die über 3—5 Tage alt sind, bleiben schwebend unter der Oberfläche des Wassers. Ragen die Eier Mit der Spitze zum Teil über das Wasser heraus, so besitzen sie bereits ein Alter von 8 Tagen, während Noch ältere Eier sich schwimmend über Wasser halten und vom Wasser nur halb bedeckt werden.
Weue Wucher.
Festschrift zum Gedächtnis Philipps des Großmütigen,- grafen von Hessen, geb. am 13. Nov. 1504. Hrsg, vom Verein für Hess. Geschichte und Landeskunde. (IV. 358 S. mit 1 Porträt und 1 Facsimile.) Kassel; Georg Tufayel. 6 Mk.
Lauch er, Med.-Rat, Tr. Karl, Die Provinzielle in Obersalzbrunn in Schlesien. (44 S.) Ereslau; Graß, Barth u. Co.
Blu menthal, Oskar, Ter tote Löwe. Drama in viep Auszügen. 5. Ausl. (122 S.) Berlin, F. Fontane u. C. 2 Mk.-
Wildenbruch, Ernst v., Semiramis. Eine Erzählung.- (320 S.) Berlin, G. Grote. Kart, mit Goldschnitt.
Wilde, Oskar, Tie Herzogin von Padua. Eine Tragödie aus dem 16. Fahrh. Deutsch von Max Meyerfeld (aus Gießen).- Autor. Uebers. (176 V.) Berlin, Egon Fleische! & Co.
Logogriph.
(Nachdruck verboten.)
Liebliche Klänge verleihen mit „o" wir dem Streichinstrumente. Willst du picanten Genuß, sehe statt o nur ein „a".
Auflösung in nächster Nunnner.
Atiflösung des Rätsels in vor. Nr.r Saat, Salat.
Redaktion: August Goetz. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schenUniversitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


