Ausgabe 
7.10.1904
 
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gefielt sie Mumm und Pflanzen, selbst dm Steinen eine Seele. Traurig rief ein kleines Mädchen, als es ein paar Blumen welken sah:Wie niedlich sind sie doch! Ach, Mama, laß sie, bitte, nicht sterben", und es weinte bitterlich, als im Herbst die Blätter von den Bäumen auf die Erde sanken. Ganz abstrakte Worte erwecken im Kinde Vorstellungen bestimmter anschaulicher Tinge. Bei dem AusdruckTie Jagd ist geMosseu" dachte ein kleiner Junge an gewalttge Tore, die um die Wälder und Felder herumständen und nun mit großen Schlüsseln zugeschlossen wür­den. Bei dem Worteder Frühling ist gekommen" fragte ein Kind danach, ans welchem Wege er käme, und wie er denn aus­sähe, ob er an der Tür klingeln würde. Ein älterer Knabe schrieb in seinem Aufsatz folgendes:Als ich in die Schule kam, da dachte ich bei dem WorteVaterland" an eine gute Frau, die nur beim Untergänge der Welt sterben könne, und die die Mutter von uns allen ist." Tie Phantasie des Kindes lebt besonders auf in seinen Spielen; wie eng der Spieltrieb gerade mit dem künstleri- schen Schaffen zufammeuhängt, haben seit Schiller viele betont, besonders Groos in seinem BucheTie Spiele der Menschen".

Wer nicht nur unbewußt formt das Kind die Gestalten seiner Umgebung nm, es sind auch getvisse Kräfte des Fortdichtens nach fremden Anregungen schon in seiner kindlichen Phantasie zu verspüren. T-iese Wesen eines fremden Geistes führen nun in seinem Hirn ein eigenes Leben, werden ein Teil seiner Umgebung, seine Gefährten und Freunde. Tas Kind überträgt gewisse Ge­stalten dichterischer Erfindung resolut in die reale Welt. So hat z. B. Tickens die Gestalten der Bücher, die er in seiner Jugend las, gar bald heimisch gemacht in seiner eigenen Heimat.Jede Scheuer aus der Nachbarschaft, jeder Stein in der Kirche erinnerten mich an die Helden meiner Lieblingsbücher und vermischten sich mit den Situationen, in denen ich sie mir vorstellte." Tas Kind sieht die Tinge, die man ihm erzählt, sogleich in völliger Lebendigkeit vor sich, und vermöge einer höchsten Leichtigkett assoziativer Bilder sammelt sich um ein einziges Wort eine Menge anderer Vorstellungen. Loti erzählt von einem kleinen sieben­jährigen Mädchen, mit dem er in einem Garteneckchen eine große Aprikose, und das dabei folgende Geschichte erzählte:Es war mal ein kleines Mädchen, das machte eine sehr große Frucht aus den Kolonien auf; da kam aber ein wildes grünes Tier heraus, das biß das kleine Mädchen, und das starb daran." Wie leicht ein Kind auch den verschlungenen Pfaden einer Erzählung folgt, und wie die Erklärungen Großer sie nur in ihrem eigenen Nachdichten stören, lehrt eine Geschichte von einer Mutter, . die ihrem kleinen Jungen von sechs' Jahren eine Geschichte vorliest: Ich fürchte, Tu verstehst mich nicht, mein Junge", sagte sie. Oh, Mama, ich würde schon recht gut verstehen, wenn Tu mir nur nicht soviel erklären wolltest." Sehr interessant ist es, wie sich langsam die dichterische Fähigkeit in dem Kinde bildet. Von einem gewöhnlichen Anlaß aus steigen ihm allerlei Zusammenhänge auf, und es beginnt zu erzählen, ruckweise, wttr, in jenem schlichten Ton, in dem unsere Heldenlieder und die Geschichten aus der Kindheit der Völker reden. Manchmal sieilich werden diese Er­zählungen auch schon zu kühnen Aufschneidereien, wie die Geschichte eines fünfjährigen Jungen zeigt, der einmal auf dem Meere gefahren war und nun davon erzählte:Einmal, da bin ich auf dem Meere gefahren in einem Rettungsboot; plötzlich, da sah ich einen riesengroßen Walsisch, und nun sprang ich aus dem Boot und dem Walsisch mitten auf den dicken breiten Rücken und ritt auf ihm und machte auf feinem Rücken eine große Reise, und alle kleinen Fische sahen zu und lachten dabei aus vollem Halse." _____________

