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Hlnsere Töchter und die Heutige Zeit.*)
Von MarieDiers -Friedrichshayn.
Tas Märzheft der „Wartburgstimmen" bringt eine sehr beherzigende Abhandlung von der bekannten Schrift-
*) Aus dem Märzheft der „Wartburgstiminen". Monatsheft für deutsche Kultur. Herausgeber: Hans K. E. Buhmann. Thüringische Verlagsanstalt Eisenach und Leipzig. Abonnementspreis 4 Mark vierteljährlich einschließlich des wissenschaftlichen Beiheftes „Neuland des Wissens". Probehefte unentgeltlich und postfrei.
blühenden Bäumen begrenzt, und halb versteckt in den wogenden Kornfeldern saßen auf kunstlos zusammengefügten Bänken Frauen und Kinder und drehten lebhaft ihre Klappern, um Kirsche, Wildschweine und herannahende Scharen grauer Papageien, die sich keck ins Getreide niederlassen wollten, zu verscheuchen. An der Eisenbahnstation, zu deren Erreichung wir so lange Zeit gebraucht hatten, wurden wir von einem stattlichen, in Scharlachs und Gold gekleideten Indier empfangen, der uns einen Weg durch die Menge bahnte, für unser Gepäck sorgte und uns in den Augen der Anwesenden eine ungeheure Wichtigkeit verlieh.
Zur Vorsicht stiegen wir auf der Station Grooty wieder aus und hielten dort eine ganze Woche lang Quarantäne, dann erst setzten wir unsere Reise nach Punah fort, wo ich mich! von Mary-Ann trennen mußte. Unter lautem Weinen und Jammern nahm sie von mir Abschied. Die Trennung war für beide Teile schmerzlich, denn die Ajah bildete das letzte Band zwischen mir uni) der glücklichen, in der Waldesfteiheit verlebten Zeit.
Noch war sie ganz in Tränen gebadet und küßte mir in einem fort leidenschaftlich die Hände, als eine große, dunkle Dame mich plötzlich anredete.
„Sind Sie vielleicht Miß Ferrars?"
„Ja", antwortete ich erstaunt.
„Na, dann ist ja alles gut. Ich bin Mrs. de Villars. Mrs. Berners hat Sie mir abgetreten, sie hat Punah gestern verlassen müssen. So geht es nun einmal in Indien: heute hier, morgen da. Ihr Manu ist ganz unverhofft nach Burma!) versetzt worden." , „
Während Mrs. de Villars diese Worte in eigentümlich rascher, hastiger Weise hervorstieß, gab ich! mir alle Mühe, mich in die veränderte Lage und in meine neue Arbeitgeberin zu finden. Mrs. Berners, deren Photographie ich gesehen hatte, war eine kleine, blonde, rundliche Frau, während diese Dame eine große, magere Gestalt, ein hübsches, schmales Gesicht und ungewöhnlich lebhafte, schwarze Augen hatte. Sie trug ein kostbares, goldgesticktes, weißes Tuchkleid, das für diesen Anlaß viel zu prächtig war, einen riesigen schwarzen Federhut auf dem unordentlich gekämmten Haar, eine weiße, mit Kaffeeslecken beschmutzte, aber mit einem großen Brillantstern befestigte Spitzenkrawatte und unreine weiße Glaeeehandschühe.
„Sie sind, wie ich sehe, im Begriff, sich von Ihrer AM zu verabschieden", fuhr sie fort. „In diesem Zustand, des Abschiednehmens von diesen Leuten befinde ich mich fortwährend. Sie sind mir geradezu verhaßt!"
Sie warf einen Zornesblick auf die arme Mary-Ann und sagte: „Da, öffnen Sie mal lieber diesen Brief und sehen Sie, ob alles in Ordnung ist, und dann kommen Sie rasch."
Sie händigte mir ein Briefchen ein, das ich sofort las, und das folgenden, mit Bleistift geschriebenen Inhalt hatte:
Liebe Miß Ferrars! , .
Es tut mir unendlich leid, daß ich Sie nun nicht in unserem Hause aufnehmen kann, allein mein Mann wurde ganz unerwartet nach Burmah versetzt, und ich stehe im Begriff, mit den Kindern nach England zu gehen. Innerhalb drei Tagen muß unser Haushalt aufgelöst sein, und so bleibt mir zu meinem großen Leidwesen keine Zeit, die Angelegenheit mit Ihnen zu besprechen. Mrs. de Villars wird Ihnen diese Zeilen übergeben, sie wünscht eine Gesellschafterin.
Mit herzlichem Bedauern in fliegender Eile
Ihre A. Berners.
„Nun, id) hoffe, die Sache ist in Ordnung?" fragte Mrs. de Villars in etwas scharfem Tone.
(Fortsetzung folgt.)
