Ausgabe 
6.2.1904
 
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bin ich lediglich das Produkt einer gewissen gesellschaftlich faulen Ueberkultur?

Aber wozu hierüber reflektieren? Ganz gleich, wodurch ich so geworden bin da ich nun einmal so ward.

Ich ließ die Neri der Madama gegenüber ruhig die anstrengende Rolle der grande charmeuse spielen und blieb mit dem Grafen zurück. Unsere Unterhaltung, die ich ein­leitete und sortführte, lautete ungefähr so:

Halten auch Sie einen Teil unseres heutigen Ge­schlechts: Männer sowohl wie Frauen, für früh gealtert und entnervt?"

Ich weiß nur, daß ein junges Geschlecht da ist, und daß ich selbst zum alten gehöre."

Wer sich noch für etwas begeistern kann, ist beneidens­wert jung."

Meinen Sie mich?"

Sie leben ja beständig in Ekstase."

Ekstase, wofür?"

Für sagen wir, für die Einsamkeit, für die Schön­heit . . . Mir scheint unser heutiges Geschlecht eine sehr daseinsmüde Generation zu sein wenigstens ist sie eines ehrlichen Enthusiasmus psychisch und physisch vollkommen unfähig. Unter der Sonne gibt es nichts, wofür diese neue junge Generation sich begeistern könnte. Es müßte denn sein, daß sie über sich selbst in Entzückung gerät."

Und Sie?"

Ich bin nur ein Typus des jungen modernen Frauen­geschlechts."

Des jüngsten und modernsten?"

Allerdings gehöre ich zu jener Spielart, die der Emo­tionen bedarf, die ohne Emotionen gar nicht existieren kann. Und zwar müssen es sehr raffinierte Emotionen sein."

Was verstehen Sie unterraffinierten Emotionen"? Ich muß wie ein Schulknabe fragen."

Raffinierte Emotionen nenne ich gewisse verfeinerte Seelenschwingungen, die wie Haschisch wirken. Sie erkun­digen sich danach am besten bei der großen Tragödin, welch« die ganze Skala von Emotionen, soweit sie einer Frau über­haupt zugänglich sind, .bspielt wie ein Virtuos seine Bra­vourstücke. Ist sie doch felbst nichts anderes als, solche allersubtilste Nervensache, als Künstlerin sowohl wie als Weib."

Und das heißt man dann eine moderne Frau?"

Und eine moderne Frau heißt man die Selbstentwicke- lung des Weibes. Endlich entdeckte die Frau sich selbst gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts! Es wäre dafür immer noch Zeit genug gewesen; denn viel wird dabei wohl nicht herauskommen. Schönheit gewiß nicht. Nur ein ewiger Wechsel, ein beständiger Kontrast, ein endloser Widerspruch Und das ist doch grade nicht sehr erquicklich."

Jedenfalls findet die moderne Frau sich selbst sehr interessant?"

Jedenfalls ist sie über sich selbst etwas erstaunt. Und dann die lange, lange Ungewißheit hat wenigstens auf­gehört."

Ungewißheit, worüber? Sie sehen, ich bedarf Ihrer Belehrung."

Ungewißheit über die wahre Bestimmung der Frau.^

Ist dies die Emanzipation?"

t 9Tbet nein !zz

"Was nennen Sie dann die wahre Bestimmung der Frau?"

Vielleicht das ewig Weibliche. Also das ewig Zärt­liche, das ewig sich Hingebende."

Also Liebe, Leidenschaft?"

Tas sind gar erhabene Worte! Halten Sie unser heutiges Geschlecht für fähig, Leidenschaft fühlen zu können? Tie große Leidenschaft!"

Sie zweifeln daran?"

,@ef)t.zz

"Ihre ewige Weiblichkeit schließt demnach die Leiden­schaft vollkommen aus?"

Sie ist nur für Götter; und da es keine Götter mehr gibt. . ."

So gibt es auch keine Leidenschaft mehr?"

Gott sei Tunk, nein."

Nach diesem Geschwätz, das nur dazu dienen sollte^ um den Herrn über mich zu verwirren, entfernten wir uns. Tie impulsive Tragödin umarmte beim Abschied die Ma­dama zärtlichst. Ich hatte kein Wort mit ihr gesprochen.

haben: Scirocco! Wüstenwind! Vielleicht spielte sie auf das Verhältnis des Grafen zu der Madama an, wovon ihr erzählt lvorden war. Aber die Anspielung hatte bei dieser Gelegenheit gar keinen Sinn.

