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Harro war entschieden sehr angenehm berührt, als plötzlich ganz unerwartet, doch zur rechten Zeit, die zierliche Figur seiner Frau unter Len Stalljacken auftauchte. Der dunkle, weiche Pelz ihres Mützchens, die dicke Federboa standen gut zu dem lichtblonden Haar, dem blütenweißen Kolorit; der Winterwind hatte die zarten Wangen ein wenig lebhafter angehaucht, die großen, gründunklen Augen noch leuchtender gemacht. Harro meinte, er hätte sie lange nicht so hübsch gesehen, und daß sie reizender sei, als alles! Vielleicht, daß ihn auch eine Empfindung streifte, als müsse er heute besonders liebenswürdig gegen sein Frauchen sein. Als sie an „Niz^a", dem ersten Blumen- laden in Kaltenburg, vorüber kamen, eilte er hinein und erstand einen prächtigen Veilchenstrauß für sein kleines, süßes Ding! Jutta war selig zu Haus angekommen, stellte die Veilchen auf deu Tisch. Der Tisch war hübsch gedeckt, die Sache machte sich sehr nett; sie waren beide sehr glücklich und liebenswürdig auch. Denn als jetzt Hildegard für einen Augenblick vorsprach> um nach einem neulich vergessenen Taschentuch zn fragen, mußte sie dableiben, auf jeden Fall.
Leider aber hatten Uraus mittlerweile eine neue Köchin bekommen. Nachdem Harro die Fleischjerrechnungen zu hoch befundeu, man etwas weniger Zunge und Filet verbrauchen wollte, vor allem aber die Trinkgelder der sonst immer aus- und eingehenden Gäste fortfielen, hatte es Sophie unter ihrer Würde erklärt, zu bleiben. Ihre Talente und Kenntnisse verlangten -eßen einen anderen Betätigungskreis. Es war die erste bittere Pille, die Jutta in ihrem Leben hinsichtlich der wirtschaftlichen Erfahrungen schluckte. Harro aber hatte gesagt, Sophie sei einfach eine unverschämte Person, es wäre Zeit, daß sie aus dem Hause käme. Auch Frau Dr. Maus, ihre Hauswirtin, au die sich Jutta iu ihrer Not gewandt hatte, hatte über solche Unverschämtheit die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und der jungen Fran eine „andere" besorgt, die Gott danken wollte, in ein so feines Haus zu kommen. Diese andere war allerdings ein sehr solides, ehrliches, anständiges Mädchen, lange nicht so anspruchsvoll und so gerissen wie Sophie; aber auch in der Küche nicht ganz „fix und komplett". Es hatte das ehrlich bekannt und gehofft, die gnädige Frau würde etwas nachhelfen. Die gnädige Frau hatte hier die Achseln gezuckt und gelächelt. Da sie aber in Not war, gemeint, es würde sich schon machen, und dann nicht wieder daran gedacht. Ebenso hatte sie die kleinen Ausstellungen, die seitdem Harro hin nnd wieder bei Tisch losließ, iiberhört oder ihn einen Gourmand genannt.
„Die Suppe schmeckt mal wieder nach was, das uicht ganz just ist", sagte der Leutnant eben, nachdem er den ersten Schluck getan, und legte den Löffel neben den Teller.
machte Jutta, die gänzlich unempfänglich für Tafelfreuden war. „Na, Hildegard, Dir scheint die Sache auch nicht geheuer", wandte sich nun Harro an die Cousine, die gleichfalls mit verzogenem Mund den etwas bräunlich aussehenden G-riinkernschleim löffelte. „Du bist ja sachk verständig, wie ich mich erinnere. Wäs ist los?" Und Hildegard, von seiner /Anerkennung gehoben, vor sich die junge Frau, die nur hübsch war, von der niemand etwas verlangte, die jedermann nur verwöhnte, wie eben auch die duftenden Veilchen erzählten, meinte ein wenig überlegen: „Angebrannt!" „Da hörst Du's", nahm Harro auf. „O, es schadet aber nicht viel", erklärte nun sofort Hildegard höflich. „Danke", erklärte der Herr vom Haus. Jutta aber lachte, ein Grübchen in jeder Wange. — „Tant de bruit pour une Omelette! —Ein Soldat muß alles essen können. Ich habe Dich eben schon verwöhnt." Und Harro, der sich nicht ärgern, auch nicht ärgerlich in Gegenwart eines Dritten werden wollte, behauptete seine Laune: „Also denken wir, wir wären im Krieg, Garda, und seien dankbar, daß wir überhaupt etwas haben." Damit löffelte er seinen Teller hinunter. Hildegard hätte unter solchen Verhältnissen ihr Leben lang von angebrannter Suppe gelebt. Jutta aber freute si ch,daß Harro endlich 'mal ein bißchen nett mit der Cousine wurde.
Der Braten, ein Roastbeef und ein schönes Stück, sah recht einladend ans seiner silbernen Platte aus. Angenehm berührt, setzte Harro das Messer zum Zerschneiden au. Seine Stirn jedoch färbte sich, während das Messer mühsam in deni Fleische arbeitete. Endlich war er so weit. Die Schnitten gingen herum. Hildegard begann an entern Bissen zu würgen, es schien, sie konnte nicht damit fertig werden;
Jutta hantierte etwas betroffen mit Messer und Gabel auf ihrem Teller. Harro jedoch brach los: „Völlig ungenießbar, das Zeug!" Und ehe noch jemand etwas sagen konitte, berührte er die Klingel über der Lampe: „Die Köchin soll hereinkommen!" donnerte er den Burschen an, den der elektrische Draht herbeigerufen hatte. Blaß uttd zitternd, wie ein persönlich gewordenes schlechtes Gewissen, kam das Mädchen heran. Aber auch ein Wurm krümmt sich, wenn er getreten wird. Harro konnte recht deutlich werden. Uttd da Fräulein Julie saud, daß ein solcher Angriff auf ihre kuliuarischen Künste,. zumal sie sich nicht für „komplett" ausgegeben hatte, von feiten des Herrn, den das gar nichts anging und angesichts einer Freundin, die dabei ganz überflüssig war, eine Kränkung ihrer Menschenrechte" bedeutete, so fuhr auch sie eklig aus und endete, nicht unwürdig eines Portiaspruchcs, daß eine gnädige Frau, die einem auch nicht 'mal bescheiden konnte, und ioetut sie zu Haus nötig wäre, in der Malstunde säße, gar feine Frau fei.
