Ausgabe 
5.9.1904
 
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tast noch vor der alten kampfberüchtigten Veste Dohna. Schon da tritt einmal, .rechts der Landstraße, eine Felseniante unver­mittelt vor, oben bewaldet in den für das Elbsandsteingebirge charakteristischen Formen. Gänzlich werden diese aber bei einer Dampsschifsahrt, sobald wir die Pirnaische Brücke stromaufwärts gekreuzt haben, deutlich. Da befinden wir uns mit einem Male in einer Bergwelt, nachdem vorher das Auge im Schauen frucht­barer weiter Ebenen, .sanfter Höhenzüge mit lieblichen Ansiedel­ungen oder weichen Waldrücken schwelgte. Unmittelbar treten wir in einen Bereich straffer Formen streng vertikaler Richtung, meist mit einem ebenso streng horizontalen Abschlüsse. Dazwischen steigen in nicht minder charaktervollen Zackenlinien zackige Nadcl- gehölze von den Höhen zu Tal nieder. Und das alles umgibt ein berückend feines. Gemisch aparter Farben, indem Höhen und Tal und Wald gewissermaßen in einen vermittelten Dämmer und Duft getaucht sind.

Bei Postelwitz, gegenüber Pirna, ist der Bruch der Stein­kanten vorwiegend noch bräunlich, daun wird er wohl goldgelb, weiterhin leuchtet er in marmorglänzendem Weiß. Und immer findet er einen wohltuenden Abschluß nach unten im helleren Grün der Trift und Wiesenflur, .nach oben im dunkleren Blau­grün der Bäume. Dazwischen schlingt sich überall das licht- ober stahlblaue Band der Elbe, .abwechselungsvoll, wie das weit­gespannte Himmelsgewölb in der Höhe.

Am überraschendsten offenbart sich uns der besondere Cha­rakter . des ganzen Gebirges auf der Bastei. Wir kommen dahin auf einer Radtour von Pillnitz und über das Hochland, sodaß wir eine Annäherungder sächsischen Schweiz auf der Fährt nicht bemerkten, es sei denn, im letzten Teile, .infolge des dort herrlichen Waldes. .Wir fahren bis zum Wirtschaftsgebäude, wir steigen ab. Und mit einemmale sehen wir vor uns, ringsum, unter uns, klaffende Schlünde, unabsehbar tief, .aus denen Felsen- . wände, unabsehbar hoch, .emportauchen. Uralt. Diese Felsen- massive haben durch das Alter ein wunderbares Lustre bekommen, einen grauen Perlton. Und überall vermischt sich damit ein blaugrüner Schimmer von den. Fichten und Tannen. Vieltzundert- jährige Riesen sind es, .die da von jedem Felsenvorsprung auf­ragen, in stattlichen .Terrassen. Schauen wir steil hinab, dann er­kennen wir von einigen nur die Gipfel. Und über diesen stehen nette, deren .Häupter bis zu uns heraufragen. Md in deren höchster Höhe sind neue aufgebaut, .die hoch über uns ein herr­liches Schattenbach bilden. Daher liegt über der ganzen Land­schaft ein überaus reizvoller Dümmer. Wir genießen nach jener Seite der Mardertelle hin einen Anblick, .der an ben machtvollsten des Harzgebirges erinnert, an bie Felsenschlucht der Steinernen Renne. . Hier wie dort ist die Natur übermachtvoll und groß­artig! Seiber ist biefer Ausdruck durch eine allzu vielfache An­wendung abgeblaßt worden. .Hier empfinden wir ihn in seiner intensivsten Bedeutung.

Und wieweit reicht die sächsische Schweiz? Sie reicht hin bis an die böhmische Grenze, überschreitet sie noch, so daß unsere Nachbartt da drüben auch noch ein Stück böhmische Schweiz haben. Dazu gehört das.Prebischior mit einer sonderbaren Fels­bildung .und seinem köstlichen Ausblick. Dahinter liegt dann das böhmische Himmelreich, .reich gesegnet mit köstlichen Früchten, die die Elb kühne nach Sachsen und Norddeutschland hereinführen. Aber auch das Hochland über der sächsischen Schweiz, durch das wir auf der Radtour zur Bastei fuhren, K besetzt mit ausgedehnten Plantagen. .Namentlich die dortigen Kirschen haben ein gar köst­liches Aroma.

