Ausgabe 
7.11.1904
 
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Ich werde es mir überlegen", murmelte die junge Mutter in solchen Augenblicken leise, ganz leise, für sich. Es schien^ als ob sie in dem Gedanken eine leidlösende Beruhigung fände für etwaige Bedenken und Sorgen, die in ihr keimen

mochten.

(Fortsetzung folgt.)

per Adler.»)

Von Elisabeth Gnauck-Kühne.

Auf der breiten Talsohle, welche die Ostrach eilfertig durch­strömt, liegt das freundliche Tors. Weiß schimmert feine breite Straße, weiß sind die steinernen Häuser, ziegelrot oder schiefer­blau die weit vorspringenden Dächer, .die Fensterläden aber leuchten srischgrün wie die saftigen Matten, welche das Dors umgeben.

Auf diesen Matten unten im Tal hat das Gras gute Zeit, da wächst es wie von selbst, aber es ist auch rechts und links die Berge hinangeklettert, und das war ein saures Stück Arbeit. Erst lachten die grauen, grämlichen Felsenhäupter der Berge über das aufwärts strebende Gras.Was für ein grünes Ge- krabbel ist denn das da unten?" rief der Iseler.Es kitzelt auch meinen Fuß", gab die Axel zurück;je kleiner, desto kecker!" Aber das Gras ließ sich nicht mehr irre machen. Lacht ihr nur zu, dachte es, wer zuletzt lacht, lacht am besten. Ich weiß, was ich will, und mit kleinen Schritten kommt man am sichersten vorwärts. Es wuchs und wuchs, bis die Sache den Bergriesen über den Spaß ging und sie unwillig ihre Häupter schüttelten, daß Steingeröll niederging und dem Grase den Weg versperrte. Gleich kam auch das Moos herbei und sprach zum Grase:Hier beginnt mein Reich, das Geröll will ich bekleiden, du hast die ganze Ebene für dich!"

Aber wo das Geröll aufhört, kann auch das Moos nickst weiter, da ragen zerklüftete, unwirtliche Felsenwände empor, die kein grünes Kleid dulden wollen; stolz leiden sie nur dichte Wolkenschleier oder den königlichen Pnrpurmantel der Abmdröte, und ihr einziger Schmuck ist der goldene Sonnenschein. Tort oben horstete menschenfern ein Adler. Wenn der derbe Hauch der Morgenluft vor Tagesanbruch über sein Nest strich, schüttelte er sein braunes Gefieder, reckte die gewaltigen Schwingen und prüfte ihre Tragkraft, und wenn die Sonne aufging und die erwachende Erde ihr mit tausend Stimmen entgegenjauchzte, dann breitete er die Flügel aus, und kreiste in weitem Vogen über dem grünen Tal mit dem freundlichen Torfe. Erblickte er eine Beute, so schoß er wie der Blitz hinab, packte sie, und trug sie in sein Nest.

So hauste der Adler, er wußte selbst nicht wie lange. Wenn der weiche, kühle Schnee durch die Luft wirbelte, oder wenn seine ausgebreiteten Schwingen einen dunkeln Schatten auf die weiße, schimmernde Tecke warfen, so wußte er, es war Winter. Im Frühling brauste der Tauwind, die Stare nnd die Schwalben kamen zurück, und das Gras sproßte lebensfroh hervor. Im Sommer waren Matten und Wälder grün, und Tag uttb' Nacht konnte er gedämpft in der Ferne das Geläut der Glocken auf der Alm hören; und im Herbst sah er, daß die jungen Gemsen und Rehe sich mutwillig tummelten, während die Kraniche in langen Zügen nach warmen Ländern fortzogen. Sein Leben blieb sich in diesem Wechsel immer gleich. Ta sah er eines Tages auf einer Matte in der Nähe des Torfes ein weißes Tierchen spielen, stieß hinab und brachte die leichte Beute in Sicherheit. Es war kein Hase und kein Kaninchen, kein Wiesel nnd kein Eichhörnchen, sondern ein zierliches weißes Kätzchen, das kläglich miaute. Ter Adler legte das klagende Tierchen vorsichtig in sein geräumiges Nest, wandte es hin und her nnd verspürte keine Lust, es zu töten. Beobachtend setzte er sich auf einen Felsenvorsprnng in der Nähe. Miczi war noch sehr jung nnd schien wenig Respekt vor dem Adler zu haben, in dessen Nest sie sich befand. Es dauerte nicht lange, da kroch sie darin umher, als fühlte sie sich zu Hause, und nahm von den Vorräten, was ihr schmeckte. Tann leckte sie sich mit dem roten Zünglein das Mäulchen ab, und putzte sich mit Wichtigkeit nnd Bedacht wie ein Jüngferchen, das tanzen will, und als sie damit fertig war, stieg sie auf den Rand des Nestes nnd sah sich um.

