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Mn Abschied ein Busserl und führ' Dich bis zu tinserm Wiederkommen auch recht schön brav auf!"
Er versprach lachend und sah noch lauge Zeit dem enteilenden Wagen nach.
Unterwegs waren Tinko und Mirko anfangs von ganz airsgelassener Lustigkeit, je mehr man sich aber dem Ziele näherte, umsomehr ließ dieselbe nach. Es ging ihnen eben wie dem Feldherrn, den trotz des genialst angelegten Planes und trotz des rechtzeitigen Aufmarsches seiner Truppen dennoch im Bewußtsein seiner großen Verantwortlichkeit vor dem Beginn der Schlacht eine gewisse Bangigkeit ergreift.
Als sie ain Gutshof von Dolina die lange Reihe der ausgespannten Fuhrwerke erblickten, da wurden sie in ihrer Zuversicht etwas fester, denn dies war doch ein untrüglicher Beweis dafür, daß bis jetzt noch nichts verraten war, und daß der Feind den ihm bevorstehenden Ueberfall, der zur bedingungslosen Kapitulation führen mußte, noch nicht ahnte.
Die Ankunft der Stepenazschen Familie wurde von der Gesellschaft mit lautem Hallo begrüßt, denn nun erst glan.bte ein jeder, sein Hiersein vor sich selbst entschuldigen zu können. Im allgemeinen Trubel siel es gar nicht auf, daß der Chef der Familie fehlte, und wem es auffiel, der machte fich darüber keine weiteren Gedanken, überzeugt, er würde später mit dein Pfarrer kommen.
Als es endlich zu Tische ging, hatte man darauf überhaupt schon vergessen.
Der Oberst, welcher die Hausfrau zur Tafel führte, wunderte sich, nicht wenig und schaute sie ein um das andere Mal groß von der Seite an, als jte sich von vornherein wegen des Ansuchen Mahles entschuldigte.
„Wenn ich eine Ahnung von dem uns überraschenden Besuch gehabt hätte, würde ich mich ja natürlich genügend vorbereitet haben", beteuerte sie, ganz echauffiert vor Aufregung, „aber Sie wissen ja selbst, daß man hier alles tagelang vorher bestellen muß, wenn man nur halbwegs gerüstet sein will."
Er wußte wirklich nicht, was er darauf erwidern sollte und murmelte unter verlegenem Lächeln ein paar nichtssagende Worte, die darauf hinauskamen, daß man ja nicht des Essens halber hier sei, sondern — der Rest blieb ihr, aber auch ihm völlig unklar.
Als man endlich Platz genonimen, blieb er die längste Zeit schweigsam. Er konnte und konnte sich diese seltsame Komödie absolut nicht enträtseln. Schließlich sagte er sich) daß es wohl eine Marotte dieses ohnehin nicht ganz regulär aufgezogenen Hausherrn sein würde, und beruhigte sich dabei.
Nach der Suppe — natürlich Hühnersuppe — machte er der Hausfrau ein pflichtschuldiges Kompliment.
Auch das nächste Gericht — eingeschlagene Eier mit Sardellensauce — zwang ihm noch eine höfliche Anerkennung ab.
Nun aber erwartete er bestimmt einen Fisch; als jedoch statt dessen Hühnerleber wit Reis und dann Brathühner und nach diesen Backhühner aufgetischt wurden, zog sich sein Gesicht immer mehr in die Länge.
„Zum Teufel noch einmal", fluchte er in ftdj hinein, „man sagt doch nicht den Dienst ab, um dann derartig ab- gefüttert zu werden!"
Eine plötzliche Pause in der allmählich in Gang gekommenen Unterhaltung, ein Hin- und Herneigen der Köpfe, begleitet von überraschten „Ah's" erweckte plötzlich seine Aufmerksamkeit.
Die Neuigkeit, tvelche die Runde machte, wurde ihm nun auch von seiner Nachbarin zur Linken zugeflüstert. „Ljubiza hat sich mit Erich verlobt."
Auch ihm entschlüpfte ein freudig überraschtes „Ah!"
„Meine Gnädigste, ich gratuliere", wandte er sich sofort zu Frau von Höchstfeld, „ich gratuliere wirklich aufs herzlichste."
Diese sah ihn ganz verdutzt an, nicht anders, als ob sie einen Narren vor sich hätte.
„Ach so", meinte er verständnisvoll schmunzelnd, „man dar§ Uoch nichts wissen — Ihr Herr Gemahl hat sich die Ueberaschunrg zum Sekt Vorbehalten!"'
„Ich begreife tatsächlich nicht —"
„Pst, ich rede kein Wart Mehr und habe nichts gehört", beteuerte er, -Hen Finger als Zeichen des Schweigens auf
den Mund legend. Sie sah ihn von der Seite an und riiare unwillkürlich ein wenig von ihm ab.
