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am Cypresseuteich vorbei, zum Hinteren Parktor, bei der Villa Mondragoue hinaus.
Maria begab sich in sein Zimmer.
Auf dem Schreibtische lagen die Papiere, die ich Dir chit diesem Briefe schicke.
Maria las alles.
Ter einzige Gedanke, dessen sie sich fähig fühlte, war: Mlöst! Bald wird er von allen Leiden erlöst sein!'
Seine Aufzeichnungen lesend, blieb sie in seinem Zimmer, bis der Tag graute. Als es im Kapuzinerkloster zur ersten Andacht läutete, ging sie hinaus, um die Knechte nach ihm auszuschicken.
Ta sagten ihr die Leute:
„Ter §err muß im Hause sein! Wir sahen ihn soeben erst. Er ging um die Villa.
Maria eilte in den Stall. Wer das Pferd war fort. Man suchte im Hause, im ganzen Park. Wer er war nicht da. Tie Knechte liefen zu den Toren und sanden sämtliche Eingänge bis auf das hintere Parktor verschlossen. Tiefes Tor stand weit offen. Wer die Knechte fanden nirgends die Spuren, daß das Pferd zurückgekehrt wäre.
Und doch hatten sie den Herrn vor einer Viertelstunde vnt die Villa gehen sehen!
Maria berief die Leute und hielt ein förmliches Verhör.
Wer hatte den Herrn gesehen?
Es waren vier Personen gewesen: der Inspektor, der die Leute weckte; der Oberknecht, der die Pferde fütterte; einer von den Ochsenjungen und ein Gärtner.
Tiefe vier Personen hatten sich zur nämlichen Zeit an verschiedenen Stellen beim Hause befunden. Und alle hatten den Herrn gesehen, wie er, aus der Halle tretend, durch das Löwenportal in den Hof gegangen war; und ans dem Hofe nach der hinteren Seite der Villa.
Er war langsam, langsam gegangen, ohne stehen zu bleiben und sich umzuschauen.
Jeder von den vieren hatte ihn gegrüßt.
Aber er hatte keinen Gruß erwidert, worüber jeder erstaunt gewesen war; denn der Graf liebte seine Leute, wie er von ihnen geliebt wurde.
Wann war das gewesen?
Gerade als sie bei den Kapuzinern den Morgen einläuteten.
Also um vier Uhr.
Jetzt war's halb fünf.
Wo war der Herr zuletzt gesehen worden?
Als er in den Hof eingetreten war, von dessen Mauerrand der große weiße Rosenstrauch herabhing.
Ta kam ein Hirt gelaufen und schrie:
„Auf Tusculum unter dem Kreuz liegt der Graf mit dem Pferde! Tas Pferd ist gräßlich zerschmettert. Der Herr liegt da, als schlafe er nur."
Als der Mann den Toten gefunden, war er noch wann gewesen. Bei den Kapuzinern hatten sie gerade den Morgen eingeläutet.
In Frascati soll über den Vorfall eine notarielle Urkunde ausgenommen werden. Es gibt eben mehr Tinge Hwischen Himmel und Erde —
Hier hat das Volk einen Aberglauben, in dem ein tiefer Sinn liegt: Tem Menschen sei die Macht gegeben, in der ersten Stunde nach seinem Tode noch einmal die Stätte zu umschreiten, die ihm auf Erden die liebste gewesen.
Und so umschritt denn unser Freund im Tode noch einmal sein liebes leuchtendes Haus....
Auf allen Wegen rings um Tusculum fand man die Spuren seines Pferdes. Er muß also die ganze Nacht durch geritten sein. Als der Morgen graute, lag nach Aussagen der Hirten ein wogendes Nebelmeer um den Gipfel. Aus dem dichten Tunst ragte nur das Kreuz auf.
Er sprengte mitten in das Gewölk hinein und in die Ginsterblüte hinunter.
*
In seinem heiteren Frühlingszimmer bahrten wir ihn auf. Michelangelos sterbender Sklave stand zu seinen Häupten; die beiden kleinen Genien ließen bunte Blütengewinde über ihn niederhängen und die holde Frühlingsgöttin schien ihren ganzen Lenz aus ihn herabzustreuen.
Tn glaubst nicht, wie friedlich nnd feierlich er aussah! Und so jung! Fast wie ein Jüngling.