Musik,

ZurResormder Hausmusik. Es ist ein bemerkens­werter Zug unserer, an reformatorischen Bewegungen so reich ge- fegneten Zeit, daß sich die verschiedensten Bestrebungen geltend machen, Kunst und ihren veredelnden Einfluß immer mehr ins Volk zu tragen und die weitesten Kreise zum verständnisvollen Mitgenuß an allem was Kunst heißt, zu erziehen. In der Musik hat man sich vorzugsweise auf die gemeinnützige Veranstaltung populärer Musitoufsührungen größeren. Stiles und die Ausgabe billiger Noten beschränkt, ohne sieilich dessen eingedenk zu sein, daß der Nutzen dieser Darbietungen ein nur geringer ist, so lange man für die Hausmusik (in dieser liegt ja der Schwerpunkt der Musik, der intimsten aller Künste) und die Veredelung ihres heutigen verflachten und jeden tieferen Gehaltes entbehrenden Cha­rakters nichts tut. In dieser Hinsicht sind nun die Aussprüche -tniger hervorragender Tonkünstler und Schriftsteller interessant, welche als Antworten auf eine von der ZeitschriftDas Harmo- nium" erlassene Rundfrage über eine Reform der Hausmusik veröffentlicht wurden. Paul H e y s e erklärt, er verdanke seine tiefsten musikalischen Genüsse der Hausmusik und erzählt von dem ergreifenden Eindruck, den ihm das Phantasieren Böcklins auf dem .Harmonium gemacht. Tr. Rich. Ä a t k a, der bekannte Musik- sckriftsteller, spricht sich in erster Linie für die Pflege des Ensemble- fpieles aus und bezeichnet die Einbürgerung des Harmoniums als einen bedeutungsvollen Faktor für die Neubelebung der Haus­musik; er tritt lebhaft für die von der Schriftleitung obengenann­

ter Zeitschrift neu angeregte Veranstaltung öffentlicher Hausmusik- abende ein. Pros. Tr. Wolbert v. Han st ein befürwortet die. Einführung des orchestralen Elementes in die Hausmusik und äußert: Tas Harmonium bietet diejenigen Tondichtungen, die sich ohne Zwang auf ihm zu Gehör bringen lassen, jedenfalls in viel schönerer, reicherer^ weil mehr dos Herz ergreifender Art, als das Klavier. Im Sinne weitester Verbreitung des Har­moniums äußern sich Prof. Hugo Heermann -Frankfurt und Peter Raabe, der Dirigent des Münchener Kaim-Orchesters. Besonders' eifrig plädieren Viktor Blüthgen und dessen Gattin Clara Eysell-Kilbnrger für die Einführung des Harmo­niums in die Hausmusik, denn cs müsse dergemüt- und sinnlosen Klavierpaukerei gesteuert werden"; im übrigen sind beideab­gesagte Feinde jeder Hausmusik, die tagsüber und bei offenen Fenstern ausgeübt wird oder sich über Mitternacht ausdehnt"; aus den Klagen^des unter demKlavierunfug", wie es scheint, sehr leidenden Schriftstellerpaares tönt der Mahnruf um eine Schonzeit für den geistig arbeitenden Zeitgenossen". Otto Ernst, der Verfasser vonFlachsinann als Erzieher" legt beson­deren Wert ans die orchestrale Klangfähigkeit des Hannoninms und gesteht:Ich bin fest davon überzeugt, daß die Einbürger­ung dieses Instrumentes für die Hausmusik von größtem Segen sein tonnte, so fest, daß ich schon vor dem Erscheinen Ihrer Zeit­schrift beschlossen hatte, mir jetzt noch ein Harmonium zu kaufen und es nach Kräften spielen zu lernen." Auch er hält die Ver­anstaltung zwangloser öffentlicher Haustnusikabende für eine vor­zügliche aussichtslose Idee. Schon aus diesen wenigen Aeußer- nngen hervorragender Autoritäten geht hervor, daß die neueren Bestrebungen für die Einbürgerung des modernen orchestralen Harmoniums in die Hausmusik ernste Beachtung verdienen. Tas Klavier ist ja, wie die Erfahrung täglich lehrt, nicht im stände, die alleinige Basis einer edlen hauslsihen Musikpslege zu bilden. Daß eine Neubelebung der Hausmusik mit zu dem Wünschenswer­testen gehört, was uns die Kunst geben Tarnt, ist nicht eindringlich genug zu betonen! Ans diesem Grunde wird matt auch die Veranstaltung öffentlicher Hausmusikabende, wie sie die Redak­tion desHarmonium" angeregt hat, willkommen heißen. Tas Pa­radoxe der Bezeichnung soll uns nicht hindern, das Gute solcher Demonstrationen, und nichts anderes wollen und sollen sie fein, zu erkennen und freudig zu begrüßen.

