Ausgabe 
6.2.1904
 
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Ich habe auch den Grasen nicht aufgefordert, mich in der Villa Taverna zu besuchen.

Vielleicht kommt er ohne Aufforderung.

Tie Neri war sogleich wieder mürrisch und müde. Ich fragte sie lächelnd:

War ich sehr kokett gegen Ihren armen Poeten?"

Sie würdigte mich gar keiner Antwort.

Ich war aber auch wirklich sehr, sehr kokett.

; *

Das eine will ich noch hinschreiben:

Tie zwei einsamen Menschen in der Villa Falconieri sind zwei sehr unglückliche Menschen.

Tie Frau empfindet für den Mann wirklich eine große Leidenschaft. Aber es ist jene Leidenschaft, die so hoffnungs­los ist wie der Tod; denn:

Er liebt sie nicht wieder!

Also weiß seine einsame, lechzende Seele nichts von dem himmlischen Feuer? . . . Nein noch weiß sie nichts davon.

Aber es kommt der Tag, an dem sie davon wissen wird: so viel davon wissen, daß es sie umbringt! Tenn dieser Mann hat Augen, wie ein Mensch sie haben muß, der fähig ist, an einer großen Leidenschaft zu Grunde zu gehen.

Und auch dieses sollst Tu noch erfahren:

Es freut mich, daß er die Madama nicht liebt.

I' Es freut mich von ganzem Herzen!

l Tenn ich gönne dieser Frau nicht diesen Mann.

i Weißt Tu, was ich bin?

Nein!

Aber idj weiß es.

Ich bin nicht nur eine unverbesserliche grande mon- daine; ich bin vor allem eine herzlose, bösartige, fanatische grande coquette.

Ich habe Dir gebeichtet. Deine Absolution will ich picht; denn:

Ich will mich nicht bessern.

Ter Herr sei meiner armen Seele gnädig.

L (Fortsetzung folgt.)

Deutsche Speisekarten.

Schlimmer als sonst irgendwo macht sich das Fremd­wort-Unwesen aus dem Gebiete der Küchensprache breit. Es ist ein wunderliches Gemisch von Deutsch, meist falschem Französisch, nebst einigen englischen, italienischen und an­deren Brocken, das man da schauen kann. Die sogenannten Menus, wofür wir die treffenden Bezeichnungen Tafelkarte, Speisenfolge und andere haben, aber meist nicht benutzen, werden in vielen Häusern sogar noch ganz französisch ab­gefaßt trotz des rühmlichen Beispiers, das der kaiserliche Hof schon seit 1888 durch Einführung deutscher Wörter in seinem Haushalt gibt. Der Einwurf der Gegner, es sei unmöglich, die fremden Ausdrücke zu übersetzen, ist hin­fällig. Das erste Verdeutschungsbuch des Allg. Deutschen SprachvereinsDeutsche Speisekarte" von Hermann Dünger, das bereits in fünfter Auflage vorliegt, bietet eine Liste guter deutscher Bezeichnungen für sämtliche Fremdausdrücke der Küchensprachss und daneben eine reichhaltige Sammlung von deutschen Speisefolgen, die bei festlichen Gelegenheit, n an Fürstenhöfen und sonst verwendet worden sind. Daneben finden sich auch Speisekarten aus älterer Zeit, die beweisen, daß unseren Vorfahren deutsche Benennungen für ihre Ge­richte ausreichend zur Verfügung standen. Daß die fran­zösische Sprache lange Zeit hindurch! für die Küche der ganzen Welt maßgebend war, ist zuzugeben; daß sie es bleiben muß, aber nicht. Es soll auch nichi geleugnet wer­den, daß die Rücksicht auf zahlreiche Ausländer viele Gast­hofbesitzer nötigt, französische Speisezettel zu führen. Nur kann man verlangen, daß daneben deutsche Bezeichnungen gebraucht werden, kurz daß die Karten zweisprachig sind, denn die Mehrzahl der Reisenden in deutschen Gasthöfen besteht doch aus Deutschen, und diese können doch wohl die gleiche Rücksichtnahme beanspruchen wie die Ausländer. Tatsächlich ist aber die französische Speisekarte für die meisten Deutschen unverständlich. Dazu kommt, daß die Be­vorzugung des Küchenkauderwelschs in Deutschland ein Kennzeichen der uns noch immer anhaftenden, aber gar nicht entschieden genug zu bekämpfenden Ausländerei ist. In drolliger und dabei wirkungsvoller Weise verspottete einst ein Freund des Sprachvereins diesen Unfug, indem er