Gestern nacht begruben wir ihn an einem Platz, den er sehr geliebt hat. Er liegt zwischen den beiden hohen
Pinien, die, wenn man über die Villa Rnfinella nach Tusculum hinaufsteigt, nahe beim Amphitheater dicht am Wege stehen.
Hier ruht er hoch über der Campagna und dem Molaratal, angesichts des Cavo und des Landes der Aeneide. Man sieht die schönen alten Bäume, die seine Ruhestätte bewachen, von Rom sowohl wie von Tivoli aus.
Es ist ein wahres Königsgrab — Nein!
Es ist ein echtes Tichtergrab!
Sein Begräbnis sollte in aller Stille stattfinden; aber er hatte ein Leichengefolge wie ein toter Volksmann oder ein Märtyrer. Von weither kamen die Landleute herbeigeströmt.
Jetzt treffen aus allen Städten Italiens Deputationen mit Kronen und Kränzen ein.
Sie kommen zu spät.
*
Villa Falconieri, am 30. Mai.
Italien ehrt seine Toten.
Gestern abend fand in Rom im Nationaltheater für unfern stillen Freund eine großartige Feier statt. Sein „Frühling" wurde aufgeführt. Tie kleinste Rolle war durch einen ersten Künstler besetzt.
Ter Eindruck war ein ungeheurer.
Assunta Neri spielte, wie man sie nie zuvor spielen gesehen hatte. Sie war keine Schauspielerin; sondern eine Priesterin. In einem Tempel stand sie vor versammelten Volke und verkündete allem Volke das Evangelium von der erlösenden Liebe des Weibes.
Ich saß in einer Loge bei Maria, deren hohes Lied heute gesungen wurde.
Tenn Maria hatte der Tote gemeint, unb nicht Viviane.
Ich sah die Prinzessin.
Sie kam mit der Königin, die wie sämtliche Tamen in Schwarz erschien. Ich konnte das Gesicht der neuen Ehrendame deutlich erkennen. Es war bleich wie weißer Marmor und von der Holdseligkeit einer Melusine.
Tie Prinzessin blickte immerfort zu Maria hinüber. Sie war so gespenstisch regungslos, daß es im Hause Aufsehen erregte.
Nach Schluß der Vorstellung ging der Vorhang noch einmal in die Höhe ... In einem Blütenheim war unseres Freundes Büste aufgestellt; und bei den Klängen des Beet- hovenschen Trauermarsches legten die Künstler Lorbeer vor seinen! Bilde nieder.
Nur Assunta Neri tat es nicht.
Tas Publikum erhob sich von den Sitzen . . .
Ich wurde dann in die Loge der Königin berufen, die gut und klug mit mir über bett Verstorbenen sprach. Sie ließ mich ihren Tamen vorstellen. Die Prinzessin wollte mir die Hand reichen; aber wie gelähmt sanken ihre Arme herab. Sie - wollte mit mir sprechen; pber um ihre Lippen zuckte es wie um den Mund eines Kindes, das sich mühsam der Tränen enthält. Stumm sah sie mich an.
Es war ein trostloser Blick.
Maria umarmt Dich mit Schwesterliebe. Ich begleite sie morgen nach Brindisi, wo sie sich für Afrika einschifft; in der italienischen Armee ist der Typhus ausgebrochen. Vielen wird sie Trost und Hilfe bringen.
Tas ist auf Erden ihr Amt!
*
Ein Letztes von dem Toten und seinem „leuchtenden" Hause.
Tiefes verfällt und verödet mehr und mehr.
Unkraut wuchert aus den Wegen, der Cypressenteich versumpft, die Rosen vor der Billa sind wieder Wildnis geworden. Verwüstet liegt das „Zaubergärtlein". Tie Sarkophage in der Villa Taverna wurden an den Meistbietenden verkauft.
Nur Marias weißer Rosenstrauch blüht von Jahr zu Jahr herrlicher über der jetzt vollständig zertrümmerten Bildsäule des antiken Nymphäums. Ws dem Grunde des Hofes fand ich noch in diesem Jahre einen von den „hunderttausendmal hunderttausend" Briefen, die der arme Wahnsinnige geschrieben und durch die Winde hat verstreuen lassen.
Auf dem Zettel stand mit großen festen Buchstaben:
„Die himmlische Liebe ist doch die höchste
Liebe!"


