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braucht, weil der Manu noch! nicht mitspricht bei dem großen Rennen um den Preis.
So saß denn Jutta bald allein in ihrem Boudoir. Die junge Iran war aber nicht an Alleinsein gewöhnt. Es wurde ihr langweilig. Sie konnte es nicht länger aushalten in der blauseideneu Pracht, machte erst einen schüchternen, dann einen entschiedene Versuch, sich in deM dunklen, stilvoll gehaltenen Zimmer ihres Gatten niederzulassen. Harro nickte mit dem Kopf, da er diesem Beginnen zusah, als tvollte er sagen: Verdenken kann ich es Dir nicht, mein armes, kleines Ding. Aber Tu mußt Ruhe halten. Jutta versuchte also, ruhig zu sein. Sie nahm eine Stickerei zur Hand. Die feinen Fingerchest ließen jedoch bald nach mit den: Ziehen der seidenen Fäden. Die junge Frau blickte nach dem Gatten hin. „Gott, wie er schpn iftj" murmelte sie leise. Und immer schöner erschien er ihr. .Die stolzen Züge so ernst in ihrer vornehmen Ruhe und doch wieder so rosig heiter beleuchtet vor: der Latupe Lich. Zuletzt konnte sie nicht widerstehen, sie Mich sich, leise zu ihm hich strich, mit der Hand über das kurze, weiche, blonde Haar. Er lächelte, schüttelte den Kohs: „Später — bald — Jutta trat zurück und nahm ihre Stickerei wieder auf.
Die junge Frau aber ivar noch wertiger an Selbstbeherrschung als an Arbeit gewöhnt. Aufs neue sah sie nach dern Gatten hin. Sie liebte ihn ja viel zu sehr: Ohne eine Ahnung, daß Liebe noch etwas anderes als Entzücken und Begehren bedeutet, trat sie bald ivieder zu ihrn hin- stellte sich dicht hinter seinen Stuhl und legte neckeüd die Harrd über seine Augen, während sie mit der anderen das Buch auf den Tisch vor ihm zusammenklappte. Er wollte aussahren. Doch sie sah ihn an, in jeder Wange ejn Grübchen, darin ein lachender Schelm: Darin trat ein seines- krauses Fältchen auf die Stirn, und sckMollerid, wie es ihr so entzückend stand, klagte sie: „Harro, hast Du mich gar nicht mehr lieb, daß Du mich! so allein hier sitzen lassen kannst?" Sinn schob er selbst die Bücher zurück. — „Armes, kleines Ding." Er nahm sie auf den Schoß, küßte sie hinter das kleine, rosenrote Ohr: ,Mir wollen 'mal unterbrechen —" Und er hielt sie fest auf seinen Kstien, küßte sie wieder und wieder, lösch die goldiger: Wellen des blonden Haares und spielte mit dem schimmernden Gelock. Sie lächelte ihn an und war glücklich! Er meinte, inan sei doch nur einmal jung und er seiner jungen Frau und sich selbst auch etwas schuldig.
Derlei Szenen wiederholten sich Harro war.kein Theoretiker. Er war mit Leib und Seele Soldat, er würde im Felde am liebsten auf den gefährlichsten Posten gestarck>en, seine Leute durch dick und dünn geführt haben. Das Studium aber hier an dem Schreibtisch wurde ihm ohnehin nicht leicht. So meinte er denn bald, daß sie nun einmal aus Liebe geheiratet hätten, und weiter nichts vom Leben haben sollten, so wollten sie wenigstens sich selbst leben, und folgerte dann schnell, daß es ja am Ende einerlei sei, ob er eilt Jahr früher oder später auf Akademie ging, sintemalen ein Aukommen hier bei dem Andrang doch fraglich wäre. Damit kam er zu dein Entschluß, sich von nun au doch wenigstens für einige Abende in der Woche den glücklichen Galtet! und „Haushammel" zu gestatten. Nun saß man in dem Manen Boudoir. Die bunten Stores waren heruntergelassen, eine große Lampe mit rosenroten: Schirm brannte auf hohem Ständer zwischen einer japanischen Tänzerin und einer Gruppe Palmen. Die Tänzerin war ein wenig verstaubt, die Palmen ein wenig angekränkelt, Jutta achtete auf dergleichen kaum; es "störte sie auch nicht, die Szenerie machte sich, im Gegenteil sehr hübsch.
Man fand also das Zusammensein hier reizend und war glücklich. Jutta wärmte ihre musikalischen Fertigkeiten auf, spielte das „Edelweiß", die Walzer aus dem „Lustigen Krieg", der „Fledermaus", dem „Zigeunerbaron" und die Lieder der Geisha. Harro fand sein Frauchen am Klavier allerliebst. Er Hmüsierte sich über das Aufschlagen der blanken Fingernägel und neckte sie darüber. Je nachdem pfiff er auch 'mal die Melodie mit, und wenn die junge Frau 'mal nicht weiter konnte in ihrem Spiel, lache er sein kleines, süßes, dumMes Diugchen tüchtig aus.' Alles das machte sich für ein paar Tage ganz nett. Mir die Länge aber konnte Harro, der, ob er auch nicht selbst musikausübend war, doch viel gute Musik gehört hatten diesem Programm und seiner Ausführung nicht standhaltens Er küßte seine Mau bald nur, damit sie aufhören sollte.