bei einem Mittagsmahl, zu dem nur Deutsche geladen waren, an den Schluß seinerSpeisenfolge" die Bemerkung setzte:Für diejenigen meiner lieben Gäste, die der deut­schen Sprache nicht genügend kundig sind, befindet sich ein französisches Menu auf der Rückseite." Tie Karte einer kaiserlichen Hoftafel mag zeigen, wie gut sich auch feinere Speisen deutsch benennen lassen. Sie lautete:Windsor- Supve. Zander in Rheinwein gedämpft. Burgunder Schinken mit Gemüsen. Pasteten von Rebhühnern mit Trüffeln. Hum­mer nach Ostender Art. Masthühner. Salat. Mehlspeise von Aepfeln. Butter und Käse. Gefrorenes. Nachtisch," Fran­zösisch hätte sie gelautet:Potage ä la Windsor. Sandat (oder Sandre) au vin du Rhin. Jambon de Bourgogne garni de lsgumes (oder ü la jardiniöre). späte oder Tim- bale de perdreau aux truffes. Homard ä l'Ostende au naturel. Poulardes röties. Salade. Mets de Pommes: Beurre et ftomage. Glaces. Dessert." Was ist nun ver­ständlicher ? F- W.

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*Deutsche, laßt Eure Kinder nicht mehr prügeln!" Unter dieser Spitzmarke nimmt Georg Hirth in der letzten Nummer derJugend" mit Be­ziehung auf die Fälle Deditius und Warmuth sehr energisch gegen die Prügelmethode in der Erziehung Stell­ung. Hirth schreibt:Es ist eine nichtswürdige Unsitte aus derguten" alten Zeit, so alt, wie die Stillung des deutschen Durstes durch Alkohol. Einen sehr großen Teil der in unserem Volkstum steckenden Feigheit und Bosheit und anderer Entartungen des Charakters ver­danken wir nur dem Prügeln. Denn ein stolzer Knabe, der von Lehrern aller Klassen und Disziplinen verhauen wird, erleidet entweder an seinem Mute oder an seiner Herzensgüte oder an beiden Schaden. Auch am Mute zur Wahrhaftigkeit! Ta er aber in der Regel den Vorsatz, seine Rachsucht an dem prügelnden Lehrer zu kühlen, nicht aussühren kann, so haben in seinem spa­teren Leben viele andere, am meisten er selbst und seine Kinder, darunter zu leiden. Auch die Eltern sollten den Wahn aufgeben, ihre Kinder durch äußerliche Mrhhand- lungen innerlich zu bessern. Was an mir böses ist, schreibe ich den Prügeln zu, die ich vom Vater erhalten habe. Warum schlug er mich, da er mir doch einschärfte, jeden Schlag eines Fremden durch Gegenschlag zu rachen? Er schlug mich, weil auch er von seinem Vater geschlagen worden war, aus Ungeduld, aus Mangel an Erziehungs­kunst, in der verkehrten Meinung, daß die Furcht vor dieser barbarischen Strafe den Charakter dann nicht angrerfe, wenn sie vom eigenen Fleisch und Blut erteilt wird. Stumpf­sinnige Gewohnheit, die in dem Bakel einen Zauberpab der Liebe zu erblicken wähnt. Aber dürfen wir uns der Roheiten wundern? Wird nicht die Verachtung des Fleisches als eine göttliche Satzung gelehrt? Wird nicht das nackte Ebenbild Gottes im Namen Gottes mit Füßen getreten?. alles, was zum Heiligtum seiner Forterzeugung gehört, als Teuselswerk gebrandmarkt, ja schon das Erwachen der natürlichen Triebe für fluchwürdige Erbsünde, ausgegeben, die durch schmerzliche Selbstanklage und Buße gesühnt werden müsse? Wahrhaftig, zwischen der aUvpoustyeu und der asketischen Verrohung ist ein tieferer Zusammenhang, als sich die srömmelnden Nuditätenschnüffler und Kunst­verächter träumen lassen!"

Literarisches.

Die Liebe in der dramatischen Literatur. Was ist das Leben ohne Liebesglanz", seufzt Thekla. Wir können den Satz variieren und fragen,:Was ist das Trama ohne Liebe?" Bildet sie doch saft in allen %uen von Bühnenstücken den belebenden Nerv, den Hebel zur Bewegung spannender Handlungen. Wie nun im rezitieren­den Trama berühmte Autoren aller Zeiten und Lander die Herzensneigungen und erotischen Empfindungen ihrer Helden und mehr noch ihrer Heldinnen in Worten geklechet haben, das zeigt in anschaulicher Form das im Verlage von Ernst Hahn in Berlin erschienene Buch:Tie Liebe in der dramatischen Literatur" von Jakob Lippmann. Einleitend hebt der Verfasser hervor, wie auf der Bühne jedes große weltgeschichtliche Ereignis und jede Familien­katastrophe durch Gott Amor hervorgerufen wurde." So­dann folgt eine große Anthologie von die Liebe betreffen-