Die sächsische Schweiz! Woher hat sie ihren Namen? Wahr­scheinlich von Sachsen unb Norddeutschen, die sich hier überzeugten, daß.wieder einmaldas Gute so nahe liegt", und daß man bei­leibe nicht nach der fernen Schweiz zu reifen brauchte, um ebenso herrliche Gebirgsszenerien, nur viel bequemer, in kürzerer Zeit und viel wohlfeiler zu genießen. Denn wie kaum ein anderes Ge­birge von gleichem, verhältnismäßig geringem Umfange bietet die sächsische Schweiz Gelegenheiten zu wochenlang abwechseln­den, kräftigenden, .jeden Sinn befriedigenden Touren. Die ersten, die die schöne Natur de» Elbsandsteingebirges genossen, waren wohl die Jäger. Tie sächsische Schweiz ist iwch immer reich an starken Hirschen, von deren Kämpfeit ntanche aufgewühlte Rafen- triften iir Niederungen und manche Spuren von Losung auf steilen Felsblöcken zeugen, die von uns Touristen nur die euragiertesten mit Hilfe von Seil und Spitzhacke bezwingen. Und wie viel mehr noch früher, .als allenthalben der LVald noch wild aufwuchs, den man heutzutage sachgemäß beforstet. Zur Sicherung dieses Stolzes seiner Wälder errichtete August "der Starke, in .allen Dingen ein großzügiger Unternehmer, längs der ganzen böhmi­schen Grenze eine feste Wildbahn. .Und derselbe Fürst hatte auch em Auge für die aus den Pürschgängen durchstreifte landschaftliche Schonstett. Er hat 1708 aW erster dm Silienfteiit erklommen, ^7 dieses damals sehr beschwerliche Abenteuer machte seinerzeit vtel von sich reden, und war dadurch wohl der erste sächsische Schweiztourist großen Stils, Sein Wagnis sand bald Nachahmer, me bann ben Ruhm ber Gegeitd großsprecherisch mehrten, um selber dadurch größer zu erscheinen. Jedenfalls kam bald die Zett, schon, in denKuriosis Saxonicis von 1743 heißt es: Diese Felsen sind weit und breit bekattnt ttnd berühint tmb von dreien Fremden besucht" da man vomFührer" geleitet, mit

Bergstock, Seil und Leiter ausgerüstet, auf Bergschuhen den Elbtitanen zustrebte.

In diesen Aufschwung.kam aber ein Hemmnis durch bett siebenjährigen Krieg. Tie sächsische Schweiz wurde wieder säst vergessen, bis sie zu Beginn des vorigen Jahrhunderts fast neu entdeckt wurde.Nun aber ging es mit ihrer allgemeinen Aner­kennung .und mit dem Aufblühen der dortigen Touristik überaus rasch und ünattfhaltsam vorwärts.

Recht der eigentliche Mittelpunkt ihres ganzen außerordent­lich. lebhaften Verkehrs war das SAdtchen Schandau, und ist es auch bis auf den heutigen Tag geblieben.

Seit hier an den eisenhaltigen Heilquellen (plus 10,0 C.) im Jahre 1799 dasGesundheitsbad" und 1825 schon ein eigener Verkehrsverein, .vor etwa dreißig Jahren aber gar die pompöse Sendigsche Kolonie von Villen unb Hotels vornehmsten Stils zu längerem oder vorübergehenderem Aufenthalte gegrün­det wurde, ist dieser Verkehr geradezu ins. Riesenhafte gestiegen. Wurden doch während eines einzigen Sommers allein in den Etablissements des Herrn Rudolf Sendig, des Besitzers auch des Europäischen Hofes in Dresden, an die 25 000 Gäste beherbergt. In der Tat ist das Städtchen rin Dorado. Seine prächtige Süd- lage zwischen der Elbe, .an der Mündung der Kirnitzsch, an der Bahit (in 47 Minuten von ber Residenz erreichbar), am Fuße schützender Berge mit ozonreichen erfrischenden Laub- unb Nabel­wäldern, machen es zu einem Nachkurorte hervorragend geeignet, (besonders nach Karlsbad, Marienbad, Franzensbad, Teplitz), und zu einem höchst bequemen Mittelpunkte einer nach keiner Seite hin anstrengenden Touristik. .Alle schönen Punkte des ganzen sächsischen Schweizgebiets lassen sich von hier ans in Halbtages-, höchstens Eintagespartien besuchen. Um sie aber alle kennen zu lernen, genügen keine atft, kaum vierzehn Tage. Der Inhalt des Elbsandsteingebirges an abwechslungsvollen Sehenswürdig­keiten der verschiedensten Art ist überreichlich. Und nicht minder mannigfaltig sind die Mittel unb Wege, bahin zu gelangen. Nach den entlegeneren bringt uns rasch die Bahn, nach den näheren in anmutiger Fahrt das Dampfschiff. Wohlgestaltete Straßen führen überall hin zur Benutzung von Wagen und Stahlroß. Die Berge lassen sich allesamt auf trefflich gesicherten,, meist schattigen, Wegen besteigen, .wenn nicht die Damen einen Ritt auf lammfrommen Pferden vorziehen. .Höchstens noch in das Felsenlabyrinth der Schrammsteine, eine' Hauptfehenswürbigkei' brauchen Unbewanderte einen Führer.