vermischte».

* Schönheitskonkurrenz für Kinder. Den Preis auf der Kinderschau der Weltausstellung in St. Louis hat als voll­kommenstes Exemplar eines Kindes der ztvei Jahre acht Monate alte Knabe Virgin Krell erhalten. Die Preisrichter beschreiben ihit als körperlich vollkommen in jeder Beziehung und dabei vonwunderbarem Temperament, sodaß er im ganzen als ein aus­erlesenes kleines Vorbild eines kindlichen Apollo gelten tonn. Tie in den amerikanischen Blättern veröffentlichten Bilder von ihm bekräftigen diese begeisterten Schilderungen. Er hat goldblondes Haar, hellen Teint und große dunkle Augen. Sein Gewicht ist 31 Pfund bei 34 Zoll Höhe, 31 Zoll Brustumfang und 8 Zoll Breite von Schulter zu Schulter. Der Vater des Kindes, ein italienischer Künstler, nimmt den Ruhm der Anfziehnng dieses kleinen Apoll ausschließlich für sich in Anspruch.Die Sorge für ihn lastete infolge Krankheit seiner Mutter ausschließlich auf mir", sagte er. Frische Luft, körperliche Hebungen und angemessene Nahrung sind nach Krell die emsigen Mittel zu gleichem Erfolg. Täglich schlief der kleine Virgin in der freien Luft und lies ohne Schuhe umher. .Bei der Geburt war das Kind durchaus nicht be­sonders entwickelt, aber frische Lust brachte das Wunder zu stände. Zur Ernährung von Kindern empfiehlt Krell Milch mit Zusatz von mehlhaltigen Stoffen, ein oder Mei gekochte Eier und soviel Brot, Früchte und gut gekochtes Gemüse, als das Kind haben will. Fleisch, Kuchen und Süßigkeiten verbietet er aufs strengste.

* Der Genuß roher Kuhmilch ist durchaus nicht ratsam. Wer nun iiibezug auf Geschmack die frische Milch der abgekochten vorzieht, der braucht nur ein zu Schnee ge­schlagenes Eiweiß unter die gekochte und wieder abgekühlte Milch zu quirlen. Auf ungefähr Vt Liter Milch kommt ein Eiweiß. Im Geschmack ist sie dann, besonders wenn sie noch etwas warm getrnnken wird, von frischer Milch nicht zu unterscheiden.

Worträtsel.

(Nachdruck verboten).

Der Erste hat braußen sein Zweites getrieben, Drum bin ich hübsch zu Haus geblieben.

Bald kam dann auch mit meinem Jungen DaS Ganze durch den Garten gesprungen.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Telegraphenrätsels in vor. Nr.r

Hirse, Tanz, Tisch, Lauge.

Hit; schlag.

Redaktion: Auaust Goetz. Rotationsdruck rind Verlag der Brühl'schen Universttäts-Bucb- und Steindruckerei, R. Lange. Gießen.