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auf. „Ja, wirken und schaffen an dem Glück, allüberall", erklärte Hildegard noch einmal und mit sich selbst redend: „Aus Liebe."
Jutta hatte Wohl nur dies Wort gehört und verstanden. „Aus Liebe — aus Liebe", wiederholte sie und ihre Lippen zuckten. — Merkwürdig, wie ihr Gatte vor noch nicht allzu langer Zeit, erklärte nun auch sie: „Und wir hatten einzig aus Liebe geheiratet." — Dann plötzlich bitter, zornig, grollend: „Ach, Garda. — Es ist nichts mit der Liebe." „Die Liebe ist alles", entgegnete Hildegard jedoch schnell und entschieden. Tann langsamer, wie ihre Gedanken während der Worte klärend: „Mit der Liebe scheint es mir jnst so zu gehen, wie mit dem Glück. Sie keimt in unseren Herzen, ohne daß wir es ahnen. — Sie ist da eines Tages, ohne daß wir uni ihr Kommen gewußt. Dann aber heißt es, sie hüten und pflegen, auf daß sie stark werde, groß und gut; sie hüten und pflegen, daß sie jeden Mißklang, jede Störung überwindet, in nie aussetzender Treue allen Forderungen gerecht wird, und mit immer lichterem Glanze das Leben erhellt — die ganze Welt umfängt."
Wieder entstand eine Pause. Auch Hildegard sah, wie der Gegenwart entrückt, in eine blaue Ferne. „Garda", begann diesmal Jutta zuerst dem Augenblick wieder zuge- wandt; „Garda, ich werde ein Mädchen haben, ich weiß es ganz genau. Und, Garda, es soll werden wie Du." Ein wenig schrak Hildegard zusammen, sie zerdrückte eine Träne, die ihr in das Auge stieg. „Du sprichst ein großes Wort gelassen aus", scherzte sie dann. Jutta sollte heiter sein und heiter bleiben. „Wer weiß, ob das kleine Fräulein, vorausgesetzt, daß es ein Fräulein sei, also ob dieses kleine Fräulein damit zufrieden sein wird und nicht lieber blond und zart, harmlos und vergnügt, wie die Mutter, durchs Leben wandern möchte, statt als späte, späte Tante zu philosophieren." „Nein." Jutta sprang auf und legte liebevoll die Arme um der Cousine Nacken. „Nein, Garda, ich meine es im Ernst. Sie soll werden just so weise und so gut wie Du!" „Na, Töchter geraten gern nach der Mutter", lächelte Hildegard, doch ein ernsterer Ton klang dabei mit. Melleicht, daß Jutta ihn zu deuten gelernt hatte, denn: „Dann, Garda, will ich lernen von Dir", sagte sie einfach.
Und von dem Tag an ging abermals eine Veränderung mit der jungen Frau vor. Sie gab sich Mühe, alle aufregenden, alle bitteren und quälenden Gedanken wie Erinnerungen beiseite zu lassen, ihr Wollen, ihre Persönlichkeit fiir ein Ziel zu sammeln. Sie wollte ruhig sein und gesund, damit ihr Kind gesund werden möchte. Sie wollte aber auch lernen, in allem zu Hause zu sein, damit sie ihrem Kinde sein konnte, was die Mutter sein soll, eine Leiterin und ein Beispiel in dem, was dem Menschen nötig ist ünd ihn beglückt. Und so begann die junge Frau, die das Leben bisher als ein tändelndes Spiel angesehen hatte, nunmehr Geist und Hände zu regen, mit regelmäßig ziel- büwußtem Fleiß und Ernst. Und die erste Handarbeit, die sie tadellos vollendet, war ein Hemdchen fiir den kleinen Weltbürger, oder — nafch- ihr — der kleinen Weltbürgerin in spe. Voll Liebe betrachtete die junge Frau den jede Frau entzückenden Gegenstand, das Werk ihrer Hände. In seliger Freude über sich selbst hob sich ihre Brust. Ebenso kam sie sich sehr groß vor, wenn sie am Herd stand, um in die Geheimnisse der Kochkunst zn dringen, damit sie dermaleinst ihrem Kinde eine'lSupPe bereiten könnte — wenn sie einen! Wäschezettel schrieb oder einen wirtschaftlichen Ueberschlag machte und gut damit abschloß. Es währte nicht lange, und Jutta fand dergleichen gar nicht so fatal. Im Gegenteil, sie- meinte jetzt sogar, eZ sei eine recht glückliche Ablenkung für allerlei liebel — und man fühle sich frei, himmlisch frei und unabhängig von allen bösen, tyrannischen Sophien. Zuletzt kam sie sogar dahinter, die Hausarbeit sei tote keine, gesund. Und auch in anderer Weise entwickelte sich JUtta als eine glückliche Schülerin Hildegards. Die beiden Damen lebten nicht einsam. Jutta sollte ja keine Nonne werden, sondern sich erst recht unter Leuten, in der Welt behaupten! lernen, war des hochherzigen, klugen Mädchens Wunsch. Dennoch blieb man ein gut Teil mehr zu Haus, sodaß die Geselligkeit jetzt mehr als eine angenehme Zerstreuung aber nicht als des Lebens Ziel gepflegt ward.
