Ausgabe 
7.3.1904
 
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Ter Fremde, der in einer schönen Mondnacht durch das Falkentor eingeht, den schimmernden Oelwald durchschreitet, durch das zweite hohe Portal in die feierlichen Schatten der Steineichen tritt und weiter wandelt vor diesem liegt plötzlich die Villa Falconieri in solchem magischen Glanze, daß er gewiß begreift, warum sie noch immer dasleuchtende Haus" ist.

Er, der dieses Haus seine leidenschaftlichste und zu­gleich glücklichste Liebe genannt hat, erhielt die selbstver- saßte Grabschrift, und an die Felswände unter dem Kreuz von Tusculum haben Hirten eine kleine Gedenktafel ge­stiftet.

Sie ist aus weißem Stein und zeigt in schlichtem Bilde die Gestalt der göttlichen Jungftau. Darunter steht ge­schrieben :

Maria, bitte für ihn!"

Ende.

Ate Iakryuttdeclfrier der M-itischen und Ausländischen Divekg-seklschaft und die Kiöel.

Am 7. März begeht die Britische und Auslän­dische Bibelgesellschaft die Feier ihres hundert­jährigen Bestehens. Dies Ereignis darf, trotz der geringen Sympathie, die man bei uns im allgemeinen England und englischen Dingen entgegenbringt, doch auch in der deut­schen evangelischen Christenheit auf eine weitgehende freu­dige Teilnahme rechnen. Ueberhanpt sieht sich, wie all­gemein bemerkt werden mag, England vom Standpunkt der Mission und der Ausbreitung des Evangeliums ganz anders an, als mit den Augen des Politikers, und es ist im In­teresse unseres Verhältnisses zu dem eng stammverwandten Volk, wenn wir diese Seite nicht ganz vergessen. Nicht bloß ist die Mission, auch die deutsche, England viel Dank schuldig sür weitherziges Verständnis und tatkräf- tige Förderung, sondern das englische Volk hat auf diesem Gebiete, wie auch auf dem der christlichen und humanen Liebesübung so großartige Eigenschaften entfaltet, solchen Opfersinn betätigt, daß wir nur von ihm lernen können.

Auch die Britische und Ausländische Bibelgesellschaft hat ja mit ihrer Arbeit ganz besonders der Mission gedient. Ihr Losungswort war von anfang an:Die Bibel für die ganze Welt!" Sie hat es in diesen hundert Jahren in einem kaum geahnten Umfang zur Wahrheit gemacht. Bis 1903 hat sie 180 Millionen Exemplare teils der ganzen Bibel, teils des Neuen Testaments, teils einzelner Bibel­teile gedruckt und verbreitet, im Jahre 1902/03 allein fast 6 Millionen (gegen 1 ein Sechstel Millionen im Jahre 1852). Im ganzen hat sie seit 1804 für die Herstellung und Verbreitung dieser riesigen Bibelmenge fast 280 Mill. Mark ausgegeben. Durch ihren Dienst wurde die Bibel in 370 verschiedene Sprachen und Dialekte übersetzt, zu allermeist durch den selbstverleugnenden Dienst der Missionare. Da­von sind 97 Uebersetzungen der ganzen Bibel, weitere 93 des dienen Testaments, und weitere 180 einzelner Bibelteile durch sie gedruckt und verbreitet. Was das bedeutet, begreift man, wenn man hört, daß allein für den Druck der chinesi­schen Bibelübersetzung 4000 Schriftzeichen nötig waren. Daß die englische Gesellschaft auch uns Deutschen gedient hat, beweist u. a. die Tatsache, daß unter den 1902/03 heraus­gegebenen acht neuen Uebersetzungen auch die des Lucas- evangeliums ins Schambala für unsere deutsch-ostafrika- nische Mission war. Aber wir brauchen nur eine beliebige Bibel in unseren Häusern aufzuschlagen, so werden wir in der Mehrzahl der Fälle die Brit. und ausl. Bibelgesellschaft als Herausgeberin genannt finden. Und das tut nicht eng­lischer Geschäftsgeist, sondern der Opfersinn der englischen Christen. Denn selbst bei diesem großartigen Massenbetrieb ist das Exemplar nicht so billig herzustellen, wie es unter uns verkauft wird. Eine schöne Bibel in gutem Einband und Druck kann man schon für 90 Pfg. haben, ein Neues Testament für 25 Pfg. Die Verbreitung geschieht meist nicht durch den Buchhandel der daran nicht genug ver­dient, sondern durch besondere Agenturen und Bibelboten (auch Frauen, besonders in Indien und in mohammedani­schen Ländern), deren ein ganzes Heer, ca. 1500, im Auftrag der Gesellschaft die Welt durchziehen.

