Ausgabe 
5.12.1904
 
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zurückgeschlagen waren, hatte sich die Dienerschaft ver- sammelt das weibliche Geschlecht mit blassen, furcht- samen Gesichtern dicht an der hohen Bogentür das männ­liche etwas weiter zurück. Zn einer Fensternische, halb verdeckt durch die schweren Borhänge, doch so, daß er den Saal unbemerkt übersehen konnte, stand der Detektiv.

Als alles für den Beginn der Verhandlung bereit war, trat Herr Whitney mit dem Herrn, der mit ihm aus der Stadt gekommen war, ein. Tiefen beiden folgten Ralph Mainwaring und sein Sohn. Bei dem Erscheinen des jungen Mannes zeigte sich eine lebhafte Bewegung unter den Be­richterstattern; schnell flogen die Bleistifte über das Pa­pier, um das Aeußere des Erben zu skizzieren. Sein Ge­sicht sah völlig gleichgültig nnd unbekümmert aus, das seines Vaters jedoch düster und abgespannt.

Hinter diesen beiden schritten, von Herrn Thornton geführt, Frau Mainwaring und deren Tochter. Die kalten grauen Augen Fräulein Isabellas schweiften mit einem Blick hochmütiger Geringschätzung über die Anwesenden. Ten Zug beschloß Frau Hogarth mit ihren beiden Pflegebefoh­lenen Edith Thornton und Lizzy Carleton; das freundliche Gesicht Lizzys spiegelte das rege Interesse für den sich ihr bietenden eigenartigen Anblick.

Ms letzte erschienen Harry Skott und Frau La Grange mit ihrem Sohn. Als der Sekretär das stark angefüllte Zimmer betrat, zögerte er einen Augenblick an der Tiir, wie überlegend, wo er seinen Platz wählen solle, doch Fräulein Earleton, die in der Nähe der Tür saß, half ihm darüber hinweg, indem sie ihn mit einem Wink aufforderte, einen leeren Stuhl an ihrer Seite einzunehmen. Während er mit einer eleganten Verbeugung dieser Einladung folgte, wurde ihm verstohlen, jedoch von dem Detektiv nicht un­bemerkt, ein kleines Zettelchen in die Hand gedrückt. Schnell den Kopf wendend, bemerkte er Frau La Grange, die bleich, aber in gewohnt stolzer Haltung, ihren Sohn hinter sich, langsam an den Reportern vorüber schritt und sich den ihr von dem Anwalt dargebotenen Stuhl unbeachtet lassend möglichst fern von den Familiengliedern auf einen Platz begab, von wo aus sie die Dienerschaft unter Augen hatte.

In der nun eingetretenen Stille rief der Coroner nach einigen Eingangsworten den ersten Zeugen, George Hardy, aus. Dem Ruf unmittelbar folgend, trat aus der Reihe der Dienerschaft ein junger Mann mit offenem Gesicht und bescheidenem Wesen an den Tisch Ter Coroner richtete an ihn zunächst die gewöhnlichen Generalfragen und fuhr dann fort:

st " e haben Sie in Herrn Mainwarings Dienst Beinahe vier Jahre."

Sie haben während dieser Zeit die Stellung eines Kammerdieners eingenommen?"

Sehr wohl."

Heute morgen fanden Sie Ihren Herrn tot. Um Welche Stunde war das?"

Etwa gegen sieben Uhr."

Erzählen Sie genau den Hergang."

,Lch war wie immer ins Badezimmer gegangen, ftir Herrn Mainwaring das Bad zu bereiten, und als es fertig war, klopfte ich an seine Tür, um ihn zu wecken. Er gab keine Antwort. Ich klopfte nun noch mehrere Male, und da sich auch darauf nichts im Zimmer regte, schloß ich endlich die Tür auf und trat ein. Der Herr war nicht da, und das Bett war unberührt. Ohne mir viel dabei zu denken, ging ich weiter in das Rauchzimmer und von da in die Bibliothek. Dort sah ich den Herrn im Turm­zimmer aus dem Boden liegen. Zuerst dachte ich, er wäre krank und eilte zu ihm, erkannte aber gleich, daß er tot War, und bemerkte auch den Revolver neben ihm."

Was taten Sie nun?"

Einen Augenblick war ich vom Schreck wie gelähmt, danrc jedoch stürzte ich weg, um Hilse zu holen."

Wem teilten Sie zuerst Ihre Entdeckung mit?"

Ich toofite zu Herrn Whitney, aus dem Wege zu ihm begegnete ich aber Wilson, Herrn Ralph Mainwarings Kammerdiener, und dem erzählte ich schnell von dem Un- muck ch anu erst lies ich weiter zu Herrn Whitney und sagte chm, der Herr hätte sich erschossen."

