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gelBem, mit weißem Petze gefütterten und Weißen Federn besetzten Wendmantel über die Schwelle. „Kommt Mo- hammed nicht zu dem Berg, komnit der Berg zu ihm." Beide Hände nach Jutta reichend, während sie ihres Mannes Leutnant mit dem bekannten Neigen des schmalen Kopfes und dem Taubenblick ihrer Augen grüßte, führte sich Ellinor leicht und gewandt ein. „Hatte wirklich, Sehnsucht nach Ihnen, meine liebe Fran v. Ur au. Dachte auch, die junge Frau, die —" abermals mit dem bekannten Neigen ihres Kopfes und dem immer bereiten Augenausschlag für deren Gatten, „dachte auch, die junge Fran, die in der Tat Geschmack hat, sähe gern 'mal eine Toilette."
„Nun, was meinen Sie dazu?" Geschickt ließ Ellinor den kostbaren Mantel, den Harro aufzufangen eilte, von den Schultern fallen. „Ganz allein nach meiner Idee gebaut." teie nickte vergnügt, indem sie an sich herunter blickte. „Ja, etwas heller könnte es sein." — Frau v. Greditz sah zu dem Kronleuchter auf, an dem sich ihres Gatten Leutnant bereits zu schaffen machte, damit die Beleuchtung der Toilette entsprechen sollte. „Sie leiden doch nicht an den Äugend fragte bereits Ellinor, da sie nur eine Flamme bemerkt halte. „Aber, brillant, meine gnädigste Fran", kam Harro schnell jeder weiteren Frage,und etwaigen Antwort Juttas zuvor, die in ihrer immer noch so kindlichen Offenheit am Ende imstande gewesen sein würde, zu bekennen, daß man dem verwünschten Sparsystem zuliebe „finster" säße. ,,Brillant!" Und Harro hatte Glück, der Ausruf machte alles gut und war am Platze! Wie sie dastand, jetzt umflutet von dem Licht der sämtlichen Kronen über ihr, erschien Ellinor Greditz gleich, einer Gestalt aus dem Märchen in „Tausend und eine Nacht".
slls sei es mit ihr verwachsen, schmiegte sich ein Kleid von tiefblauem, aber leuchtendem Samt an die überschlanke Figur, um erst gegen seinen unteren Rand in weiche Falten und eine lange Schleppe auszulaufen. Büschel von weißen und lila Blüten, Nachtviolen, stark parfümiert, wanden sich um den Ausschnitt über die Arme gleich oben nahe der Schulter, sahen hervor aus den Falbeln des sich weitenden Rockes und lagen verstreut hier über den Bauschen der Schleppe. In dem dunkeln Haar saß ein kleiner Halbmond von mattem silb er getöntem Gold, dicht von unzähligen würzigen Brillanten umsäumt. Diese glitzernde, glänzende Sichel hielt einen schwarzen Schleier von durchsichtig seidenem Gewebe, sternengleich mit großen Brillanten besät. Er siel über das dunkle Haar, den tadellosen Nacken, bis tief auf die blaue Schleppe hinunter. „O, das ist herrlich!" Atemlos stand Jutta da. Sie wußte wirklich nicht, was sie eben an dieser Königin der Nacht mehr bewundern sollte, den blauen Sanrt ihres nächtlichen Himmels, die Blüten der schlafenden Erde, das schwarze Dunkel mit fernen leuchtenden Sternen, die Schönheit oder die Kostbarkeit des Kostüms.
Ellinor weidete sich an dem Staunen der jungen Frau. „So etwas können auch nur Sie tragen ? "murmelte Harro ganz Befangen. „Denken Sie an die Idee oder an meine Diamanten?" fragte Ellinor im Grunde etwas unvermittelt scharf. Doch immer noch starrt Harro auf die schillernde, blendende Pracht, auf die schlangenschlanke, schlangenge- schmeidige Gestalt der Fran, die ihm noch nie so blendend, so bestrickend erschienen war. „Weil es ganz so ist, wie Sie selbst", drängt es sich ihm endlich wie unbewußt über die Lippen. Ellinor schien abermals mit ihres Gatten Leutnant zufrieden. Achtlos all der sie umgebenden Kostbarkeit, doch, eingedenk jeder Bewegung, jeder Falte ihres schmeichelnden Gewandes, ließ sie sich auf einen der kleinen Sessel nieder, für ein traulich Stündchen noch! Der Wagen warte unten. Der Rittmeister, ihr Mann, sei nach Frohnhausen zur Jagd. Möglicherweise komme er heute gar nicht mehr zum Ball. „Schade, daß Sie nicht mit sind." Diese Worte scheinen an Jutta gerichtet, während sich Ellinors gold- und diamant-sstrahlender Kopf, die Blicke ihrer nacht- schwarzen Augen, gegen Harro bewegen. „Wollen Sie denn immer so exklusiv bleiben und mit Ihrem Glück kokettieren?"
