Ausgabe 
5.3.1904
 
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Kau, der mitten im monumentalen Teile des König- eußischen Berlin steht, allerdings bekommen. Von den vielen Treppen nämlich hat man eine ganze Anzahl außen anbringen müssen, so daß der stolze Kunsttempel an die hölzernen Zirkusbauten erinnert, die auf Messen und Märkten für Wochen und Monate errichtet werden. Ter Berliner kann, seiner angeborenen Schnoddrigkeit ent­sprechend, natürlich das Ulken über das seltsame Aussehen des Gebäudes nicht lassen, das in wenigen Jahren selb- verständlich einem modern, eingerichteten Neubau Platz machen muß.Siehste, det is nu der neie Uebungsschuppen sor de Feuerwehr!" sagte ernsthaft ein Waschechter, der seinen Besuch aus der Provinz dieLinden" hinaufführt. Tabei streift sein Auge lauernd den Schutzmann, der nicht weit von ihm steht.. Aber der macht ein Gesicht, wie der , steinerne Roland, so unbeweglich und streng. Ich glaube, er ist auch, ein Berliner, und tut dem Spaßmacher nicht um alles in der Welt den Gefallen, eine Miene zu ver- ziehn oder wohl gar zu schmunzeln. Ein anderer Witzbold redet von einerKletterkiste", wieder einer behauptet, die .Treppen wären dazu da, die Hypotheken bequemer hinauf- schasfen zu können, ohne die in Berlin nun einmal kein Haus existieren könne. Tieoberen Zehntausend" jedoch haben das schnurrige Bauwerk in Anlehnung an eine bekannte Weinstube Unter den LindenZum Treppchen" getauft. So amüsiert sich jeder auf seine eigene Weise über den Flickbau, ohne dabei zu vergessen, welche edle Absicht ihn entstehen ließ, und die drastische Ansicht eines alten Weißbierphilisters, der nachdenklich! äußerte:Det is entschieden det scheenste Denkmal, wat sich der Kaiser setzen konnte, wenn's ooch zum Piepen komisch aussieht!" ist Tausenden aus der Seele gesprochen. Ter Volkswitz ist gerade in dieser Gegend ziemlich spendabel gewesen. Tie . Hedwigskirche, die mit ihrer einförmig grauen Kuppel dicht hinter dem Opernhause aufragt, heißt seit Urvätertagen die Kaffeetasse des alten Fritz, weil er seinerzeit dem Baumeister auf eine Anfrage über die Gestaltung des Daches seine umgestülpte Kaffee­tasse unter die Nase gehalten und gesagt habe:So will ich's haben!" Das ist natürlich eine Legende, die vielleicht in Anlehnung an die Geschichte der Bahnlinie von Peters­burg nach Moskau entstanden ist. Um den Streitigkeiten seiner Räte, die von verschiedenen Städten bestochen waren, > ein Ende zu machen, hat der damalige Zar bekanntlich ein Lineal genommen, auf der Landkarte zwischen Moskau und i Petersburg energisch eine Linie gezogen und befohlen, die' Bahn genau dieser Linie entsprechend anzulegen, was $ auch befolgt worden ist und wegen der verschiedenen Terrainschwierigkeiten Unsummen verschlungen hat. Andern­falls wäre die Geschichte in Rußland selbstverständlich auch nicht billiger geworden. Staatsgelder haben dort viele Kanäle! Auch der Barockbau neben dem. schlichten Palais des alten Kaisers trägt seinen eingebürgerten Spottnamen. Es ist die der Winter-Reitschule in Wien nachgebildete, unter Friedrich dem Großen erbaute Königliche Bibliothek, die der Volksmund des alten Kaiser WilhelmsBücher­kommode" nennt. Sie hat wie das Opernhaus die längste Zeit ihrer bisherigen Bestimmung gedient. Denn der Neu­bau der Königlichen Bibliothek wird bald erstanden sein. Die seltsame Inschrift der BücherkommodeNutrimentum spiritus" übersetzt der Berliner wortgetreu uud ulkig:Spi­ritus ist ein Nahrungsmittel". Sie soll von einem der Tischgenossen des großen Königs, dem Oberst Guichard, stammen, der ein sehr gelehrter Herr und vom König Quintus Jcilius getauft worden war. Doch ist einem Manne dieser gediegenen philologischen Gelehrsamkeit ein solcher Sprachbarbarismus kaum zuzutrauen. Auch hier hat wohl die Legendenbildung wacker gearbeitet. Professor Thiebault erklärt denn auch in seinen Berliner Erinnerungen, daß der König gegen den Rat Guichards die Inschrift bestimmt habe. Der Generaldirektor der König!. Staatsarchive, Geh. Rat Koser, glaubt, der alte Fritz habe die Inschrift einem Werke des Abbe Terrasson,Sethos", entnommen, das alt- eghptisches Leben schildert und damals sehr populär war. Tort findet sich als Umschreibung für eine Büchersammlung der Ausdrucknourrissement de l'esprit"; dieses Bild der Nahrung, für den Geist taucht an verschiedenen Stellen in den, Schriften des großen Königs auf und er hat es wahr­scheinlich selbst so ins Neulateinische übertragen, daß seine Berliner noch heute aus seine Autorität hin behaupten: Spiritus ist ein Nahrungsmittel"! A. R.

