Ausgabe 
6.4.1904
 
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Na, das nenne ich ein Kompliment!" rief er und krach in Helles Lachen aus.Tie Arbeit ist übrigens, wie ich vorausgesagt hatte, nicht spurlos an Ihnen vorüber­gegangen", fügte er mit plötzlichem Ernst hinzu.

Ties war freilich wahr. Ich fühlte es an meinen schmerzenden Gliedern und sah es tagtäglich an meinem mageren Gesicht und den tiefliegenden Augen.

Tiefe Arbeit machte mir Freude", antwortete ich kurz.

Tas Schlimmste ist ja nun überwunden. Ja, ich glaube sogar, daß wir bald das ganze Lager abbrechen können. Tie Pest verschwindet gewöhnlich ebenso rasch, wie sie kommt, und in kurzer» blüht uns allen eine wohlver­diente Ferienzeit. Von übernächster Woche an werden Sie frei sein."

Tas war es, worüber ich mit Ihnen reden wollte. Ich will nach Punah gehen und meine Stelle antreten."

So ist sie also für Sie offen gelassen worden?" rief er sichtlich überrascht.

Ja, es war sehr freundlich von Mrs. Berners."

Mrs. Gordon Berners? Ihr Mann steht bei den Pionieren?"

Das weiß ich nicht einmal."

Sie ist eine gute kleine Frau; sicherlich ist es die­selbe. So werden Sie also nach Punah gehen?"

Ja, wenn möglich, am Montag."

Gut, ich werde alles für Ihre Reise vorbereiteu. Tie Tonga habe ich zurückerobert, worauf ich sehr stolz bin; der unglückliche Kutscher aber ist tot."

O der arme Mann! Tas tut mir leid!"

Ich wollte, ich könnte Ihnen beweisen. Miß Ferrars, wie dankbar ich bin. . . wie dankbar wir alle für Ihre Hilfe sind! Wenn Sie es gestatten, werde ich Ihren Namen hei der Regierung in Erwähnung bringen, und . . ."

Ich bitte dringend, so etwas zu unterlassen", nnter- Vrach ich ihn hastig.Es wäre mir geradezu unangenehm."

Ganz wie Sie wünschen", versetzte er gelassen.Da Sie sich also keine Ehrenbezeugung erweisen lassen wollen, so entschließen Sie sich dafür vielleicht, selbst eine ans- znteilen?"

Ta ich nicht antwortete, fuhr er fort: Doktor Fraser hat nämlich häufig den Wunsch geäußert, Sie und Mrs. Manuel zu uns zum Essen einzuladen. Ich habe ihm aber immer abgeraten."

Tas "tvar ja recht liebenswürdig", entgegnete ich spöttischeWarum hemmten Sie ihn denn in seinem gast- freilndlichen Tränge?"

Weil. . ." Er zögerte und sah auf seine eleganten Reitstiefel herab. Tann mir plötzlich voll ins Gesicht sehend, fuhr er fort:Weil ich das Geftihl hatte, daß Ihnen eine Zusammenkunft mit mir nicht angenehm wäre. Ich weiß, daß meine Person Sie an ein peinliches Erlebnis erinnert, überdies sehe ich zum Unglück meinem Vetter Watty ähn­lich, der sich als erbärmlicher Schuft erwiesen hat. Ich verdanke ihm zwar schon manche Unannehmlichkeit, so toll aber hat er es doch noch nicht getrieben. Deshalb be­greife ich sehr gut, daß allein schon mein Anblick Ihnen verhaßt sein muß. Wäre Watty nicht gewesen, so hätten wir beide wohl gute Freunde werden können. Natürlich weiß ich sehr gut. . ."

Ich bitte, lassen Sie die Vergangenheit ruhen", bat ich mit glühenden Wangen.Wenn Sie mir einen Gefallen tun wollen, so spielen Sie nie wieder auf diese entsetzliche Zeit an. Was war es, um das Sie mich bitten wollten?"

Daß Sie Sonntag zu uns zum Wendessen kommen: Sie und Mrs. Manuel. Tie Aushebung des Lagers soll durch ein kleines Fest gefeiert werden."

Sehr freundlich, allein es wird wohl nicht gut möglich fein. Erstens einmal können Mrs. Manuel und Doktor Fraser sich nicht recht vertragen, und dann habe ich auch kein Kleid, und dann. . ."

Gut, gut. Miß Ferrars", fiel er mir rasch! ins Wort; eine Entschuldigung genügt."

Ich glaubte einen Augenblick, er sei beleidigt, allein ich! täuschte mich, denn ein Lächeln huschte über sein hübsches Gesicht, und er sagte:Ta Sie meine erste be­scheidene Bitte abschlugen, wollen Sie mir dafür eine andere gewähren? Wollen Sie mir von Punah aus schreiben?"

Und das nennen Sie eine bescheidene Bitte?"