Ter Adler hatte ihr unverwandt zugesehen. Jetzt flog er zu ihr hin und sagte:Wohin willst du? Ich lasse dich nicht fort." Tas Kätzchen kroch zurück, machte einen Buckel, rieb sich an der Wand des Nestes und kauerte sich endlich zusammen. Ter Adler setzte sich auf den Rand des Nestes und beugte sich zu ihr hinab. Ta faßten zwei weiche Sammetpfötchen zutraulich seinen Kopf und krauten ihn, und bald saß Miezi auf seinem Rücken, legte sich um seinen Hals, rieb sich an seinem Schnabel, kroch

*) Entnommen mit Erlaubnis der Verlagsbuchhandlung G. A. v. Halem in Bremen aus dem soeben erschienenen Buche:Goldene Früchte aus Märchenland", Märchen für jnng und alt, von Elisa­beth Gnauck-Kühne. Tas mit 46 Illustrationen von Franz Stassen geschmückte Buch ist zum Preise von 2.80 Mark elegant kartoniert durch alle Buchhandlungen oder direkt vom Verlag zu beziehen.

unter seinen Schwingen hindurch, krallte sich an seinen Rißen sest, kletterte wieder auf den Rücken und schnurrte leise vor Wohl­behagen. Ter Adler ließ sie gewähren.Bist du zufrieden?" fragte er.Ja", schnurrte Miezi,es ist lustig, mit einem Adler zu spielen!" Am Abend schlief sie, dicht an ihn ge­kauert, ein. Dem Adler ward ganz eigen und träumerisch zu Mute.Solange bin ich einsam gewesen", dachte er,nun hege ich Plötzlich das weiße Kätzchen in meinem Horst; wie geht das zu?" Er saß lange still, um Miezi nicht zu stören; dann steckte er den Kopf unter den Flügel und schlief ebenfalls ein.

So lebten die zwei ungleichen Freunde nun in einem Neste. Der Adler flog beim Morgengrauen weg, um Beute zu holen, und freute sich, wenn er, heimkommend, Miezi auf dem Nestrande hockend, fand. Wartete sie auf ihn? Er ließ ihr die besten Bissen und den besten Platz und glaubte, sie sei ganz zufrieden. Aber nach einiger Zeit fing Miezi an, übellaunig zu werden; sie miaute, wenn er kam, kraute nicht mehr seinen Kopf und war zu keinem Spiele aufgelegt. Tie Sammetpfötchen zeigten scharfe Krallen und statt des behaglichen Schnurrens ließ sie bei der geringsten Veranlassung ein böses Fauchen hören. Zuerst fand der Adler die Unarten des Kätzchens ergötzlich, dann ver­wunderte er sich über die große Bosheit in dem kleinen Tiere und endlich wurde er tief betrübt. Ernst und eindringlich sprach er zu Miezi:Gefällt es dir denn nicht bei mir? Sieh dock, wie schön unser Leben ist! Wir wohnen hoch über den dunstigen Tälern der Menschen, wir trinken reine Luft und 6abeit_in lauter Licht. Meine Augen leuclsten wie die Sonne, mente Schwingen sind stark und können dich tragen. Komm mit mir, ich will dich im blauen Aether wiegen, ich zeige dir das unendliche Meer und den ewigen Schnee und die glühende Wüste, komm, meine Flügel sollen dich zur Sonne emportragen!" Tas Kätzchen schwieg still und kauerte sich zusammen. . . Und wieder sprach der Adler:Ist es nicht wunderbar, so hock über der Welt zu leben? Wenn in den Tälern noch Tunkelheit liegt, siehst du schon in der Ferne das Morgenrot, du siehst, woher das Licht kommt. Und wie gewaltig singt der Sturm hier oben, Ivo er frei ist! Packt dich nickst die Kraft dieses Liedes? In den Tälern kennt man die Freiheit nicht, da wohnen die Knechte und die Kleinen und die ewig Aengstlichen; sie alle würde der Schwindel packen, wenn sie hier oben horsten sollten. Ich aber kenne den Schwindel nickst, meine Schwingen sind stark und sie sollen dich zur Sonne tragen. Komm!"

