Samstag den 6. Aevrrrar
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(Nachdruck verboten.)
Wlla Jafconieri.
Von RichardVoß.
Zweiter Band.
(Fortsetzung.)
Aber der Dichter hatte nur Augen für die süße Tragödin, sod [j er mich nicht einmal bemerkte. . . Ich hörte jetzt, was sie sprachen. Tie Neri sagte gerade mit ihrer Müdesten Miene, ihrer müdesten Stimme:
„Sie haben recht getan; tausendmal haben Sie recht getan! Liebe, Freundschaft, Kunst, Ruhm, Talent sind ja doch nur Illusionen, die der Mühe des Atemholens nicht wert sind."
Ter lebensmüde Graf erwiderte:
„Taß auch Sie so denken, finde ich trostlos."
„Warum trostlos? Nichts ist trostlos als das Leben. Ja, und dann noch etwas."
„Was ist das?"
„Taß man das Leben ertragen muß."
„Muß man?"
„Selbstmord ist so banal. Uebrigens morde ich mich! fortwährend selbst."
„Jede Vorstellung ist für mich ein Tropfen Gift. Und ich brauche es wiederum notwendig, um überhaupt leben zu können. Nur wenn ich auf der Bühne stehe, lebe ich; denn nur dann vibrieren meine Nerven. Ich stelle andere Frauen dar, erlebe also anderer Schicksale, anderer Verhängnis, anderer Untergang. Aber in allem Fremden erlebe ich doch nur mich selbst. Befragen Sie über mich einen Psychiatiker: „Verehrtester, was ist das eigentlich mit der Assunta Neri?" Ter gelehrte Mann wird Ihnen erwidern: „Mein Herr! Assunta Neri ist gar keine Schauspielerin; sondern ein pathologischer Fall." Uebrigens scheinen Sie dasselbe zu sein."
„Demnach wären wir Kollegen."
Und der arme verschollene Poet quälte sich ein mattes Lächeln ab . . .
Jetzt sah er mich — endlich sah er mich!
Tie Tragödin hielt für unnötig, ihn zu fragen: „Kennen Sie eigentlich! die Prinzessin?" Er grüßte mich jedoch, als wüßte er, wer ich wäre.
Ich beachte stets, wie die Menschen grüßen. Bei der Frau ist der Gruß eines der wichtigsten Requisiten ihrer Toilette. Wie eine Königin allein durch die ihr mühselig eingelernte Art zu grüßen sich so sinnlos populär machen kann, daß ein ganzes Volk mit Wonne für sie sich tot« schießen läßt — ebenso kann ein Mann sich leidenschaftlich in eine Frau verlieben: nur, weil diese sehr anmutig tu grüßen versteht. Männer verstehen es nicht, mit Grazie
und doch mit Würde zu grüßen. Sie grüßen entweder steif, oder geziert, oder burschikos; entweder zu dezent, oder zst herablassend, oder zu gleichgiltig. Und so weiter!
Gras Campana grüßte micy, wie ich es bei einem Mannas selten beobachtet hatte. Sein Gruß war sehr ehrerbietige und doch voll von dem Bewußtsein einer eigenen stärkest Persönlichkeit, die sich niemals vor etwas Medrigem neigen würde. Aber auch niemals vor etwas nur sogenanntem Höheren oder Hohen. Sogar Grazie hatte der Mann, den ich mir alt und unförmlich vorgestellt hatte. Mer es wap die scheue, spröde Anmut einer streng verschlossenen, tief einsamen, heimlich leidenden Seele.
Seine „große Leidenschaft" scheint ihn also wirklich nicht glücklich zu machen . . . Seltsam! Aber ich kann das verstehen.
O, mein Gott, ich kann das verstehen!
Nachdem er mich gegrüßt hatte, sah er mich an: gerade in die Augen, fest und tief.
Er schien erstaunt zu sein. Mein schwarzes Spitzens tüchlein und mein schmales blasses Hexengesicht taten demnach ihre Wirkung. Sein verwundertes Auge forschte:
„Was bist Tu?! Ein Kind oder ein Weib; ein uuschulds- voller Engel oder eine raffinierte Sünderin? . . . Auch ich sah ihn an und mein Blick antwortete dem seinen: „Ich weiß selbst nicht, was ich bin; aber ich werde es erfahren.! Und dann" — j
Tann redete ich ihn an:
„Ihr einsames Licht und meines sind längst gute Bekannte. Es war daher wirklich notwendig, daß auch wir uns kennen lernten."
Ich weiß, daß meine Stimme das Reizendste an mir ist. Wenn ich wollte, so könnte ich allein mit meinet!' Stimme einen Zauber ausüben, stark wie Magie.
Aber ich wollte niemals . . .
Merkwürdig, daß es mich reizte, den weltfremden Einsiedler die Macht meiner Stimme fühlen zu lassen. Er machte denn auch dazu ein ganz sonderbares Gesicht. Ti? Tragödin merkte natürlich sogleich meine Absicht und schien empört zu sein. Wenigstens sah sie zum Unsinken müde? aus. Sie ist dann nämlich immer gleich zun: Sterben ermattet.
Ter Graf hatte so hingehört, wie ich sprach, daß er überhört zu haben schien, w a s ich gesprochen. Ich mußte es daher wiederholen:
„Wir sind seit Anfang März Nachbarn."
„Sie sind unter mir der einsame Stern?!"
„Kein Himmelslicht, nur eine trübselige Kerze."
Er blickte mich wiederum an; und wiederum standen' wir uns Äug' in Auge gegenüber. Tie arme Assunta Neri wurde zusehends immer empörter, immer ermatteter,.
Sie sagte:
„Wir haben Scirocco."
Ihre Worte schienen eine geheime tiefe Bedeutung zn