Run, jedenfalls eine demütige Bitte. Ich möchte so gern höre«, wie es Ihnen ergeht. O schlagen Sie mir diese Gunst nW M Met« Vetter trägt die Schuld, daß Sie in

Indien ohne Heimat sind; es würde mein Gewissen be­drücken, wenn ich Sie aus meinem Gesichtskreis ent­schwinden ließe."

Wie könnten meine geringen Angelegenheiten wohl Ihr Gewissen belästigen?" antwortete ich kühl.Ueber- haupt kann hierber doch das Gewissen sticht in Betracht kommen."

Meinen Sie? Nun, das Gewissen einer Frau mag anders beschaffen sein, als das des Mannes. Wir verstehen überhaupt nie ganz unsere gegenseitigen Gesichtspunkte, und das ist wohl auch mit der Grund, warum wir uns immer wieder Interesse einflößen."

Es ist doch wohl besser, Sie sprechen in der Einzahl, denn was mich anbelangt, so gibt es keinen Mann auf der Welt, der mir Interesse einflößen könnte."

Tas will ich gern glauben", antwortete er rasch. Tie Enttäuschung, die Sie erlebt haben, war zu grausam. Tiefe Ihre Ansicht kann aber einen Mann nicht hindern, Interesse an Ihnen zu nehmen."

Mir waren jetzt in der Nähe des Lagers angelangt, und während er diese letzte höfliche Redewendung machte, blieb er plötzlich stehen und sah mich fest an, worauf er in leiserem Ton fortfuhr:

Ich möchte wohl wissen, ob Sie je vergessen können, daß ich sein Vetter bin, und mir das Unrecht, das er Ihnen angetan hat, nicht nachtragen?"

Und ich möchte wissen, ob Sie es über sich gewinnen könnten, mir eine wirkliche Gefälligkeit zu erweisen?" ent­gegnete ich, hingerissen von der Eingebung des Augenblicks, denn die Erinnerung an jene Unterhaltung aus der Veranda! hatte mich plötzlich wieder vollständig überwältigt.

Tausend für eine!"

Es handelt sich nur um eine einzige, und zwar eine sehr kleine."

Was mag es sein? Jedenfalls dürfen Sie sie im voraus als gewährt betrachten. Mir tut nur das eine leid, daß sie nur klein sein soll."

Sie besteht darin", ich blieb vor der Türe der Frauenabteilung stehendaß Sie vom nächsten Montag an aufhören, sich meines Daseins zu erinnern."

Was?" rief er laut und erschrocken.

Ja, vergessen Sie mein Gesicht und meinen Namen. Es ist eine kleine, leicht zu erfüllende Bitte, die mir im voraus gewährt worden ist."

Tas Verlangen ist weder klein noch leicht zu erfüllen", antwortete er nach einer Pause.Eines aber habe ich jetzt einsehen gelernt, Miß Ferrars", in seinen durchdringend aus mich gerichteten Augen blitzte es eigentümlich auf daß Sie hart und unversöhnlich sind und ich Ihnen als Sündenbock dienen muß."

Tiesmal war er nun entschieden beleidigt, mich aber hatte dieser unvermutete Angriff vollständig der Sprache beraubt. Nicht nur heftig, sondern schroff war er mir begegnet. Aber auch ich konnte unhöflich fein; so machte ich keinen Versuch, seine Meinung zu bekämpfen, sondern wandte ihm den Rücken und verschwand in der Frauen­abteilung.

*

Am Montag war alles gepackt. Ich hatte mich von jedermann verabschiedet, auch Mrs. Manuel versprochen, ihr zu schreiben. Mit einem neuen Kleide angetan die Sachen, die ich während der Pflege getragen hatte, waren verbrannt worden, stand ich zur Abreise bereit. Vor der Türe wartete meine alte, mit neuen Ochsen be­spannte Tonga, auf der meine sämtlichen Koffer bereits Platz gesunden hatten.

Reicht wenig überrascht war ich aber, als ich die Ent­deckung machte, daß mir anscheinend ein feierlicher Ab­schied bereitet werden sollte. Eine Menge Menschen hatte sich vor dem kleinen Krankenhause versammelt. Sämtliche Pflegerinnen mit Dr. Fraser und Mrs. Manuel an der Spitze umringten die vollständig wiederhergestellte Ajah und mich, als wir aus der Tür traten. Dr. Fraser hielt eine kurze Ansprache und drückte meine Finger dabei so fürchterlich!, daß ich hätte aufschreien mögen. Mrs. Manuel schloß mich! wiederholt in die Arme, Erasmus hing mir einen Kranz häßlicher gelber Ringelblumen um den Hals und beschenkte mich mit einer goldgelben Zitrone, dem Höchsten, was er zu vergeben hatte. Die Pflegerinnen verehrten mir einen ungeheuren Rosenstrauß und die Patientinnen eine riesige Jasminguirlande. So überladen wurde ich mit