Woraus schlossen Sie, daß Herr Mainwaring sich er- schossen habe? Veranlaßte Sie nur der Revolver zu der

Annahme oder hatten Sie noch andere Gründe, das zu glauben?"

Nein, nur der Revolver ließ es mich glauben."

Gut. Nun sehen Sie sich einmal diesen Revolver hier genau an. Erkennen Sie ihn mit aller Besttmmtheit als den, der Herrn Mainwaring gehörte?"

Der Diener nahm die Waffe, betrachtete sie einen Augen­blick und erklärte dann fest:Jawohl, das ist Herrn Main­warings Revolver. Ich habe ihn oft gereinigt und kenne jede Schramme daran."

Schön. Was taten Sie, nachdem Sie Herrn Whitneyj benachrichtigt hatten?"

Herr Whitney schickte mich zu Herrn Ralph Main­waring, unterwegs traf ich aber wieder Wilson, der mir sagte, er käme eben von seinem Herrn und Herrn Thorn­ton und solle auch zum jungen Herrn Mainwaring. So lief ich also nach unten und begegnete in der Halle dem Portier. Dieser wollte den Herrn gern sehen und bat mich, mit ihm zu gehen. Das tat ich und blieb dann im Turm­zimmer, bis Herr Whitney kam."

Wann sahen Sie gestern Herrn Mainwaring zum letztes Male?"

Kurz nach dem Essen; es wird zwischen sieben und acht Uhr gewesen sein?"

Wo war das?"

Zn der großen Halle. Er ließ mich rufen, um mir zu sagen, daß er nichts mehr für mich zu tun habe und ich mir einen freien Abend machen könne, wenn ich die Türen für die Nacht verschlossen hätte."

Gehörte das Verschließen der Türen für die Nacht­zeit zu Ihren täglichen Obliegenheiten?"

Ja, ich hatte die Zimmer des Herrn und die Haustüp auf der Südseite zu verschließen."

War Ihnen dafür eine bestimmte Zeit festgesetzt?"

Neun Uhr."

Und Sie verschlossen gestern abend alles wie ge­wöhnlich?"

Jawohl, aber etwas später wie sonst,"

Wie kam das?"

Kurze Zeit, nachdem ich beim Herrn gewesen wär, bat mich die Haushälterin, den Südeingang bis zehn Uhr offen zu lassen, weil sie noch Besuch erwarte."

Wann schlossen Sie nun ab?"

Gleich nach zehn Uhr. Punkt zehn ging ich vor das Haus, nm zu sehen, ob im Wohnzimmer der Frau La Grange noch Licht brenne, und als ich sah> daß alles dunkel war, verschloß ich die Haustür und stieg die Südtreppe hinauf^ um nunmehr auch die Stuben zu verschließen."

Haben Sie um diese Zeit irgend einen Fremden in oder vor dem Hause bemerkt?"

Nein."

,-Auch nicht in dem Wohnzimmer Herrn Mainwä- rings?"

Nein, einen Fremden nicht."

Sie betonen das WortFremden" so, wie wenn doch irgend jemand in den Zimmern gewesen wäre."

Ja, ich fand die Haushälterin in der Bibliothek. Sie war, wie sie mir sagte, vor einiger Zeit denselben Weg wie ich heraufgegangen, wollte eben durch die große Halle zurückgehen, fand die Tür zu dieser aber verschlossen, und! da sie mich kommen hörte, erwartete sie mich, damit ich ihr öffnen sollte,"

Hatten Sie die Tür zur großen Halle verschlossen?"

Nein, sie bleibt gewöhnlich unverschlossen. Ich weiß nicht, wer sie diesmal verschlossen haben mag."

Sie wissen also ganz bestimmt, daß sich zu jener Zeit niemand als Frau La Grange in den Zimmern Herrn Mainwarings befunden fyat?"

Hardy lächelte.Da müßte sich 'gerade jemand sehr gut versteckt gehabt haben, denn gleich nachdem ich der Haushälterin die Tür zur großen Halle aufgeschlossen hatte, begab ich mich zurück zu den Zimmern des Herrn und hielt dort eine sorgfälftge Nachforschung, weil ich, vorher> als ich Frau La Grange in der Bibliothek traf, so etwas wie Brandgeruch verspürt hatte."

Bei dieser Aussage erhob sich plötzlich Herr Whitney, schritt zu dem Coroner und flüsterte diesem etwas zu.

Sie sagen", fuhr der letztere darauf in seinem Verhob fort,daß Sie einen brandigen Geruch verspürt hätten; welcher Art war der wohl?"

^Nun, eK roch etwa so. wie nach verbranntem Papier/*