So wärmte denn Hildegard ihre musikalische Fertigkeit wieder auf; die Cousinen MiUsizierten manch stilles Abendstündchen hindurch. Und wenil nun guch Jutta se-lbst- verstäudlich, namentlich jetzt, keine musikalischen Studien;
machen konnte, so kam sie doch in Verständnis und Geschmack weit über den „Himmelblauen See", das „Edelweiß", die Walzer aus dem „Lustigen Krieg", der „Fledermaus" und der „Geisha" hinaus. Armer Harro, tote muß ich ihn damit gelangweilt haben, zuckte es ihr unwillkürlich manchmal durch den Sinn. Ach ja, sie würde später noch manches, überall noch nachholen müssen, das nahm sie sich vor. Ihr Kind aber, das sollte gleich einer ganz anderen Bildung aus jedem Gebiete teilhaftig werden, das setzte sich in der kleinen! Fratt fest, umsomehr, als sie sich selbst klar w-ard, tote unerfahren, ungeschult, ungenügend für alles, sie in die Ehe getreten war. Und sie wurde sich, darüber klarer, als ihr Gesichtskreis auch auf anderem Gebiete noch zu wachsen begann, was unter den veränderten Verhältnissen ziemlich- schnell von statten ging. Einmal hatten die Erlebnisse ihrer Ehe die arme kleine Frau um vieles ernster gestimmt tind verfloß ihr Leben ohne die Hast der verwirrenden Zerstrcuungen der großen Welt. Zum anderen aber auch war Hildegard, vorzugsweise mit dem den Frauen eigenen erzieherischen Talente begabt, hier besser am Platze, als ein lebenslustiger, lebensungeduldiger Offizier und feurig leidenschaftlicher Liebhaber. Hildegard verstand es gut, schlummernde Interessen zu Wecken, sozusagen verschüttete Anlagen wieder an den Tag zu fördern, ünd mit einem Geiste, der sich entwickeln will, zu ringen und zu arbeiten. So wurde manch eine Mußestunde, an denen das Leben der Frauen dieser Kreise so reich ist, zum Lesen guter! Bücher benutzt. Und das Leben selbst ward für Jutta eine Quelle immer neuer Interessen und wachsender Bildung,
Dieser Wechsel von nützlicher Betätigung, anregender Erholung, eine stete Arbeit an sich selbst, bei welch allem Hildegard nirgend eine Ueberanstrengung, auch feilt etwa! träumeudes Grübeln duldete, vielmehr in rührender Sorge stets zur rechten Zeit mit einem Gang ins Freie oder einer anderen erheiternden Zerstreuung dazwischen trat, halsen Jutta ihren Kummer und ihr Leid um vieles ruhiger ertragen. Ja, sie halfen ihr auch über manche Unbequemlichkeit ihres Zustandes hinweg, die andere verwöhnte unix' unbeschäftigte Frauen zur Verzweiflung bringen. Wenn auch die seine Stirn nicht immer frei von jedem Schatten blieb, gar manchmal eine Träne in den sammetbraunen Augen perlte, int ganzen reifte Jutta an Gesundheit und an Kraft, wie das immer fein sollte, wenn die Fran einer Vollendung ihrer Bestimmung entgegengeht. Und als ihre Stunde kam, bewährte sie sich tapfer. ?lls dann das kleine Wesen seine erste Toilette bestanden hatte und der jungen Mutter in die Amte gelegt wurde, da war es wirklich ein Mädchen. Eitr Lächeln huschte über die wachsbleichen Züge der erschöpften fleinett Frau. Sie wollte utit dem Köpfchen nicken, aber das Köpfchert gehorchte noch nicht. So hobt und senkte sie die Wimpern zum Gruß. Galt es dem kleinen Geschöpfchen, galt es Hildegard. Tann tasteten dis zierlichen Hände über das Bündelchen Leben, das sie so beseligend wohltuend nahe dem Herzen empfand; Juttas Lippen bewegten sich leise. Hildegard meinte, sie habe den! Namen Harro verstanden. Da aber schon hatten sich die saurmetbraunen Augen geschlossen. Ruhig, vertrauensvoll ergeben in das Schicksal, wie ein Kind, lag die junge Mutter mit ihrem Kindchen da.
Und nun hielt sich Jutta still, gehorsam still. Sie war lieb UNO sanft. Sie lächelte mit ihrem Kiitde, lächelte mit den anderen. Doch zuweilen auch erschien die kleine, krause Falte wieder auf der jetzt wachsfarbenen Stirn, zuckten die blassen Lippen, wandte die junge Fran, als wenn sie voll einer plötzlichen Müdigkeit überkommen wäre, den Kopfs gegen die Wand, fuhren die zierlichen Finger über die Augen, um eine Träne, welche die Wimpern feuchtete, fortzuwischen. Gewiß, sie hatte den Gatten verlassen, ihm geschrieben, sie komme nicht zurück. Wer ach — wenn er ihr nur ein Wort gegönnt hätte, sie würde alles verziehen, zu ihm gestanden haben, ihm gefolgt fein durch dick und dünn. Und wenn er sie nbch lieb gehabt hätte, — dann hätte er sich auch auf seine Liebe verlassen, hätte es' nicht über das Herz gebracht, so von ihr, seinem kleiiten, süßen Tinge, sortzngehett, ohne einen^ einzigen Versuch zur Versöhnung^ Nein, Harro -liebte sie nicht mehr — sie hatte es längst geahnt, gefürchtet — sie wußte es jetzt zu genau. Und so; war es ans zwischen ihnen — und ihr Kind blieb ihr allein^ Doch es tour so traurig, zu traurig, daß ihr Kind, ihr liebes' kleines, süßes, unschuldiges Kind keinen;Vater habeit sollte Ja, und im Grunde gehörte es diesem seinem Vater doch auch.


