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offen, daß ihr dergleichen nicht mit Franz Friedrich passieren wiirde. Lidoy machte Lieder Pläne für die Zukunft, d. y. in erster Linie Mr gesellige Vergnügungen, als daß sie mit Jutta weinte öder sich mit ihr ärgerte. Sie war die süngste der Schßvefieru, und wie die Jugend immer schneidiger wird, mich die schneidigste von ihnen. Sie hielt demnach kurzer Hand dafür, daß die Sache nun mal nicht zu ändern sei, außerdem habe sich auch Jutta die Geschichte reichlich eingebrockt. Die Schwester <habe einmal das mütterliche Haus verlassen und könne dcch nun nicht verlangen, daß man hier in> Sack und Asche trauern sollte, wenn es ihr gerade so paßte. Denn sie, Liddy, mußte doch auch an sich denken, ja, sie war sich das sogar selbst schuldig. Alle Liebe Mamas konnte daran nichts ändern, die Aermste hatte es drei Töchtern recht zu machen, und das ist unter modernen Verhältnissen mit modernen Töchtern ein bißchen viel.
So währte es keine 14 Tage, und JUtta zog es vor, wieder nach Kaltenburg zu gehen; hier wenigstens' war sie Bet sich und niemanden: im Wege. Mit dieser ihr ganz neuen Empfindung traf sie dann dort ein und wurde in ihrer einsamen Wohnung von Hildegard empfangen. Ueberwültigt von den mannigfachsten Empfindungen, schlug sie die Arme um den Hals der Cousine und barg, gleich einem verlorenen Vögelchen, ihr Köpfchen an deren Brust: „Bleibe Du wenigstens bei mir, Hildegard!" Hildegard/ dachte wehmütig!am ihr schlichtes, aber ungestörtes Stübchen, ihre Bücher, die Arbeit, die ihr Trost, ihr Halt, ihr bestes Gut gewesen. Doch „Aus /Liebe" flüsterte sie wieder, und quartierte sich bei JUtta. ein. Damit wurden ihre Tage nicht leicht.. Die arme kleine Fra:: war in einer ebenso verzweifelnden als ungleichen Stimmung. Einmal wollte sie niemanden sehen, von- der Lanzen Welt nichts wissen, lag apathisch auf der Chaiselongue und rührte sich nicht; dann wieder konnte sie durchs die Zimmer irren, ohne Rast und Ruh, verlangte' nach Menschen, wollte jedem ihr Leid, klagen, ihr Herz ausschütten — daß ihr leichter werde. Das aber durfte nicht sein. Hildegard ließ Jutta also nie allein, wein: Besuch kam, achtete auf sie und in Todesangst auf jedes unbesonnene Wort. Keine leichte Aufgabe. Denn, wie die Stäubchen in der Sonne, so flogen auch jetzt wieder Ahnungen und Mdanken über die junge Ehe und etwaiges weiteres in der Gesellschaft von Kaltenburg umher. Und gerade weil niemand etwas Bestimmtes erfahren konnte, spitzten sich W Ohren um so neugieriger, wenn man kam, um der kleinen Frau seine wärmste Bewunderung für test heroischen Entschluß ihres Gatten zu erklären, sich zugleich aber mit der wärmsten Teilnahme für die reizende Fran erging, der gegenüber solcher Entschluß doch recht schwer, fast unbegreiflich erschien.
Hildegard jedoch hielt den: allen stand ; kau: immer zur rechten Zeit dazwischen, wenn sich JUtta einmal gehen lassen wollte, fand stets eine passende Asttwort auf diskrete, wie indiskrete Bemerkungen und gab der Unterhaltung eine Richtung, die möglichst weit ab von jedem gefährlichen Thema lag. Wofür sie dann freilich recht oft genug das Prädikat eines verflixt arroganten, selbstbewußten späten Mädchens erntete, ja sogar bei JUtta in diesem Punkte keine Gegenliebe fand. „Warum soll er denn imMer n:it der Glorie angetan dastehen?" rief JUtta auch eben mal wieder ärgerlich, weil Hildegard sie vor kargem verhindert, Ada von Boltin, einer der neugierigsten Klatschbasen, ihr Herz auszuschütten: „Darf ich denn nicht auch einmal Mein Schicksal beklagen? Darf denn niemand wissen, wie er ist?"
Wie immer, so schnitt auch heute jedes dieser Worte Hildegard in das Herz. Melleicht litt sie, gerade sie, noch um ein gut Teil mehr unter der Veränderung ihres' einstigen Ideals, als dieses Ideales kleine Frau. Sanft, ruhig aber gab sie zurück: „Doch, Du kannst Dich aussprechen — । bei mir, bei allen, die Dich wirklich lieben. Aber Du darfst Deinen Mann nicht bloßstellen." Und wie sehr auch Hildegard den Punkt zu berühren scheute, so fuhr sie eben do,ch trotzdem, einer schnellen Antwort Juttas zuvorkommend, fort: „Außerdem bin ich ja erstaunt, daß — daß kein — keine Forderung stattgefunden hat. Möglich, daß das beste wäre, daß Dein — ihr Brief — gar nicht an die von Dir bestimmte Wresse gelangt ist, aber kämen solche Reden und Gerüchte zu Ohren von Greditz, so könnte er diese nicht ignorieren. Auf'geschoben ist Nicht immer Mfgehoben, Es kann jemand heil ustd gang aus einem/
Kriege zurückkehren und doch von d'er Mgek eines Kameraden getroffen werden.
