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der Archäologie gut aus und bewundert unsere alten Gebäude ebenso sehr tote Flemming unsere Giftpflanzen. Hier" — er fuhr mit der Hand herum — „ist sein ergiebigstes Jagdrevier. . . Sie sind Wohl mit den jungen Ranis hierhergekommen, Miß Ferrars?"
„Ja, denn auch für sie ist dieser Ort ein ergiebiges Jagdrevier; reich an allerlei kleinen Schätzen. Hoffentlich haben Sie sich vollständig von der Malaria erholt?"
„O ja, ich dattke. Der Ausflug in die Berge war ein sehr heilsames Rezept, das Wunder gewirkt hat."
„Uebrigens war es ein recht schlimmer Anfall", bemerkte der Arzt. „Eine Art von Malaria, wie sie mir noch niemals vorgekommen ist."
„Wohl auch einer der Vorzüge von Royapetta?" warf fein Patient lächelnd ein. „Doch sehen Sie nur, was für ein herrlicher Sonnenuntergang!" rief er plötzlich, worauf wir uns alle dem glühenden Westen zuwandten.
In dunklem Purpurrot hob sich die ferne Hügelkette vom leuchtenden, orangegelben Himmel ab, über den sich Streifen von wunderbarstem Rosa hinzogen, welche die ganze Landschaft in rosige Glut tauchten.
„Alles rosenfarbig", bemerkte Mr. Thorold. „Gewiß ein gutes Omen!"
„Ja, die Sonne geht unter, aber wir haben ja den Palast noch gar nicht besichtigt, und doch gibt es so ungeheuer viel Interessantes zu sehen", sagte Mr. Bellairs.
„Gut, Dick, dann gehen Sie jetzt nur und führen Sie den Herrn Doktor herum. Ich bleibe inzwischen hier bei Miß Ferrars, mit der ich allerlei Geschäftliches zu besprechen habe."
Während Mr. Bellairs mit dem dicken Doktor, der ihm kaum zu folgen vermochte, davon eilte, wandte sich Mr. Thorold lebhaft zu mir.
„Ich bin sehr ftoh. Sie hier zu treffen. Nun sage,n Sie mir, bitte, vor allem, warum soll ich Sie denn nicht im Palast besuchend
„Weil die Rani Sundaram es nicht wünscht. Sie traut mir nicht und hält mich für Ihre Spionin."
„Das sieht ihrer Hoheit, der Königin der Spione, wieder recht ähnlich."
„Ich hatte einen entsetzlichen Auftritt mit ihr."
„Was das heißen will, weiß ich zur Genüge, denn auch ich habe, vor ihrem Purdah stehend, schon manchen heftigen Kampf mit ihr auszufechten gehabt."
„Dann sehen Sie dabei aber doch wenigstens chre Augen nicht."
„Um was handelte es sich denn?""
„Es war Ihretwegen. Wenn wir Halbwegs Frieden mit ihr haben wollen, so dürfen Sie mich weder besuchen, noch Briefe mit mir wechseln. Die Wände des Palastes haben tausend Augen und Ohren. So war sie zum Beispiel auch Zeuge unserer Unterredung im Audienzsaale. Sie sah, daß ich Ihnen Briefe übergab und behartptete, wir hätten schlecht über sie gesprochen.""
„Da hatte sie wahrhaftig recht! Wer sagen Sie mir, wie ihr dies möglich war, wenn sie nicht tatsächlich hexen kann!"
„Hoch oben laufen ja doch Galerieen um den Saal herum, vott wo aus die Dienerinnen den Festlichkeiten zufehen. _ Dort muß sie gewesen sein.""
„Daß ich ihr so verhaßt wie Gift bin, weiß ich wohl, ist mir aber höchst gleich giltig und hindert mich nicht im geringsten an meinen Arbeiten, die einen recht günstigen Fortgang nehmen. Ich löse Pfandbriefe ein, strecke Geld zu gemeinnützigen Zwecken vor, lasse Gerechtigkeit walten, wo und wie ich kann, und führe Verbesserungen ein. Ungeheuere Schulden lasteten auf dem Staate, die Steuern betrugen mehr als die Hälfte des Einkommens und saugten das Herzblut des Volkes aus. Die Rani Sundaram aber kümmert sich nicht darum, wie viele Menschen täglich am Hungertode sterben. Mit vollen Händen wirst sie das Geld zum Fenster hinaus, ihr Ehrgeiz und ihre Verschwendungssucht kennen keine Grenze.""
„Ist es wahr, daß nächsten Monat großartige Ver- gtählungs feierlich keilen stattsinden sollen?""
„Ja, in der ersten Woche des März schön sollen sie beginnen. Da werden wir dann jedenfalls wieder Gelegenheit finden, uns zu sprechen."
„Vielleicht"", antwortete ich zweifelhaft.
„Da gibt es kein Vielleicht. Ich will schon dafür sorgen."