Aber das Kätzchen fing an zu miauen:Was nützt mir das alles? Ich sterbe hier. Es ist düster und freudlos aus dieser Höhe, ich langweile mich, ja, und ich ftlrchte mich. Nicht einen einzigen Spielgefährten habe ich und keinen Kornboden, keine Milchkammer, keinen warmen Ofen. Was gibst du mir denn? Tie Wüste und das Eis mag ich nickst, und lieber als das Meer ist mir ein Topf mit Nahm. Wenn ich mit dir fliegen soll, schwindelt mir, ich habe keine Flügel. Ach, wäre ich doch wieder drunten im Tal!"

Ter Adler fuhr zusammen, als habe ihn ein Pfeil getroffen, und kreischte einmal geUend auf; dann schlug er die Krallen in den Boden des Nestes und biß sich an dem Rande fest; mußte er sich halten, um Miezi nictst zu zerfleischen? Der Atem kam röchelnd und die Flügel zuckten. Endlich flog er weg und barg sich in eine dunkle Felsenspalte. Tort kroch er in den finstersten Winkel und schloß die Augen. Er achtete nicht auf Tag oder Nacht, auf Regen oder Sonnenschein: in sich versunken saß er wie leblos da, bis der nagende Hunger ihn weckte und hinaustrieb. Mühsam, denn sein Schmerz drückte ihn wie eine Zentnerlast, flog er zu dem Nest zurück, faßte Miezi und trug sie zu derMatte hinunter, wo er sie gefunden hatte.

Kaum hatte er Miezi losgelassen, da eilte sie spornstreichs in das Gehöft, lief in das Haus und wieder heraus, schlüpfte in einen Stall, und war verschwunden. Ter Adler hatte sich auf einen Baum gesetzt, er konnte es nicht glauben, daß Miezi ohne Abfchied von ihnt gegangen sei; er kreiste über dem Gehöft, um sie noch einmal zu sehen. Ta krachte ein Schuß, und mit gelähmtem Flügel sank der Adler in den Hof hinab und hockte mit verbissenem Schnterz auf einem Holzhaufen neben dem Stall,ein Adler! ein Wer!" rief der Bauer, der ihn getroffen hatte, und lockte mit diesem Ruf alle Hausbewohner herbei. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde, der L>epp habe einen Adler gefangen, und jung und alt strömte herzu, den stolzen Vogel zu sehen, der ihnen jetzt auf Gnade oder Ungnade preisgegeben war. Ter Sepp Jegte ihm Ring und Kette um den Fuß und fesselte ihn an den Holzstoß.

Miezi hatte inzwischen auf dem Dache des Kornbodens gesessen und sich geputzt. Nachdem die Menschen sich verlaufen hatten, rief sie zu deut Freunde hinunter:Habe ich's dir nicht immer gesagt, daß das Fliegen gefährlich sei? Aber du wolltest nicht hören. Tas hast du nun davon. Jetzt wirst du klug werden. Aber nimm die Sache nicht zu schwer, ich sauge Mäuse und bringe sie dir. Tu sollst einmal sehen, löte nett es ist, hier gefangen zu sein." Damit sprang sie zu ihm hin­unter und legte ihm eine leckere Beute ihrer Mäusejagd vor. Er aber nicht, er sah das Kätzchen mit seinen durchdringen­den Augen, die selbst die Sonne nicht blenden kann, voll an und in dem Blicke war etwas, das machte selbst das kleine Katzen-