(Fortsetzung folgt.)
Aie schöpferische Nyantaste öeiur Kinde.
Taß int Kinde Mächte von Fähigkeiten schlummern, die noch verwandt sind mit bett schöpferischen Bildungskrästen des Genies, hat man schon oft betont. Eine Fülle wertvollen Materials zu dieser Frage trägt Fr. O u e y r a t in seinem neuen Werk „Les Jeux des enfants" zusammen.
Zunächst spricht er von der illusorischen Phantasietätigkeit des Kindes, die aus allen den alltäglichen Tingen Wunderwelten des Märchenlandes hervorzaubert. Aus den ungewissen und seltsamen Formungen der Wolken und der Gesteine, aus den schwarzen Lagerungen des Waldes und der Ebenen erwachsen wundersame Wesen, tolle Berzerrttngen und Masken. An dem geschtvärzten Stuck der Tecke läßt das Kind stundenlaitg seine Blicke hinwandern, und malt sich allerlei aus, so vieles und so merkwürdiges, wie nur der Maler des Lionardo, der in altem Mauerwerk und rissigem Gesteiit ungeahnte Schönheiten entdeckte. So erzählt Anatole France von seiner Kindheit: „Meine Mutter stellte jede Nacht meine Wiege ganz nah an ihr Bett, dessen ttesige gebauschte Vorhänge mir Furcht und Bewunderung einflößten. Kaum lag ich in meinem Bettchen, so tanzten sogleich wildftemde Gestalten um mich herum, Leute mit langen Nasen wie Storchschnäbel, wilden, tief herunterhängenden Schnurrbärten, spitzen Bäuchen und krummen Wackelbeinen. Sie zogen an mir vorbei, mit dem Profil mir zugewandt, jeder ein großes rundes Auge mitten auf der Backe, mit Bürsten, Besen, Guitarren, Spritzen und allerlei Instrumenten bewaffnet." Tie Phantasie des Kindes geht ins Ungeheuerliche und Groteske, sie macht größer und gestaltet neu, aber ihr fehlt die Erfahrung, die auf Grund der Naturbeobacht- ung ein gesteigertes Abbild der Welt bietet und nach etvigeir Gesetzen neue Gestalten formt; wirr und phantastisch zusammenge- tmirselt, vor allem ins Riesenhaste gehoben sind ihre Gebilde. So erweckten die schweren Bettvorhänge in Anatole France die Vorstellung, als seiett seine Eltern gütige, ewige, einzigartige Riesen, die ihn sicher in aller Gefahr beschirmen würden. Wie erstaunt ist der herangewacUenc reife Mann, wenn er die Stätten seiner Kindheit wiedersieht und dieses Traumland märchenhafter Erlebnisse nun vor sich liegen sieht, so klar und nüchtern int Sonnenschein, so alltäglich und gewöhnlich. Tie kleine Pfütze, war sie nicht einst das weite Meer? Der stille, verschlafene Garten ein Urwald von verwirrender Größe und diese kleinen Hügel schwindelnd hohe Gebirge?
Toch nicht nur int Gröbermachen und Steigern des Gesehenen lebt sich die kindliche Phantasie aus; sie bevölkert auch die Welt mit ganz neuen Wesen, schasst sich aus bem Nichts ein eigenes Wnnderreich. Hinter der täglichen Umgebung liegen die geheimnisvollen, weiten Lande ihrer Ahnung und sie erzählt von fremden Leuten, die hinter den Bergen wohnen. Besonders aus engen Winkeln, in dunklen Schränken und tiefen Ecken tauchen ihm solche Visionen hervor; die Unwissenheit des Kindes, die die realen Gründe der Evscheinnugen noch nicht versteht, sucht so eine höchst naive, poetische Erklärung. Anatole France sah in dem Glas- schrank seiner Mutter, in den er aus den Zehenspitzen nur schüchtern lugen konnte, eine Merkwürdigkeit ersten Ranges, mit der sich seine Phantasie stark beschästigte.
Tas Kind macht auch die toteu stummen Tinge lebendig, leiht ihnen Gefühl und Seele. Selbst die Buchstaben werden Personen. So sprach ein kleiner Junge, der den Buchstaben „W" in sein Herz geschlossen hatte, nur von „meinem guten alten „W". Ein junger Herr von vier Jahren soll ein L machen, doch die Feder gleitet aus, und der Buchstabe wird recht schief und erscheint ans die Zeilen gebückt. „Sieh mal; cs hat sich hingesetzt!" ruft der Kleine. Von zwei Buchstaben, die zu eng aneinander gerieten, sagte er, sie „plauderten zusammen". Mit ihrem Lössel, ihrer Tasse, ihrem Teller stehen Kinder in einem innigen Verhältnis, reden oft zu ihnen und weinen bitterlich, tvenn jene entzwei geben. Wie nur irgend ein Dichter pantheistischen Wcltfühleus