Nun erschrak Jutta aber doch kecht ordentlich! Daß ihr unbesonnener Schritt solche Folgen haben könne, das hatte sie selbstverständlich in jenem unglückseligen Moment nicht gedacht. Dann hatte sie sich nur zu gern, wie die ihren/,, mit dem Wunder beruhigt. Jetzt blieb sie eine Weile still und sah ziemlich geknickt drein. Dann ater, und vielleicht, wie um sich vor sich selbst zu entschuldigen, klang es': „Harro ist sehr schlecht zu mir gewesen, er hat mich arg betrogen!'< Dagegen ließ sich nun nichts sagen, wenn dem so war, wie es Jutta behauptete. Hildegard seufzte. Doch, löte eine Mutter strich sie der jungen Fran über das Haart, „Liebste, wir sind allzumal Sünder^ Und« List Du so sicher/ daß Tu ganz ohne Schuld bist bei dem, was — was alles zwischen Euch 'getreten ist?" „Na aber, Garda", fuhr die kleine Frau aus: „Ich habe stets nur meinen Mann geliebt,"- Nun mußte Hildegard doch "wieder lächeln, und lgchelwb küßte sie die dunklen Sammetaugen der trotz alledem so reizenden, kindlich gebliebenen Frau, lieber den Punkt wurde an diesem Tage nichts mehr von den beiden Cousinen gesprochen. Hildegard wußte nicht, waren ihre Worte auf eine fruchtbare Stätte gefallen oder nicht.
Am anderen Morgen saß Hildegard mit Fenster mit einer Handarbeit. Jutha wanderte in fast wnhnsinnigtir Unruhe auf dem blauen, rosendurchwebten Teppich hin und' her. Ab und zu nahm sie eine lauschende Stellung ein. Vielleicht, daß' sie auf etwas wartete. Sie hörte jeden Tritt in dem großen Hause, und sie schreckte bei jeden:/ Laut zusammen. Endlich ließ sie sich auf dem kleinen! Sofa nieder und barg das Haupt in den Händen. Aber auch Hildegard ließ jetzt die Arbeit sinken, ihre Hände zitterten, ihre Augen blickten trübe, sie konnten keinen Stich länger, erkennen. Heute sollten die Schiffe nach China abgehen. Vielleicht, daß beide Frauen an das eine hier dachtem Da schlug die Uhr auf dem kleinen Zierschränkchen von Mahagoni und Bronze. In ihrer hochgradigen Erregung wurde Jutta der Schlag zu einem Schuß, der Salve, dem; Gruß, mit dem der „Bismarck" von dem heimatlichen Gestade schied. Sie schnellte in die Höhe. Leichenblaß, die Arme weit ausgebreitet, stand sie da: „Harro! Harro!" klang es plötzlich! von den bebenden Lippen. Dann nahm! eine Ohnmacht die Sinne der jungen Frau gefangen.
Die Ohnmacht währte lange. Als Jutta daraus erwachte, schien sie nichts zu wissen, weder von dem, was dahinter lag, noch pon dem, was um sie her vor sich gtng.. Sie fieberte und wurde recht krank. Der Arzt hielt mit der Diagnose zurück. Erst als sich nach etwa 14 Tagen Jutta/ entschieden auf der Besserung befand, verkündete er die nun, je nachdem, erfreuliche und auch leidmütige Tatsache, daß Kau von Uran ein Kindchen haben würde.
(Fortsetzung folgt.) .
Maudsrelen aus der Aaiserstadt.
(Nachdruck verboten.)
Der Streit um test Wuuderkefsel. — Flüssige Luft. — Schillings Tierbilder.
Wenn die Könige bauen, haben die Kärrner zu tun. Freilich sehn diese Kärrner viel eher wie Könige aus, wenn man sie bei der Arbeit sieht und umgekehrt. Es handelt sich nämlich um die Herren vom Brettl, die plötzlich wissenschaftlichen Ernst mar- markieren und mit tiefsinniger Grazie auf dem Podium jene überraschenden Experimente zum besten geben, die grübelnde Gelehrtenarbeit in Jahrzehnten errungen hat. • Wenn man den schneidigen Fex in Frack und Ballweste da oben mit seinem Wunderkessel herum hantieren sieht, muß man ihn wirklich für den König im Reiche der Wissenschaften selber halten. Nach köstlicher wird der Spaß, wenn man erfährt, daß sich ein Heißer Streit über die Superiorität dieser Erfindung entspannen hat. Um nicht mißverstanden zu werden: nicht ein Streit über die Erfindung, Luft flüssig zu machen, selbst, sondern um die viel genialere Idee, ' "diese Erfindung dem dickbretternen Boden der geistreichen Ba- risto-Künste dienstbar gemacht zu haben. Und so befehden sich um die Nummer des „Wunderkessels", die augenblicklich im „Wintergarten" auf dem Programm steht, Engländer und Deutsche mit fulminanten Zeitungserklärunqen und geberden sich dabei als Könige, obgleich sie doch nur dummschlaue Kärrner sind. Im übrigen sind die verblüffenden Erscheinungen der durch tiefgradige Abkühlung flüssig gewordenen Luft schon in der Industrie, die ihre Verwertung anstrebt, vielfach vorgeführt worden, und wer in Berlin der Gesellschaft für „Markt- und Kühlhallen" in der Trebbinerstraße einen Besuch macht, kann alle die seltsamen Sachen dort gratis genießen vom eingetauch-


