1904. — Hlr. 35.
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(Nachdruck verboten.)
Wssa Jalconieri.
Von Richard Voß.
Zweiter Band.
(Fortsetzung.)
Lasset uns Tempel bauen!
Tempel aus strahlendem Marmor, mit goldenen Bildnissen zwischen funkelnden Säulen in schimmernden Hallen.
Welches aber ist die glanzvolle Gottheit, die wir darin anbeten wollen ?
Tie irdische Liebe!
Sie ist die höchste Gottheit.
Sie stillt Tränen und Blut, gibt Schlaflosen Schlaf, Friedlosen Frieden. Sie macht Weinende lächeln und Sterbende leben. Und sie bringt um den Verstand.
Darum ist es die höchste Gottheit!
Tenn es gibt nichts Barmherzigeres unter der Sonne: also nichts Göttlicheres, als was die Menschen um den Verstand bringt. Wer keinen Verstand hat, kann nicht denken. Und wer nicht denkt, kann nicht leiden. Und wer nicht leidet, ist selig. Und wer selig ist, ist ein Gott.
Lasset uns leuchtende Tempel bauen der gütigen barmherzigen Gottheit, die uns arme leidende Menschen um den Verstand bringt!
*
Ich wurde noch kein Gott; denn ich fühle noch — leide noch.
Ich suhle in meinem dunklen Gehirn die bohrenden nagenden, fressenden Ameisen, fühle in meinem Haupt den eisigen wilden Wind und in meiner unsterblichen Seele die ewigen Erinnerungen.
Droben auf Tusculum war's, in dem kleinen Hause mit den eingemauerten Marmorleibern. Wir standen vor der Schwelle des Paradieses und wagten nicht, sie zu überschreiten. Es war eine schwüle, wollüstige, von Düften durchströmte Sommernacht. Ueber dem Kreuz von Tusculum stieg ein Gewitter auf und sie fürchtete sich.
Ich habe aber niemals eine Frau geküßt, die in meinen Armen gebebt hat. Ich war immer sehr stolz.
Also sagte ich ihr:
„Wenn Du Dich fürchtest, will ich fort. Laß mich fort! Ach kann nicht länger allein mit Dir sein; und — Tu fürchtest Dich."
Und ich wollte fort!
Ta hielt sie mich zurück.
Warum tat sie's, wenn sie mich nicht —
Unter Blitz und Donner überschritten wir die Schwelle. Auf meinen Armen trug ich sie rns Paradies hinein.
Und wir wurden schuldig.
Kann eine Frau aus Mitleid Priesterin und Bacchantin zugleich — zugleich Göttin und Dirne fein?
Einmal wünschte sie sich: bald, recht bald zu sterben, nur d «mit unser Glück kein Ende nehmen sollte. Sie hatte ein kleines, wunderhübsches Pistol, mit dem sie spielte, wie Kinder mit Blumen spielen. Sie zeigte es mir, lachte und sagte lächelnd:
„Was meinst Du, Lieber? Nur ein Truck und —"
Und jetzt!
*
Tie fremde Frau bewacht mich Stunde für Stunde, belauert mich Schritt auf Schritt.
Ich weiß, sie hält mich für verrückt und möchte mich aus dem leuchtenden Hause fortschaffen in ein anderes enges und dunkles. Sie fangt es schlau an. Aber ich bin noch schlauer, spiele den verständigen, vernünftigen Mann. Wie es scheint, läßt sie sich täuschen; denn sie schüttet noch immer jeden Tag frische Blumen über den Tisch, trügt immer noch helle Kleider und lächelt mich an. Habe ich sie erst ganz,, ganz sicher gemacht, so entwische ich ihr.
Ich weiß auch schon, wie und wohin.
Ich habe sie so gut getäuscht, daß sie mich wieder reiten läßt. Jeden Tag reite ich hinauf nach Tusculum. Wenn ich das kleine Haus aufschließe, strömt mir ein wundersamer schimmernder Dust entgegen.
Der Tust ist sie!
Sie ist in jedem Stein, jedem Geräte, jedem Dinge.
Ich werfe mich auf den Boden und atme sie, sauge sie ein.
Ter Tust tötet die Ameisen in meinem Gehirn, beschwichtigt den Winterstnrm in meinem Haupte, schläfert mein Leiden ein.
Ich sitze vor dem kleinen Hause unter dem eingemauer- ten Frauenharrpte und warte.
Ich warte darauf, daß der Ginster wieder blüht . . .
Wenn dann um den Vivianen-Fels die goldigen duftenden Flammen flattern, kommt sie und küßt mich, wieder auf den Mund.
Tann werde ich ein seliger Gott sein.
*
Als ich gestern den Park meines Capuas durchstreifte, sah ich die fremde Frau, die mich wieder verfolgte. Die großen weißen Hunde spielten um sie wie Mäuseleiu. Da faßte mich eine heilige Wut; denn was hatten die weißen Hunde mit der fremden Frau zu schaffen? Auch sie sollten warten, auch sie sich vor Sehnsucht nach der Herrin verzehren, die treulosen Bestien!
Ich schlich zurück ins Haus, lockte die Meute von der fremden Frau fort, hinauf au den Cypressenteich und hielt blutiges Gericht über die gemeinen Hundeseelen. Zwei von den Bestien traf ich mitten ins Herz. Die dritte flüchtete sich zu der fremden Frau, die mir nachgeschlichen kam und den Verräter mit ihrem eigenen Leibe schützte. Vor meinen