Wnfreiw Mger Kumor in der Dichtkunst.

Tiefer Tage hat Friederike Kempner, die schle­sische Dichterin, die Augen zum ewigen Schlaf geschlossen. Abgesehen von dem sympathischen Idealismus ihres per­sönlichen Wesens, muß man doch der Wahrheit die Ehre geben und feststellen, daß sie in erster Linie ihren eigen­tümlichen Schrullen und der unfreiwilligen Komik ihrer Verse ihre Berühmtheit verdankt. Eine übrig gebliebene Tochter aus reichem Hause, von verlebten Freiern wohl kaum umworben, war Friederike Kempner schon in jungen Jahren das, was man heute nicht ohne leise Ironieeine für alles Schöne und Gute begeisterte Natur" nennt. Lite­rarisch ist sie in keiner Weise ernst zu nehmen. Ihr Geschmack und ihre Begabung waren nicht aus der Höhe ihres Herzens und ihrer Gesinnung, und der klaffende Gegensatz zwischen ihren wahrhaft hochherzigen Empfind­ungen und den Mängeln ihrer Ausdruüsweise förderte einen Humor zutage, den man beinahe mit dem Wilhelm- Buschs zusammenstellen könnte, allerdings mit dem Unter­schied, daß die Dichterin unbeabsichtigt und unbewußt so komische Wirkung erzeugte. In der Furcht vor dem Schein­tod, der ein Dämon ihres Lebens gewesen zu sein scheint, dichtete sie manchen heiteren Unsinn. In einem Gedicht an den Kronprinzen Friedrich Wilhelm ermahnt sie ihn:

Tie Gesallnen lasse Nicht vergraben bald, Heldenmienen, blasse, Sterben nicht sobald!

Sehr possenhaft mutet auch der Ausruf eines Kriegers­mannes an:

Ein Leichenhaus, ein Leichenhaus, Ruft er aus vollem Hälfe aus, Wir wollen nicht auf bloßem Schein Beseitigt und begraben sein!

Tiesozialen" Gedichte, die man durch Briese an sie verhöhnte, verraten ihre Gutmütigkeit und ihre wahrhaft geniale Fähigkeit, das Entsetzen lachen zu machen. Ein Bettler tritt an den Wagen, in den: ein reiches Ehepaar zum Ball fährt:

Ich fleh" spricht erum ein Almosen" Und küßt der schönen Frau die Hand, Sein schwacher Kuß zerdrückt die Rosen, Tie an des teuren Handschuhe Rand.

Mein Freund" sagt sie mit kalten Mienen, Erzürnt durch diese Jreveltat

I ch habe keine Z ei t zu Ihnen!

Ob Robert etwa Kleingeld hat!"

Tas Gedicht klingt aus:

Jetzt rollte fort der rasche Magen, Ter Kutscher wischt ein Äug' sich ab: Er denkt au all' die großen Fragen, Tie solch' Kontrast zu lösen gab.

Friederike sitzt uud singt auf allen Zweigen der Lyrik. Ihr Naturgesühl schwelgt in tiefsten Tönen und schweift gern in die Ferne:

Amerika, du Land der Träume, Tu Wunderwelt so lang und breit. Wie schön sind deine Kokosbäume Und deine rege Einsamkeit!

Oder:

Laßt mich in die Wüste eilen. Wo die siebzig Palmen sind Tort in der Oase weilen, Wo die Quelle ewig rinnt.

Wer könnte sich da des Lachens erwehren? Es gab lange Zeit, besonders in Breslau, keine Gesellschaft, wo nicht nach Tische Friederikens Gedichte vorgetragen wurden. Ter Friederikenku.lt währte lange Zeit, länger«, als ein Jahrzehnt, bis etwa 1894. Fest glaubte die Dichterin bis zuletzt an ihre Mission, die doch nur die Bosheit ge­schaffen hatte. In Massen wucherten die Parodien empor Eine von ihnen war so gelungen, daß sie noch heute als Original aus der Feder der Dichterin gilt und mit Vor­liebe als Kempnerscher Eigenwuchs zitiert wird. Es ist dasFrühlingslied", das etwa lautet:

Mitten durch die Lenznatur Zieht sich eine Pappelschnur, Links am Ende, rechts am Ende Lauter Frühlingsgegenstände, rc.