Einer Antwort bedarf es für Ellinor nicht. Sie fährt fort und erzählt, daß der Rittmeister, ihr Mann, zwei neue Pferde gekauft hat, darunter eines von Sperber. „Sie werden morgen früh kommen und sollen prachtvoll sein. Zwölftaufend Mark kostet jedes. Er, der Rittmeister, will damit zum Rennen nach Baden-Baden. Sie müssen einen Preis bekommen. Die Pferde muß sich Harro anfehen, auf jeden Fall. Sie reiten nicht?" fragt Ellinor dazwischen aber
mals ganz unvermittelt die junge Frau. Jutta verneint, sie hätten auch kein Dameupferd. „O", macht Ellinor. In dem Ton liegt etwas, das Jutta das Blut in die Wangen treibt. Einen Augenblick kreuzen sich die Blicke der beiden Frauen. Sofort ist Ellinor schon wieder bei etwas anderem. Dann zeigt die Uhr auf dem Kamin über Neun, g-rau v. Greditz muß fort. Sie hat versprochen, ein paar junge Mädchen zu chaperonnieren. „Die armen Dinger mögen schön warten", damit lacht sie glockenhell und reicht Jutta die Hand.
Harro geleitet seine Rittmeisterin hinunter an den Wagen. „Do ch famoses Weib, verdammt schick", sagt er, als er zurückkommt. „Petroleunitante", meint Jutta. „Zu stark parfümiert, alles zu stark aufgetragen." „Wenn man's kann", meint eben der sonst in allen Dingen empfindlich vornehme Offizier. Seine junge Frau zuckt die Schultern. Ihr geht es wie Dörrenbach sie mag die Rittmeisterin nicht und ist bereits von dem verwirrenden Ein- drnck der glänzenden Toilette, der ganzen Persönlichkeit Ellinors kuriert. Harro aber erklärt plötzlich daß er arbeiten' will, daß es doch das Gescheiteste sei, in diesem Winter fertig zu werden, und geht in sein Zimmer. Leider ist diy Lampe nicht in Ordnung. Sie haben einen neuen Burschen — der Kerl macht nichts recht. Jutta Hinget! — da der Bursche bereits in die Kaserne ist — nach der Köchin. Die Köchin läßt sich, herab, einmal auszuhelfen. Harro dreht an dem Docht, der immer noch nicht parieren will, und schilt. Er erinnert sich, wie bei ihnen zu Haus niemals dergleichen ausgesetzt hat, Papa stets alles Bereit sand, wenn er arbeiten wollte.
Endlich aber brennt die Lampe und Harro läßt sich vor dem Schreibtisch nieder. Das Heft, in dem er gestern geschrieben, ist nichp an Ort und Stelle. Wieder hat der Bursche, der hier aufräumt, seine Sache verkehrt gemacht. Aber auch Jutta hat, da man gestern abend Gäste hatte, in des Gatten Zimmer Umschau gehalten, und — jetzt fällt es ihr ein — ein paar Papiere, die so durcheinander lagen, schnell in den Wäscheschrank getragen. Nun wird Harro ernstlich ärgerlich. Die junge Frau fliegt nach dem Schrank. Das Tischzeug von gestern ist in der Mle über die Blätter gelegt worden, einzeln Bringt sie diese dem Gatten hinüber. Immer aber fehlt noch eins, das sich absolut nicht finben' läßt. „Muß es denn heute noch sein?" Die kleine krause Falte tritt, wie es ihr so reizend steht, auf Juttas Stirn. Eben achtet aber Harro durchaus nicht darauf: „Zum! Donner, ja", flucht er heftig.
Und Jutta zieht sich in das blauseidene Zimmer zurück.. Vielleicht denkt sie, daß er kommen soll? Eine Weile sitzt sie unschlüssig da. Er aber kommt nicht. Die junge Frau holt sich die Journalmappe, blättert in einem Familienroman, darin alles eilst Herrlichkeit und Freude ist, die Menschen alle sehr vornehm und reich, die Männer reine Engel, immer aufopfernd gegen ihre Frauen sind. Harro fetzt sich an seinem Schreibtisch nieder. Die Bücher, die zerschlissenen, verknitterten Blätter, darin die Hauptfachs fehlt, liegen vor ihm. Er ivill arbeiten. Er ist ans der Stimmung gekommen; verdrießlich stützt er den Kopf in die Hand. Es ist die Hand, die Frau von Greditz den Mantel umgehängt hat. Da in dem 'Aufschlag seines Aermels' hat sich eine der kleinen, weißen Nachtviolen festgehakt, wahrscheinlich als er der Rittmeisterin in den Wagen half. Leise vibrieren seine Nasenflügel bei dem süß betäubenden Hauch. Wohlig, Ivie von einem Bergesfen ober einer Erinnerung gefangen, sitzt er lange noch da.
Am attbertt Morgen begab sich Frau von Uran in den Kurs. Dieser Kurs bedeutete eine Reihe von Stunden, wie sie jetzt des öfteren von jungen Damen, deren Kunst nicht für den Künstlerberuf ausreicht, für solche abgehalten werden, welche häuslichje Beschäftigungen als für eine Entwertung ihrer Zeit anfehen, lieber mit Hilfe einer die Kunst streifenden Künstlerm — denn allein geht es ja meist nicht — allerhand Künstobjekte liefern, die, im' Grunde genommen, meist nur die Wohnungen eng und ungemütlich machten und in einem schlecht zusammengesetzten Bazar verwandeln. Doch, hony soit gut mal y Peuse. Die Sache ist Mode, und Jutta machte selbstverständlich mit. 'Als die Stunde vorüber war, belehrte die kleine, perlbesetzte Uhr, mit der die zärtliche Mutter Juttas siebzehnjährigen Geburtstag gewürdigt hatte, die junge Frau, daß es noch Zeit fei, den Mann in der Kaserne abzuholen. Sie hatte das im Anfang immer, nachher seltener getan.