In demselben Augenblicke kam sie. . . Wie lächerlich neugierig ich war!

Sie hatte sich, von einer Meute schneeweißer Wolfs­hunde begleitet, im Parke befanden, war unser nicht gewahr geworden, trat aus einem Gebüsch hoher Buchsbäume und sah sich plötzlich zwei fremden Tamen gegenüber. Sie trug ein hellgraues gutgemachtes Kleid.

Mein Gott nun ja! Sie ist recht schön.

Vielmehr, sie war es einmal. . .

Sie w a r es mit welcher geheimen Genugtuung wir Frauen das sagen, sobald von einer sogenannten schönen Frau die Rede ist.

Wir sind doch recht kleine Seelen!

Aber die berühmte Schönheit der Madama ist in der Tat etwas passee mais tout ä fait passee! Und diese Schönheit ist so schwermütig ... Wo bleibt denn aber die große Leidenschaft? Für den Mann kann diese zu groß sein. Tan Mann kann die Leidenschaft ersticken und erdrücken; jedoch die Frau für uns Frauen gibt es in der Liebe nichts; aber gar nichts, was zu riesengroß und ungeheuer sein könnte. Wir Frauen spielen mit dem herrlichen ver­nichtenden Element wie Kinder mit Blumen. Wir Frauen sino nur dann Weib, ganz Weib, wenn wir ganz Liebe und Leidenschaft, ganz Seele und Empfindung, Hingabe und Auflösung sind.

Was den Mann in einen Abgrund schleudert, hebt uns zu Alpengipfeln empor.

Und diese Frau, diese wunderschöne Maria, ist mit ihrer großen Leidenschaft so schnell gealtert, so frühzeitig ver­welkt. Wie konnte das nur geschehen?

Ein Geheimnis!

Aber auch dahinter werde ich kommen.

*

Von ihren wilden Wolfshunden begleitet, trat sie uns also aus den Buchsbäumen entgegen.

Tie Meute stürzte aus uns zu, als wollte sie uns zer­fleischen. Ein leiser, ganz leiser Ruf der Herrin hielt sie zurück. Winselnd sprangen die mächtigen Tiere an der Tarne in Grau empor.

Es war ein Bild!

Ich bin wirklich eifersüchtig, eifersüchtig auf diese Ma­dama! Schön ist sie gar nicht mehr; aber sie hat eine Stimme, eine Stimme die meine ist dagegen gradezu unmelodisch. Mir ist solche Frauenstimme noch nicht vor­gekommen.

Tie Tragödin hatte sich bei dem Anblick der schönen Maria plötzlich belebt. Sie war nicht mehr mürrisch und nicht mehr müde. Sie setzte sogar eines ihrer süßesten Frou-Frou-Gesichter auf, schmückte sich! mit dem aller­liebsten Lächeln derLocandiera", und rief mit samtweicher Stimme:

Ist das Ihre Frau? Aber sie ist ja wunderbar!"

Ganz deutlich und ganz laut sagte sie:Ihre Frau". Es war ein entzückender kleiner Coup! Ich fand ihn fast zu raffiniert und ärgerte mich darüber.

Ter weltfremde Graf bewahrte vollkommen die Halt­ung eines verbannten Olympiers. Er antwortete nicht direkt, sondern sagte nur und er sagte es sehr ruhig, sehr ernst:

Tos ist Maria."

Ich fand ihn in diesem etwas bedenklichen Moment wundervoll distinguiert.

Tie Neri in ihrer sublimen Rücksichtslosigkeit kehrte sich twn nun an überhaupt an nichts anderes mehr als an ihre plötzliche Caprice. Sie beschäftigte sich angelegentlich mit Der guten Maria, die allerdings ziemlich geschickt die Dame imitiert.

Solche Künstlerin ist doch aus Jinpulsen zusammen­gesetzt! Ich begreife nicht, wie man impulsiv sein kann. Bei mir ist alles Reflexion und Berechnung. Ich kann ich versichere Dich ich kann nicht ein Wort sagen, mich nicht auf einen Stuhl setzen, mir nicht die Handschuhe zu­knöpfen, ohne vorher nicht eisig kühl überlegt zu haben, was ich sagen, wie ich! mich setzen, wie ich mir die Hand­schuhe zuknöpfen soll.

Wober kommt das? Mn ich so geschaffen worden oder