Nun versuchte er, die sich immer mehr längenden Abende
mit Lesen auszufüllen, man konnte sich nicht fortwährend unterhalten, zuinal, da man nicht ausging, nichts sah und hörte, es also auch nichts, zu berichten oder zu berate:: gab. Ebenso wenig konnte man sich immer küssen, zumal nicht nach, Pellkartoffeln und Hering, die jetzt, da einmal gespart werden sollte, hin und wieder auf feinem Meißener, und Silber serviert wurden. Jutta halte sehr wenig gelesen- liebte eigentlich nur eine berühmte Modeschiftschllerin, die gerade Harro entsetzlich sand. Er selbst las mit Vorliebe moderne Sachen, Nordländer, Russen, Franzosen, konnte sich jedoch nicht entschließen, die kleinen, rosenroten Oehrchest seiner Frau mit den hier unvermeidlichen Schauerlichkeitest in Berührung zu bringen, ihre kindlich reine Seele mit derlei Widerwärtigkeiten in Empfindung ustd Stimmungen, wie er meinte, zu beflecken. Wahrscheinlich fühlte er sich selbst nicht reiftzenug oder geeignet, einem änderest hier Führer zu sein- damit er, unbeschadet imrcTji alles das, was sich da ab spielt, erst recht zu einer Versöhnung in Wahrheit gelange. Vielleicht auch! meinte er, daß sich Mauen besser mit einem geringeren Grad von Welt- und Selbsterkenntnis begnügen.
Für ein wissenschaftliches VLrk aber war Jutta selbstverständlich nicht zu haben. "Er entschloß sich also für Frey- tags Geschichtsbilder, damit seine Mau wenigstens etwas kennen lernte. Sie war von Natur durchaus nicht unbegabt. Aber die zärtlichste aller Mütter hatte in ihrer Ueberzärtlich keii auch ihre Kinder schon nur glücklich sehen wollen- Arbeiten lernen, alles, was an ejue ernste Beschäftigung streifte oder gar eine Anstrengung bedeutete, von ihrer Jutta ferngehalte::. Sie sollte sich lieber an Kinderbällen, Gesellschaften, Ausführungen und dergleichen erfreuen. Selbstverständlich war Jutta in eine Privatschule gegangen. Hier hatte mm: es Mit dems Lernen nicht so genau genommen. Wohl aber war deren Leiterin froh gewesen, ein so reizendes kleines Ding, das imMer auf das eleganteste gekleidet oder verkleidet zum Ausfuhren, Hersagen, dem Verkauf von allerhand Knick-Knacks in einem etwaigen Bazar zu haben war, unter ihre Schülerinnen zu zählen. Jutta von Stammen war also immer mit versetzt worden und nach wie vor, dank ihrem in der Tat ungewöhnlichen Liebreiz, der Liebling aller geblieben.
Von Hans aus brachte de:m:ach Jutta de:: Bilderst ans der Vergangenheit kein großes Interesse entgegen. Aber sie begann sich dafür zu interessieren, sie fragte sofort nach diesem und jenem. Vielleicht, daß Leutnant Harro die immer gewärtige und geordnete Ue verficht der Einzelheiten, wie sie zu solcher Erläuterung notwendig ist, oder auch die Geduld für solche Erläuterung mangelte, er war ja, wie Papst Kommandierender gesagt, ein Brausewind. Kurz, er fuhr seine kleine, süße Frau ein paarmal eklig an. Jutta bemerkte, daß ihn bas Magen bei dem Lesen störte. Sie schwieg daher bald und hörte schweigend zu. Dabei freute sie sich an dem sonore:: Klang seiner Stimme, wie hübsch er las. Sie freute Mch, wie fms Licht auf seinem blonden Haar glänzte, wie die blauen Augensterne hin und her wanderten unter; den hellen Wimpern, wenn sie den Buchstaben folgten- freute sich an seinen schlanken, wohlgepflegten Händen,! wie sie das Buch hielten, die Blätter umschlugen, und zuletzt, wie hypnotisiert von dem blanken, langen Nagel seines kleinen Fistgers an der Linke::, schlief die kleinei Mau bei dem Lesen ein.
Harro erschrak, er war empört, als er von de:: Bildern der Vergangenheit ausblickte und Pies betrübliche Mld der! Gegenwart wahrnahm. Gewiß, er liebte seine junge Mau- aber ein leises Bangen kam ihn doch! Plötzlich an, wie die Oedigkeit der langen Winterabende überwinden? Umsomehr; freuten sich die beiden Urans, als sie am mtöeren Ab end- schon 'mal jemand bei fiefy sahen, Hildegard Lind sied t und Rittmeister vo:: Dörrenbach!. Hildegard Lindstedt, von Ha:^ aus ein tatkräftiges Mädchen, hatte sich früh und auch gerst des elterlichen Hauswesens angenommen. Vermöge:! war bekanntlich nicht da, dafür mehrere Töchter, und die Mutter. Hildegard hatte Bälle und Gesellschaften besuch, soviel die Verhältnisse Boten, ganz korrekt von den: durch die Tradition der Jahrhunderte geheiligten und instinktiv natürlichen Verlangen beseelt, einem zu gehörest, einen liebest zu dürfen, für einen schaffen und sorgen zn können. Dabei war sie allmählich zu der Erfahrung gelaugt, daß das Glück immer einen anderen Weg nahm, als zu ihr; daß ältere Mädchen, sofern ihnen stichst etwa noch ein Papa General oder dergleichen den gesellschaftlichen Hintergrund leiht, von der Gesellschaft boykottiert' werdest. t Und da nun