Der Oberst bemerkte es gar nicht, da er sich mittlerweile wieder seiner linken Nachbarin zugeneigt hatte, welcher er malitiös schnmnzelnd zuflüsterte:
-Haben Sie schon eine Berlobungsseier bei Eiern und Hühnern erlebt?"
„Das soll wahrscheinlich eine zarte Anspielung darauf sein, daß die Jungen unter den Fittichen der alten Gluckhenne bleiben werden", erwiderte ihm diese ebenso leise. „Au weh, daun können sie mir leid tun", bedauerte sie der Oberst,
Indessen war der Sekt angesahren und alles wartete mit Spannung der komnienden Dinge. Als aber Herr von Höchftfeld nur mit wenigen Worten die Gäste leben ließ und sich dann wieder niedersetzte, da hielt es der Oberst denn doch nicht länger aus, und mit dem Messerrücken an den Kelch klopfend, erbat er sich allgemeines Gehör. „Meine Herrschaften, hochverehrte Damen und Herren", begann er, „Sie wissen, und auch ich weiß es, daß wir noch Nichts' wissen dürfen, und diejenigen, die es wirklich wissen, wissen! uns immer wißbegieriger zu machen und unserem Wissensdrang durch einen gewissen Wissenszwang wissentlich neue Rätsel aufzugeben. Meine Herrschaften, ich bin nicht allwissend, da ich ja kein Diplomat, sondern nur ein einfacher Reitersmann bin, aber eines weiß ich sicher, daß uns unsere liebenswerten Wirte nicht zu sich entboten haben, nm uns wieder in Unwissenheit scheiden zn lassen und deshalb und dieserhalb erlaube ich mir ihre liebenswürdige Einladung zu einem intimen Familienfest dahin zu interpretieren- daß es wohl am angebrachtesten ist, unser Glas auf.das Wohl des glücklichen — .Brautpaares zu leeren. Es lebe hoch, hoch und noch einmal hoch!"
^Hurra, hoch, Zivio!" tonte es bunt durcheinander, und alles drängte zu Ljubiza und Erich, die in gräßlichster Verlegenheit dasaßen und gar nicht wußten/ wie sie sich dazu Verhalten sollten.
Frau von Höchstfeld war einer Ohnmacht nahe und warf ihrem Gatten, von dessen Zorn sie das Aeußerste besürchf- tete, ängstlich-flehende Blicke zn.
Blaß wie der Tod, mit blutleeren Lippen, aber mit einer Rnhe, deren sie ihn in solch einem Augenblick gar nicht für fähig gehalten Hütte, erhob er sich endlich und bat ums Wort.
Tiefes Schweigen folgte seiner Aufforderung.
Mit den Händen krampfhaft die Stuhllehne umklammernd, stand er da — nicht wie einer, der für die frendige Teilnahme an seinem und der Seinen Glück danken wollte, sondern wie ein Richter, der sich anschickte, furchtbar Gericht zu halten.
„Hochverehrtester Herr Oberst", wandte er sich mit vor Aufregung zitter,-der Stimme, der er vergebens Festigkeit zu geben suchte, au diesen, „ich mnß Ihren Glückwunsch dankend — ablehnen."
Allgemeines überraschtes nnd wenig schmeichelhaftes Gemurmel unterbrach ihn.
„Meine Herrschaften", fuhr er, noch immer seine Ruhe bewahrend, fort, „ich weise den Gedanken, daß Sie mich iw meinem eigenen Hanse insultieren wollten, weit von mir, er wäre zu niedrig — wir bleibt daher nur eines zu glaubest übrig, daß sich ein nicht in unserem Kreise Weilender eine perfide Irreführung erlaubt hat. Wer dies sein könnte, will ich nicht aussprechen, da et Ihnen freundschaftlich nahe steht, aber da ich nur einen Feind im Lande habe, so —
„Halt, nicht weiter, Herr von Höchstseld!" unterbrach ihn! der Oberst, sich zu seiner vollen, imponierenden Höhe aufrichtend, „wenn es sich hier um eine Mystifikation handelt, so liegt uns deren Aufklärung ebenso nahe wie Ihnen. — Vor allem eine Fr'age: zu welchem sonstigen intimen Familienfest haben Sie uns eigentlich eingeladen?"
„Wir haben doch gar niemanden eingeladen", hauchte Frau von Höchstfeld zur allgemeinen Ueberraschung.
„Wir eHielten aber doch die gedruckten Einladungen!" hielt ihr dep Oberst vor.
(Fortsetzung folgt.)
Are sächsische Schweiz-
Die sächsische Schweiz! —.Wo beginnt sie? Man kann darüber verschiedener Meinung! fein, wie Über alles. Ich empfand ihr erstes Anzeichen schon gelegentlich einer Radlertour ins Müglitzi-