Blumen, daß ich niemand mehr eine Hand reichen konnte, und als ich dann endlich, halb begraben unter meinen Kränzen und Guirlauden, glücklich neben der Ajah in unserer Tonga gelandet war, wußte ich nicht recht, ob ich in einem Hochzeits- oder Leichenwagen saß.
Alle hatten sich von mir verabschiedet, nur Mr. Tho- rold nicht, unter dessen Führung ich schüchtern und zu Fuß nach Yellagode gekommen war. Nun fuhr ich in einem blumengeschmückten Triumphwagen fort, und er brachte mir weder eine Gabe, noch sagte er mir Lebewohl. Ich schloß daraus, daß ich ihn aufs tiefste beleidigt hatte, und in die Freude über den herzlichen Abschied mischten sich Gewissensbisse. Nichts im Leben ist eben vollkommen, keine Freude ganz ohne bitteren Beigeschmack; irgendwo muß uns das Unangenehme ein klein wenig zwicken.
In diesem besonderen Falle aber wurde die Unaunehm- lichkeit bald gemildert, denn nachdem wir etwa drei Meilen weit gefahren waren, entdeckte ich Plötzlich zu meiner großen Ueberraschung Mr. Thorold zu Pferd im Schatten eines Thekabaumes. ~ ,
„Guten morgen", sagte er näher reitend. „Ich komme, Ihnen zu sagen, daß ich mit der Post alles in Ordnung gebracht habe." Er hielt einen Augenblick inne, dann fügte er hinzu: „Ich wünsche Ihnen Glück und sage Ihnen Lebewohl, und nicht auf Wiedersehen, da ivir uns ja nie wieder begegnen sollen."
„Ich war neulich wohl sehr unhöflich gegen Sie", stammelte ich, ihm die Hand entgegenhaltend. „Es tut mir leid."
„Wenn es Ihnen wirklich leid tut, so beweisen Sie es durch, die Tat." Er ergriff meine Hand. , „Welches Zeichen Ihrer Reue haben Sie mir anzubieten?"
„Tas hier." Rasch machte ich einen Jasminzweig los und warf ihn ihm zu."
Mr. Thorold hob ihn halb zum Scherze, halb ernsthaft an die Lippen und befestigte ihn dann sorgfältig an seinem Rock.
„Wie reich geschmückt Sie sind! Man könnte glauben, Sie führen zu einer Blumenschlacht."
„Allerdings, und nicht auf eine Eisenbahnstation. Ueb- rigens ist keine Zeit mehr zu verlieren."
„Nun denn also, auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!" Er nahm den Hut ab und griff nach den Zügeln.
„Ja, auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!" rief ich heiter, und während unser Ochsenpaar schwerfällig weitertrottete, galoppierte Mr. Thorold auf seinem Vollblutaraber in der entgegengesetzten Mchtung davon.
Co wurde ich langsam dem Orte meiner Tätigkeit entführt, und neugierig fragte ich mich, was für eine Rolle mir wohl jetzt im Leben zufallen werde. Ich hob die Segeltuche klappe im Hintergrund des Wagens auf, um noch einen letzten Blick nach Yellagode zurückzuwerfen, und da sah ich!, daß Mr. Thorolds Galopp nur von kurzer Dauer gewesen war. Er hatte sein Pferd zum Stehen gebracht und hob ich jetzt von der breiten, öden Straße wie ein malerisch chönes Reiterstandbild ab. Offenbar sah er uns nach und ch fühlte, wie das Blut mir in die Wangen stieg, als sich mir die Ueberzeugung aufdrängte, daß ich es war, der sein Blick galt. Nun, viel zu sehen war jedenfalls nicht. Denn konnte es wohl etwas Häßlicheres und weniger Anziehenderes geben, als die Rückansicht einer langsam forte schwankenden Ochsentonga?
Als ich dann den Vorhang fallen ließ und mich! urn- wandte, fragte mich die Aja mit kläglicher Stimme:
„Warum hat Miß Sahib Thorold Sahib den Jasmin gegeben?"
„Um ihm zu zeigen, daß wir im Frieden auseinander- een", antwortete ich kurz. Wollte Mary-Ann sich am >e gar als meine Gardedame aufspielen?
„O weh, 0 weh!" jammerte sie. „Diese englischen Missies keine Ahnung haben, aber Eingeborene es gut wissen: es ist die Totenblume!"
Zweiter Teil.
8.
Unsere Reise nach Dassi verlief unter dem bewährten Schutze der kaiserlichen Regierung. Frische Ochsen und zuverlässige, dienstbereite Chuprassis warteten unser auf jeder Poststation. Weder Mangel an Rindvieh, noch an Nahrung war mehr zu verspüren. Die Straße, die sich durch ebene, fruchtbare Gegenden wand, war von Akazien und anderen


