Montag den 5. Jezemöer
1904. - Hlr. 181
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Das Gekämmt des Bankiers.
Kriminalroman von A. M. B a r b o u r.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Die Untersuchung.
Die Volksmenge, die sich am Morgen vor dem Hause angesammelt hatte, wuchs im Laufe des Teiges immer mehr an. Jeder Vorgang im Hause fand sofort seinen Weg nach außen. Das Verschwinden der alten Familien- Juwelen, über deren nngeheuren Wert schon immer fabelhafte Gerüchte im Umlauf gewesen waren — die Aussetzung und Unterzeichnung des Testamentes am Tage vorher — dessen Abhandenkommen gleichzeitig mit dem plötzlichen geheimnisvollen Tode des Testators — all dies zusammen schien baS Interesse an dem undurchdringlichen Geheimnis, das seit Jahren das Haus des Millionärs umgab, aufs höchste gespannt zu haben.
Als die zur Vernehmung der Hausbewohnerschaft an- gesetzte Stunde näher rückte, schwoll die Menschenmenge zu einem wahren Strom an. Es wogte förmlich in dem Vorgarten und den Parkanlagen.
Kurz nach Ankunft des 2.45-Zuges fuhr eine Equipage des Hauses, der in einiger Entfernung noch zwei andere Wagen folgten, rasch die Allee heraus. Als die erstere vor dem Portal hielt, entstiegen ihr Herr Whitney mit einem ältlichen Herrn von stattlichem Aeußern und zwei Polizeibeamte, die zugleich das Volk zurückzudrängen begannen, während der Anwalt und sein Begleiter eilig in das Haus traten und von einem Diener nach der Bibliothek geleitet wurden.
Hier trafen sie den Detektiv, der dort auf seinen Wunsch allein zurückgeblieben war. Nach! einem kurzen Gespräch mit ihm, bat der Anwalt seinen Begleiter, ihn einen Augenblick zu entschuldigen und schritt, Herrn Merrick winkend, nach dem Turmzimmer.
„Nun, Erfolg gehabt? Eine Fährte gefunden?" fragte der Anwalt gespannt.
Ter Detektiv lächelte verschmitzt. „Das schlaue Wild ging nicht ins Garn, aber ich habe ein paar kleine Entdeckungen gemacht, die sich später vielleicht als wertvoll erweisen werden. Was halten Sie hiervon?"
Er zog ein kleines Notizbuch hervor und entnahm ihm Mehrere Stücke angebranntes Papier, die trotz der starken Bräunung noch einige teils zusammenhängende Worte, teils Bruchstücke davon sehen ließen.
Whitney breitete die einzelnen Fetzen auf das Pult, überflog sie mit gierigen Blicken und rief dabei plötzlich
„HimmelI Mann'. Das sind ja Stücke von dem Testament! Hier — das Datum, „dem siebenten Tage des Juli unserer." — ;— ±-. und da i—: dieses — ,.nor Houghton
La Gra"1--heißt natürlich Eleanor Houghton La Grange^
und hier unten: „Leibrente in dem Betrage von", und dch auf dem Stück, klar und deutlich — „Was meine Ländereien und mein ganzes Vermögen betrifft" und —. Na, hören Sie, Merrick, das ist ein bedeutsamer Fund! Wp haben Sie ihn gemacht?"
„Da!" antwortete der kleine Mann kurz, tnbent er auf einen durch den Geldschrank und einen hohen Ofenschirm verdeckten niedrigen Kamin zeigte.
„Merkwürdig!" stieß der Anwalt hervor. „Den habe ich noch nie bemerkt, so oft ich auch hier gewesen bin."
„Auch ich hatte ihn zuerst übersehen und nur den' Kamin in der Bibliothek durchsucht. Ich fand' ihn exfij später, als mir der Ofenschirm auffiel. Offenbar wurde der kleine Kamin nur selten benützt, und der Täter dachte wohl, sein Werk sei hier am besten vor der Entdeckung geschützt."
„Und doch, welche Pfuscherarbeit und Sorglosigkeit, diese Reste liegen zu lassen", bemerkte der Anwalt. „Ich sollte! meinen, bei einem derartigen Geschäft bleibt man doch stehen, bis man sich überzeugt hat, daß alles verkohlt ist."!
„Gewiß, wenn man nicht gestört wird", erwiderte der Detektiv trocken. „Der Fall ist aber hier jedenfalls eingetreten, denn sonst müßte der Jemand, der diese Tat nur halb vollbrachte — mag es nun ein „er" oder eine „sie" sein —, ein selten einfältiger Mensch gewesen sein."
„Tas denke ich auch. — Doch es ist drei! Uhr vorbei: wir müssen uns beeilen. Entdeckten Sie sonst noch, etwas?"!
„Nichts von besonderer Wichtigkeit, bis auf die Gewißheit, daß der Mord nicht in diesem Zimmer, sondern i.rtz der Bibliothek begangen wurde."
„In der Bibliothek? Woraus schließen Sie das?"
„Ich schließe es nicht; es ist vielmehr eine Tatsache, drei ich schon seit heute morgen weiß. Sprechen Sie aber vorläufig nicht davon. Wenn es Ihnen recht ist, wollen wir jetzt gehen."
Mittlerweile waren der Coroner und die Gerichtskommission eingetroffen. Ein Diener hatte die Herren empfangen und sie in ein abgesondertes Zimmer des zweiten! Stockwerks geführt, wohin inzwischen die Leiche des Ermordeten gebracht worden war. Hier besichtigte die Gerichtskommission an der Hand von Erläuterungen des Coroners die Wunde, ihre Lage und ihren Charakter; dann machten die Herren dem Turmzimmer einen kurzen Besuch und begaben sich darauf wieder nach dem ersten Stockiver^ wo der begleitende Diener sie in einen großen Saal führte.
Ter Coroner nahm auf einein Armstuhl am Ende eines' langen Tisches, der in der Mitte des Zimmers stand, Platz. Die Mitglieder der Gerichtskommission setzten sich links, neben ihn. Die Stühle an den Langseiten des Tisches wurden von einigen bedeutenderen Zeitungsberichterstattern eingenommen. Andere weniger Begünstigte dieser Herren drängten sich an den Türen und offenen Fenstern.
In einem Nebenzimmer des Saales, dessen Portiere«