Auch die Entstehung der Gesellschaft bean­sprucht in ganz besonderer Weise unser Interesse. Eines Tages kommt zu dem Pastor Charles in Bala in Wales

ein schüchternes Landmädchen, Mary Jones, legt ihm ein Pfund (20 Mi.) auf den Tisch mit der Bitte, ihr dafür eine gälische Bibel zu verkaufen. Sie erzählt ihm, daß sie seit sechs Jahren von ihrem kargen Tagelohn Heller bei Heller gespart, um in den Besitz einer eigenen Bibel zu kommen. Er hat nur noch ein Exeurplar, das letzte über­haupt, denn die Bibel ist vergriffen und die Buchhändler scheuen die großen Kosten einer neuen Auslage. Ergriffen von ihrer Erzählung tritt er ihr das Exemplar ab, obwohl es bereits einem Amtsbruder zugesagt war. Wer die Not des Volkes, das keine Bibel hat, treibt ihn nach London. Dort legt er mit feurigen Worten dem Vorstand der neu gegründeten Traktatgesellschaft sein Anliegen vor und er­langt das Versprechen, die Gesellschaft wolle einen Neu­druck der gälischen Bibel veranstalten und zum Selbst­kostenpreis verbreiten. Da siel in der Versammlung das Wort:Wenn für Wales, warum nicht für alle in Groß­britannien?" und als begeisterte Zustimmung erfolgte, der weitere Vorschlag:Wohlan denn, w a s w i r u n s e r e m Volke bieten wollen, laßt es uns der ganzen Welt bereiten: Jeglichem Volk der Erde das Wort Gottes in seiner Mutters p r a ch e!" Auf dieser Grundlage trat dann am 7. März 1804 die Britische und Ausländische Bibelgesell- schen" ins Leben. Bei ihrer Gründung war auch ein edler deutscher Pfarrer, Dr. Steinkopf aus Bafel, der Sekretär derDeutschen Christentumgesellschaft", der Vor­läuferin unserer Vereine für äußere und innere Mission, in hervorragender Weise tätig.

Zum Gedächtnis dieses Ereignisses, dem auch wir so viel Dank schulden, wird der 6. März in der evangelischen Kirche Deutschlands als Bibelsonntag begangen werden; und es ist der Wunsch und die Hoffnung, daß unser deutsches und evangelisches Volk sich an diesem Tage nicht nur der Verdienste der Brit. und Ausl. Bibel­gesellschaft erinnere, sondern sich auch darauf besinne, was es an seiner Bibel hat. Das tut fteilich, sehr not. Mit Recht wird schon lange bei nns über mangelnde Bibel­kenntnis geklagt. Unsere Gebildeten vor allem ahnen nicht, daß es ein Mangel an Bildung ist, wenn man diesBuch der Menschheit" nicht kennt. Kommt doch von allen großen Büchern der Weltliteratur keins der Bibel gleich an allgemeiner Bedeutung und unerschöpflichem Einfluß auf die Erziehung des Menschengeschlechts. Der Koran Mohammends darf überhaupt nicht übersetzt werden, er will nur in der heiligen arabischen Sprache gelesen sein. Tie Bibel dagegen will und kann von Anfang an übersetzt werden, sie will zu jedem Volk in seiner Sprache reden. Sie hat keine Weltsprache geschaffen, kein Volkstum zerstört und doch eine einheitliche Anschauungswelt und eine geistige Gemeinsamkeit der Völker herbeigeführt: sie verstehen ein­ander wirklich so weit sie die Bibel lesen. Tie Geschichte jedes Volkes fängt an mit einer Bibel in seiner Sprache, und jedes Volkes'Sprache wird durch sie zum höchsten Adel erhoben. Sie hat der Menschheit das Bewußtsein von ihrer Einheit und dem sittlichen Ziel ihrer Entwicklung gegeben, uitb doch ist's jedem Einzelnen, als ob sie eigens für ihn geschrieben wäre. Die tiefsten Denker finden in ihr Genüge, und kommen nicht über sie hinaus, aber auch Kinder und Ungebildete können sie verstehen und ihre Kraft an der innersten Seele erfahren. Uns erscheint die von Luther verdeutschte Bibel an Kraft und Schönheit unvergleichlich; der Kafsernchrist Südafrikas aber versichert, eins habe er vor dem beneideten Weißen voraus: die kafferische Bibel; erst, wer sie lesen könne, vermöge den vollkommensten Aus­druck des Evangeliums zu ahnen. So ist die Bibel das Buch der Menschheit. Bekannt ist der Ausspruch Goethes in seinerFarbenlehre":Je höher die Jahr­hunderte an Bildung steigen, desto mehr wird die Bibel, teils als Fundament, teils als Werkzeug der Erziehung genützt werden". Ihr zu diesem ihr gebührenden Einfluß zu verhelfen, ist auch unsere moderne Bibelwissenschaft mit großem Ernst bemüht. Es ist bloße Unkenntnis, wenn man ihr vorwirft, daß sie durch ihre Kritik die Ehrfurcht vor der Bibel zerstöre. Allerdings, die vielfach fast abergläubische Verehrung als eines sozusagen vom Himmel gefallenen Buches, eines Orakels voll zauberhafter Kräfte hat eine, nüchterneren Betrachtung Platz machen müssen. Die Bibe, erscheint der ehrlichen Geschichtsforschung als eine mensch­lich zustande gekommene Urkund e der Religion. Wie wir bei den Griechen die klassischen Zeugnisse der Kunst,