„Nun werden die kleinen Rauis gleich zurückkommen und uns beisammen finden!"" ries ich plötzlich ängstlich. „Was wird ihre Großmutter sagen, wenn sie davon erfährt!""
„Ms ob sie das etwas anginge! Wir sind stete Menschen, und wenn ich nicht einmal das Recht hätte, mich mit meiner Landsmännin zu unterhalten, so wäre ich wirklich ein beklagenswerter Mensch. Stellen Sie sich einmal vor, wie hübsch das aussähe, wenn ich nun plötzlich Reißaus nähme und davon galoppierte, damit diese Kinder — die übrigens gerade jetzt zurückkommen — mich nicht mit ihrer Erzieherin sprechen sehen!"" rief er lachend. Da ich jedoch in feine Heiterkeit nicht einstimmte fügte er ernsthafter hinzu: „Die Angst vor der Rani Sundaram scheint Sie wirklich zu beherrschen; kein Wunder übrigens, wenn das abgeschlossene, einförmige Leben, das Sie führen, Sie Ihres frischen Mutes beraubt. Damit soll es aber anders werden. Ich verspreche Ihnen, daß Sie, soweit es irgendwie in meiner Macht steht, von nun an mehr Freiheit bekommen werden.""
Die seidenen Höschen mit Stachelkielen gefüllt, die Arme mit Federn beladen, kamen die beiden kleinen Mädchen jetzt herbeigelaufen, indem sie in atemlosem Eifer schon vott weitem eine wunderbare Geschichte von einem wilden Tiere zu erzählen begannen, das sie im Dickicht entdeckt hatten. Nachdem sie dann schüchtern noch einige lustige Fragen Mr. Thorolds beantwortet hatten, begleitete dieser uns alle drei bis zu unserem Wägen hinunter. Erst als die Kinder mit ihrer Beute und ich selbst glücklich im Landauer saßen, verabschiedete er sich von uns, worauf wir, vom silbernen Mondlicht geleitet, in unserem gewohnten Galopp davonfuhren.
*
Es gab verschiedene Wege, um von der Frauenabteil- in die Gärten zu gelangen. Ich wählte gewöhnlich den weiteren, der durch die Staatsgemächer führte, da ich dadurch einem ganzen Jrrsal von dunkeln, dumpfigen Gängen und Hunderten von neugierigen Augen entging. Als ich eines Nachmittags wieder langsam durch den Audienzsaal wanderte, blieb ich einen Augenblick vor einem hohen Spiegel stehen, für den ich — ich will es nur zugestehen ■— eine besondere Vorliebe hatte, da er das Bild des Hineinschaueuden besonders vorteilhaft zurückwarf.
Mährend ich noch" in den Anblick meines Konterfeis versunken war, leuchtete mir plötzlich ein zweites Gesicht aus dem Glase entgegen, und mein Herz stand einen Augenblick still, als ich Mr. Ibrahims scharf geschnittenes, oliven- farbenes Gesicht erkannte. Hastig ioandte ich mich um — nein, es war keine Täuschung, leibhaftig stand er vor mir, trenn auch nicht mehr als persischer Dandy in tadellosem englischem Anzuge, sondern als indischer Höfling mit dunkelblauer Tunika, kostbarem Gürtel und einem kleidsamen roten Fez.
„Ei, Sie sind ja sehr überrascht!" sagte er in ruhigem, freundlichem Tone. „Ich strebte schon längst nach einem Zusammentreffen mit Ihnen und war überzeugt, daß es mir eines Tages gelingen müßte. Sind Sie ganz wohl und munter?""
„Jä, ich danke", antwortete ich steif.
„Und wie gefällt es der stolzen Miß Ferrars im vergoldeten Käfig?"" Er machte eine bedeutungsvolle Miene.
Ich wich jedoch der Frage durch eine Gegenfrage aus. „Wie sind denn Sie in bett Palast Hereingekommen?""
„O, ich bin kein Fremder für die Rani Sundaram oder für ihren Bruder Dttrigodana. Wir sind sogar gute Freunde und haben schon manches Geschäft mit einander abgeschlossen. Diesmal bin ich nun wegen der Hoch- zeitssUwelen hier, und deshalb habe ich auch meinen Wohnort bis auf weiteres nach Royapetta verlegt.""
Ton und Haltung waren tadellos höflich, ja bescheiden, so daß ich schon zu hoffen begann, er habe unsere letzte, ziemlich stürmische Unterredung vergessen. Allein er, war so klug, daß er mir diesen Gedanken schon wieder vom Gesicht las, als stehe er mit Buchstaben darauf geschrieben.
„Miß Ferrars"", sagte er plötzlich unvermittelt, „wollen Sie die große Güte haben, mir meine Tollkühnheit von damals zu vergeben und mich mit Ihrer Freundschaft zu beehren?"
Da ich es nicht tragen durfte, mir diesen schlauen


