Ausgabe 
7.10.1904
 
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Aus Lieös.

Roman von M. b. Efchstruth, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Harro hatte ihre Bravourstückchen gehört bis zum Ueverdruß; das Klappern der Nägel machte ihn schon längst nervös. Nun senkte auch Hildegard kritisch die Mund­winkel bei dem musikalischenHochgenuß". Es sollte sich aber doch niemand üebr seine Frau mokierendürfen.Na, Jutta, nun spiel' mal etwas anderes als die Hopsassa"-, unterbrach er ein wenig brüsk das Spiel und den Gasparone. Jutta erschrak über den Ton ihres Gatten. Doch gewohnt, alle Dinge liebenswürdig und leicht zu behandeln, ahnungs­los auch, daß jemand eine ernstere Leistung bon ihr ver- langen könne, meinte sie heiter:Mer, Schatz, Du weißt ja, daß ich nichts anderes kann. Mn ja ein kleines, dummes Ding nur, just, wie Tu mich haben wolltest." Und Harro lächelte wieder einmal nur. Gewiß, sie hatte sich ost ein kleines, dumches Ding in seinen Armen genannt; er sie dann aber erst recht fest und immer fester an seine Brust gedrückt und erklärt, gerade dieses kleine, süße, dumtne Ding habe es ihm einmal für immer angetan.Hildegard aber hat stets gut gespielt", begann Jutta glücklich sich der Tatsache zur rechten Zeit erinnernd.Bitte, Garda, sei so so steundlich und gib uns etivas zum Besten."

Hildegard hatte lange nicht geübt. Die mathematischen Lösungen, die lateinischen und griechischen Syntax hatten die Musik wie andere überflüssige Regungen ihres Herzens! zurückgedrängt. Dennoch es überraschte sie selbst aber sie entschloß sich kurz, kramte sie in den borhandenen Noten, spielte ein Rondo bon Beethoven korrekt und tadellos herunter, und ebenso einige kleine Tschaikowskys, die der gnädigen Frau zur Ansicht geschält worden waren- mit warmem Gefühl.

Famos", erklärte Harro überrascht,wie hast Du das nur so nett gelernt?"Ich habe geübt", klang es bedeutsam! zurück.Sehr biel?" fragte Jutta, augenscheinlich bon dem Wunsch beseelt, zu können, was ihrem Gatten Freude zu machen schien.Nun, so täglich drei, bier Stunden, je nachdem!",O." Die arme, kleine Frau, die nie zu etwas angehalten worden war, Hot ein Bild hilfloser Schwäche und Ratlosigkeit, wie es starke Männer bei dem zarten Geschlecht .rührt, so lange diese nämlich zart, d. h. jung und schön ist. Der Rittmeister sah denn auch gerührt auf das füßxj,. kleine Frauchen herab, ex hätte ihr die Hände unter die Füße legen mögen. Mich Harro tvar widerstandslos gefesselt.

Indem klingelte es draußen. Der Bursche trug einen wunderbaren Strauß weißer Lilien und rosa Nelken herein. Der Rittmeister hatte ihn Frau bon Urau mitbringen wollen. Der Gärtner hatte ihn jedoch nicht zeitig genug Pau Erfurt bekommen. Jutta jubelte iiber die duftende

Pracht.. Und in ihrem Jubel und in ihrer Freude doch immer zuerst an dan Gatten denkend, meinte sie heiter: Und Harro, Du liebst mich doch!?" ®K schien zu ber­stehen, was d.ie Frage sagen wollte. Denn auch er lachte heiter:Na, natürlich- das bißchen Geklimper soll uns! doch nicht auseinander bringen." Noch einmal sah der! Rittmeister Frau bon Urau gerührt an, dann klopfte er! dem Leutnant auf die Schulter. Und plötzlich im gemüt­lichsten Plaudern saßen die Drei zusammen. Hildegard! räumte die Noten auf. Sie fühlte sich überflüssig, total überflüssig hier, und stahl sich nach Hause. Erregt schritt sie durch die nächjtlich stillen Straßen, zum erstenmale allein. Keine Bedienung folgte ihr. Sie merkte es nicht. Dann und wann krampften sich ihre Hände zusammen: Ich würde, o, ich würde" murmelte sie. Und gleich einer Fata Morgan« fliegen längst begrabene Träume, durch die Tradition und Natur geheiligte Illusionen in ihrer Seele auf.Ich! würde was wollte ich alles tun, alles lernen" wiederholte sie noch einmal, da sie endlich zu Hause angelangt, das Lehrbuch der Mathematik vor sich hinlegte. Sie hatte noch eine Aufgabe für den anderst Tag zu lösen. Als sie dann die letzte Gleichung gerechnet- war sie wieder riuhig geworden, dache sie nur daran, zu werden, wie ein Mädchen gleich ihr werden must.

5. Kapitel.

Wieder fand sich Harro in dem blau schimmernden Boudoir für den häuslichen Abend ein. Er setzte sich aus einen kleinen Sessel und steckte sich eine Zigarre an. Jutta legte das Stück Holz, darin sie Lilien schnitzte, zur Seite, lehnte sich in dem Sofa zurück und blickte den Gatten an, als wollte sie sagen:Was fangen wir denn heute an?" Länger schon bat Harro sein Frauchen nicht mehr um Musik, ebenso verlangte sie nicht nach den Bildern der deutschen Vergangenheit. Journale lagen auf dem Tisch Jutta blätterte in demBasar", in derRomanzeitung". Er hatte dieIllustrierte" und dieFliegenden" bereits gelesen, seiner Frau mittags bei Tisch ein paar neue Kalauer und von Barnum, der gerade die Welt durch streifte, erzählt. So saßen sie schweigend da. Der Man« zog stärker an seiner Zigarre, die Frau stützte das Köpf­chen in die Hand.

Plötzlich wurden beide munter, als habe sie ein elek irischer Funken getroffen.Heute ist Kostümball im. Ka­sino !" klang es wie aus einem Munde.Im letzten Wintst hatten wir Mazurka." Harros Fuß berührte den Boden vielleicht in der Erinnerung an den Mazurkatakt. ,,Uitl das Jahr vorher, zu Haus noch war ich Puck." sagst Jutta leise.Wir lernten uns kennest." Stärker zog et an seiner Havanna. Er blies die blauen Ringe in die Luft als möchte er im Moment alles, vielleicht auch jede Elfen Herrlichkeit mit ihnen hinweg blasen. Da öffnete sich dil Tür, ehe noch der Bursche zum Melden herem zu kommst vermochte, t'rat schon Frau v. Greditz in einem langest