Und immer wieder kehrt man von solchen Partien am besten zurück nach Schandau. .Hier sindet ber verwöhnte Großstabter, das Kind des 19. Jahrhunderts, 'allabendlich und allnächtlich ben behaglichsten Komfort, den seine Lebenshaltung benötigt. Hier können ihn seine Briese und Depeschen bauernb schnell erreichen; er bleibt dabei, was heutzutage nicht zu unterschätzen ist, be­ständig mit seinem häuslichen oder geschäftlichen Kreise in be­quemer Verbindung. ,Wenn er sich einen Ruhetag gönnen will, kommen ihm diese Annehmlichkeiten einer wahrhaft großstädtisch eingerichteten Häuslichkeit natürlich erst recht zu statten; in den Sendig Hotels und Pensionen, in der VillaKönigin Carola",- in derRussischen Villa", in der 7,Sucia" findet man Pracht« ausgestattete Wohn räume, in derQuisisana" und in der Kö­nigsvilla große Gesellschafts- und Speisäle mit reichem Schmucke an Jagdtrophäen und Bildwerken, Musik-, Rauch, .Lese-,- Klub-, Billard- und sonstige Spielzimmer. Außerdem können sich bie Gäste auf bie herrliche Kolonnabe in bem 45 000 Quabratmeter weiten Königsparke ober in diesen selbst mit seinem reichen Wechsel von prächtigen Baumgruppen, Blumen- und Rosen- beeten, Springbrunnen und Skulpturen zurückziehen. Auch bietet sich dicht vor dem Grundstücke im Elbstrome Gelegenheit zu baden. Schon am Tage erweckt diese ganz wunderbare Anlage ben Ein­druck einer Feerie. Wenn aber die Sonne gesunken ist, und allent­halben die elektrischen Flammen durch des Parkdunkel leuchten und sich im still vorbeislutenden Strome spiegeln, dann gibts, für uns Deutsche zumal, benn etwas von eurem Romantiker, Schwärmer und Gefühlsmenschen steckt in jedem von uns, nichts köstlicheres, als auf diesen Veranden, Balkons, Terrassen und Parksitzen diesenr schönen Schauspiele in stillen Gedanken nach­zuhängen und pou einer besseren Welt zu träumen. Von einer schöneren kaum, .als in der wir uns hier etwa besinden . . . Schon viele haben so empfrrnderr, auch mancher, ber außer ber sächsischen Schweiz viele herrliche Länder durchreiste. König Fried- rich Wilhelm III. von Preußen kam z. B. alljährlich von Teplitz nach Schanban herüber, .und richtete es babei so ein, baß er in biefem hum retiro immer seinen Geburtstag.verlebte. Und König Albert von Sachsen weilte hier schon als Kronprinz und während seiner dreißig Regierungsjahre an bie hundert Male Tage lang, um in den Bergen der Umgegend zu pürschen.

Dazu zog. et dann frühzeitig aus. Und auch uns -weckt nach köstlich verträumten Abenden die Sonne und lockt uns hinaus zu neuem Schauen immer neuer Schönheit.

Nichts schöneres gibt es, als mit dem Dampfschiffe gen Schan­dau hinaufzufahren, etwa von Pirna ober von den am Fuße der Bastei liegenden reizeiiben Städtchen Wehlen und Rathen. Da zieht die Elbe, .unterm Königstein, wohl ihren riesigsten Bogen, entert vollen Halbkreis. .Hier hat sie sich am schwersten durch- gerungen. Zur rechten, wie zur linken ungeheure Wände durch-