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(Nachdruck verboten.)
Kissa Jafcsuier'.
Von RichardVoß.
Zweiter Band.
(Schluß.)
Die Prinzessin von Dora an die
Herzogin Vere de Were
London, Vere-House,' ^.«tgland.
Cannes.
Heute abend las ich im „Figaro" die Depesche:
Er ist mit dem Pferde verunglückt.
Auf Tusculum, von dem Felsen unter dem Kreuz ist er abgestürzt!
Man spricht von Selbstmord bei unheilbarer geistiger Störung.
Ich weiß es besser:
Der Ginsterzauber hat ihn herabgeholt!
*
Dreimal las ich die Depesche. Zuletzt las ich sie mit lauter Stimme mir selber vor.
*
Noch immer fühlte ich nichts . . .
*
Dann klingelte ich meiner Kammerfrau.
Ich ließ mich zum Tiner a/kleid en. Zu me nee Toilette nahm ich seine Lieblingsblumen: weiße Narzissen.
Wir speisten bei meinem exotischen Prinzen.
Ich saß neben Seiner Kaiserlichen Hoheit, sah sehr schön aus und wurde sehr bewundert. Nie in meinem Leben war ich so liebenswürdig.
Man sprach auch von seinem Tode.
Ich erzählte, daß wir vor einem Jahre Nachbarn waren und daß ich ihn gelaunt hatte.
Und noch immer fühlte ich nichts!
Ich dachte, wenn du jetzt plötzlich sagen würdest:
„Ich war seine Geliebte. Ich brachte ihn um den Verstand. Ich jagte ihn in den Tod!"
Es hätte Sensation gemacht. . .
Aber ich schwieg. Ich war feige.
Nach zehn Worten sprach man von etwas anderem.
Er war abgetan.
Mein Ruf ist wirklich tadellos! Niemand ahnt etwas.
Ich kann in Ehren die Ehrendame der gestrengen und tugendhaften Königin sein.
*
Mein junger Held von damals war gleichfalls bei dem Tiner. Sein Blick verschlang mich^ Sein Blick fragte mich unaufhörlich:
„3 ft es denn noch immer nicht Zeit?"
Nach dem Tiner machte er mir eine rasende Erklärung. Er sagte mir, daß er sich töten müßte, wenn ich ihn nicht erhörte. Ich nahm seine „große Leidenschaft" sehr heiter auf.
Tann nach Hause, dann allein!
Hätte ich in meinem Herzen nur ein leises Zucken gefühlt! Oder — da ich kein Herz habe — eine ganz leise Regung meines Gewissens . . . Eine sehr, sehr starke Tosis Morphium wäre so leicht zu nehmen gewesen.
Aber ich- fühlte nichts — nichts — nichts!
Also bleibe ich leben.
*
Herr Richard Voß an
Frau Melanie Voß
Berchtesgaden, Villa Bergfrieden, Deutschland.
Villa Falconieri, 15. Mat.
Und so schritt er denn aus seinem „leuchtenden Hause" hinaus in die feierliche, schweigende Nacht. . .
In der Halle war Maria.
Als sie sein stilles, verklärtes Gesicht sah, wußte sie sogleich: jetzt wird er-s an sich vollbringen!
Sie hatte darauf seit Monaten gewartet.
Tie Aerzte hatten ihr gesagt, daß es Gehirnerweichung wäre, daß das (Aide noch lange, lange ausbleiben könnte, daß er unmenschlich litt.
Sie hatte sich geweigert, ihn in eine Anstalt überführen zu lassen, hatte seit Monaten die treuesten Wärter- und Wächterdienste getan, hatte seit Monaten auf die Erlösung geharrt, heimlich darauf gehofft.
Mit eigener Hand hatte sie für ihn den Schlaftrunk bereitet.
Aber er glaubte sich von der „fremden Frau" verfolgt und seines Lebens bedroht. Er wollte die Erlösung aus ihren Händen nicht annehmen.
Jetzt brachte er sie sich selbst.
Endlich!
Seit dem Tage, wo die geistige Nacht für ihn begonnen hatte, war Maria die „fremde Frau" gewesen. Jetzt erkannte er, daß cs Maria war: in seiner letzten Stunde erkannte er sein Weib.
Er ging zu ihr, sah sie mit stillem Lächeln lange an, küßte sie auf die Stirn und sagte leise:
„Liebe liebe Maria!"
In diesen letzten drei Worten, die er zu ihr sprach, war sein ganzes zwanzigjähriges Leben mit ihr enthalten. Und es lag in diesen letzten drei Worten inbrünstiges Flehen um ihre Vergebung und zugleich glühender Tank für ihr Liebesopfer, das reumütige Bekenntnis seiner Schuld und zugleich die jubelnde Erkenntnis der Wahrheit:
Tu bist auf Erden meine himmlische Liebe g ewesen!
Tann ging er, sattelte selbst sein Pferd und ritt davon:


