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>^Jst Ihnen vielleicht während der letzten Nacht irgend ein ungewöhnliches Geräusch oder sonst etwas ausgefallen?"
„Nein."
Ter Coroner beschäftigte sich einen Augenblick mit einem ihm eben zugegangenen kleinen Zettel, und wieder aussehend, fragte er:
„Welcher Art sind denn die Türschlösser der oberen Halle und der von dieser in die Bibliothek und das Rauchf- zimmer führenden Türen?"
„Es sind ganz gewöhnliche Schlösser, die Türen haben aber noch ein zweites kleines Kunftschloß, das sie so verschließt, daß sie weder von innen noch von außen geöffnet werden können, wenn man nicht den Schlüssel hat und eine kleine geheime Feder kennt, aus die maü während! des Aufschließens drücken muß."
„Besaßen mehrere Personen im Hause Schlüssel zu diesen Kunstschlössern ?"
„Niemand als Herr Wainwaring. Wenn er im Hause war und den Durchgang durch diese Türen freigeben wollte, legte er das Schlüsselbund, damit ich mich dessen bedienen,' könne, an eine mir bekannte Stelle, verließ er aber das! Haus, dann steckte er das Bund stets zu sich."
„Haben Sie diesen Morgen die Türen ausgeschlossen?"
„Nein, ich fand die Schlüssel nicht an ihrem Platz und lies deshalb durch die große Halle, um Herrn Whitney zu rufen. Erst später entdeckte ich zu meiner Verwunderung, daß die Tür zur oberen Halle unverschlossen war.'"
„Kannte jemand außer Ihnen die Schlüssel und den Ort ihrer Aufbewahrung?"
„Ich glaube nicht; es ist aber möglich!/^
„Gut. Sie können nun gehen."
Hardy trat zu seinen Genossen zurück, und Herr Whitney wurde aufgerufen.
(Fortsetzung folgt.)
Klaubereien aus der KaiserstadL.
(Nachdruck verboten.)
Wertheim und kein Ende. — Moderne Kunst auf Honigkuchen. — Spielzeugreforme». — Eisbär und Zebra.
Wertheim und kein Ende! Das soll diesmal keine Philippika gegen mrsere Berliner Hausfrauen und ihre Schwestern in der Provinz sein, die ja doch 'unverbesserlich sind und trotz aller Versprechen immer wieder, in den Riesenbazar laufen, wo man für sein Geld kein Haar breit mehr bekommt, als bei dem in den jetzigen Zeiten doppelt hart um seine Existenz ringenden kleinen Gewerbetreibenden, der seine Waren höchstens besser liefert und sie gewissenhafter auf ihre Güte prüfen kann, ehe er sie weiter gibt — nein, es soll die unheimliche Ausdehnung kennzeichnen, die dieser Koloß von einem Etablissement fortgesetzt erfährt. Nachdem sich die Räume in der Leipzigerstraße in Mer ursprünglichen Front beinahe verdoppelt hatten, streckte das Riesenhaus seine Arme nach rückwärts und erwarb sich Platz und Front in der Voßstraße. Wer bald reichte auch 'dieser neue Zuwachs nicht mehr, und so kaufte die Gesellschaft für eine gewaltige Summe auch noch die Eckgrundstücke vom Leipziger Platz an bis hin zum Gebäude der Kaiserlichen Wmiralität. In einer erstaunlich kurzen Zeit ist der sich dem vorhandenen Wertheimhause streng angliedernde Neuban fertig gestellt worden. Jedoch hat der Baumeister Geschmack genug gehabt, die Front nach dem vornehmen, trotz des voriiberbrandenden Riesenverkehrs der Leipzigerstraße sehr ruhigen Leipziger Platzes nicht mit den großen int Antiquariumstil gehaltenen Schaufenstern, sondern durch hohe, «del wirkende Kolonnaden abzuschließen. Ter Platz ist dadurch sehr glücklich vor den gefürchteten „sehenswerten" Schanfenster- dekorationen bewahrt geblieben, und sein alter angenehmer Charakter ist durch die fein und reizvoll wirkenden vier Arkadenbögen und die leichtgefärbten undurchsichtigen Fenster darüber glücklich ergänzt worden. Tie Schaufenster befinden sich natürlich in der Halle, die hinter jenen Pfeilern aus Muschelkalkstein liegt, und der Berliner ist glücklich, bei dem eingetretenen schlackigen Dezemberwetter einen Unterschlupf von so behaglicher Ausdehnung zu wissen, indem er sich die Zeit bis zur nächsten noch nicht ganz besetzten Straßenbahn durch 'das Studium der Auslagen vertreiben kann. Dicks Studium ist jetzt an der Tagesordnung. Sind doch 'die Jungen mit den immer kleiner und dürftiger werdenden Hampelmännern („Blos finf Fenn'je det Stick! Koofen Se mir doch eenen ab, eenen eenzigsten blos!") langst wieder auf ihrem Posten. Und wenn auch noch feilte Stände mit den würzigen Bergtannen des Thüringer Waldes und des Harzes errichtet, sind — es duftet doch überall schon nach Weihnachten. Vielleicht sind es die riesigen Berge von Pfeffer- kitchen, die in verschiedenen Schaufenstern aufgestapelt sind. Berge, bei denen den kleinen Beninern das Herz aufgeht, weil sie uch nicht vorstellen können, daß diese Chimborafsos von Leckerei
je einmal ganz abgetragen werden könnten. In diesem gesegneten Jahre hat sich nun endlich auch die Kunst, die alles durchdringende Moderne natürlich, der Pfefferkuchen erbarmt. Es war aber auch die höchste Zeit! Ter einfache Zuckerguß mit dem daraufgestreuten bunten Mohn oder den eingeklebten vier Mandeln war längst nicht mehr reizvoll genug. Jetzt können unsere Sprößlinge je nach der Tendenz ihrer einsetzenden Entwicklung einen Polizeidiener oder ein Automobil samt Bemannung verspeisen; sie dürfen in verzehrender Liebe zn einer hübsch knus- prigen Kellnerin erglühen, für ernstere Gemüter ist eine Studentin mit allem Zubehör gebacken und die Ueberspannten können sich an fezessionistische Ueberdamen machen. Daß diese Entwürfe zu dieser „neuen Kunst" teilweise von bekannten Münchener Malern wie Tafio und Stockmann stammen, macht die Sache nur appetitlicher. Wann aber entsteht der Meister, der auch der Bockwurst uno dem Schnitzel, die unser Bubi verzehrt, das künstlerische Gepräge gibt? Nach 'dieser Richtung hin sind entschieden noch hohe schöne Aufgaben zu lösen! Daß man auf dem Gebiete des Spielzeugs hier und dort Neues geschaffen hat, wie z. B. etliche Darmstädter und Dresdener Künstler, soll mit etwas ehrlicherer Freude anerkannt werden. Geht doch 'durch diese Bewegung, ein Zug der Vereinfachung, ohne daß man dabei zu Trivialitäten geraten wäre. Tie pädagogisch schlecht beratene Industrie für Kinderspielzeug ist nachgerade zu den unfinnigften Kompliziertheiten gelangt, die an den Geldbeutel sowohl als auch die Geduld des anleitenden und den Gebrauch überwachenden Vaters ganz fabelhafte Ansprüche stellt. Ich habe Kriegslager nicht nur mit allen Gattungen von Truppen auf beiden Seiten, sondern auch mit vollständig ausgerüsteten Ambulanzen gesehen, von den Kanonen mit ihrer großartigen Mechanik, die wirklich aufblitzende Kugeln unter die Reihen schleudert, ganz zu schweigen. Ter Preis für dieses „Ideal-Spielzeug" ging allerdings über eine zweistellige Zahl hinaus. Aber daß dergleichen überhaupt Abnehmer sindet, ist schon ein merkwürdiges Zeichen der Zeit. Diesem modernen Protzeutum auch auf diesem Felde werden die Sächelchen von Bernhard Wenig in Hanau, Eichrod in Dresden ufw. kaum zu' steuern vermögen. Und am glücklichsten werden künftig tote ehedem noch immer die Kinder fein, die weder die alten noch die neuen Spielsachen zur Befriedigung ihres Spieltriebs nötig haben; sondern sich mit ihrer schöpferischen Phantasie aus einer Fußbank ein Automobil und aus einem alten Trichter die Signalpuppe dazu zu schaffen vermögen. Auch 'in dem raffinierten Berlin gibt es noch solch« entzückenden kleinen Jungen, denen das Selbstschaffett mehr bedeutet, als alle fertigen schon lackierten Kostbarkeiten. Daß sie dabei leider manchmal Unheil anrichten, mußte ich unlängst erst wieder erleben, als ich in einer befreundeten Familie Zeuge wurde, wie ein paar rege Knirpse unter Zuhilfenahme von Papas Tintenflasche aus einem Eisbärenfell im unbewachten Salon ein nicht übel gelungenes Zebra her- gestellt hatten. Es gab natürlich 'für diese zoologische Metamorphose etwas ungebrannte Asche. Aber schön war es doch, selbst wenn Spindler auch die letzten Spuren ihrer Tätigkeit wieder zu tilgen vermöchte, was ich, unter uns gesagt, sehr stark anzweifle. Gott sei Tank fehlen noch ziemlich drei Wochen bis zum lichterdnrch- ftammten Feste. Bis dahin werden sich 'die Eittrüstungswogen über diese etwas kostspielige Betätigung des phantasievollen Spieltriebs längst gelegt haben. Tann ist Bubi doch wieder der allerbeste! A. R.
Ratschläge einer Kaiserin für eine junge Ehefrau.
In einem Briese Maria Theresias an ihre Tochter, der seinerzeit in Adam Wolfs „Marie Christine, Erüherzogin von Oesterreich" veröffentlicht wurde, sind eine Reihe praktischer Ratschläge für junge Ehefrauen enthalten. Tie Kaiserin schreibt an ihre Tochter Marie Antoinette ü. a.: „Tu besitzest Anmut und Ergebenheit, aber hüte Dich, diese Tugenden und schönen Eigenschaften zu übertreiben. Ich sollte Tich besonders darauf aufmerksam machen, daß Tu in der zärtlichen Liebe für Deinen Mann nicht in ein Uebennaß gerätst, das ihm zur Last fallen könnte; nichts ist so delikat, als diese Klippe; die Zärtlichsten und Tugendhaftesten, und jene, die ans Neigung heiraten, scheitern daran. Tu mußt auch die unschuldigsten Liebkosungen sparen; Tu mußt trachten, daß man sie sucht und verlangt. In unserem Jahrhundert will man vor allem keine (Seite; durch die schlechten Beispiele ist es dahin gekommen, daß man ohne Anstoß so erscheinen kann. Je mehr Tu Deinem Mann Freiheit lassest, indem Tu am wenigsten Gene und zarte Aufmerksamkeit verlangst, desto liebenswürdiger wirst Tu sein; er wird Tich suchen und sich Dir hingeben. — Dein 'vorzüglichstes Studium soll sein, daß er bei Dir immer gleiche Laune, dieselbe Gefälligkeit und Zuvorkommenheit finde. Um Tir sein Vertrauen zu erwerben, mußt Tu sorgen, es durch 'Dein Benehmen, durch Deine Tis- fretton zn verdienen. Trachte, ihn zu unterhalten, zu beschäftigen, daß er sich nirgends besser befinde. Daß niemals ein Verdacht in Deinem Herzen Eingang stnde, (denn) alles Glück der Ehe besteht in Vertrauen und beständiger Gefälligkeit. Welches Glück, stets bei sich eine liebenswürdige Gemahlin zu finden, die immer beschäftigt ist, ihrem Manne alles Glück zu bereiten, ihn zu unterhalten, ihn zu trösten, ihm nützlich zu fein ufw. Alle Ehen würden glücklich fein, wenn msp sich ko benehmen würdet aber


