Ausgabe 
5.2.1904
 
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er etwas so Unnahbares hat, als stände er auf einem einsamen Alpengipsel! Ten gewesenen Dichter denn er ist es ja nicht mehr erkennt man bei ihm noch heute an den Augen. Diesen weit offenen, lichten, leuchtenden Seheraugen sieht man auch jenegroße Leidenschaft"" an, die mich, in Gemeinschaft mit meiner Kammerfrau, so lächerlich faszinierte. Uno wenn ich davon kein Sterbens­wort gewußt hätte, so würde ich bei seinen Augen gedacht haben müssen:Dieser Mann hat einmal in fernem Leben eine große Leidenschaft gehabt. . ."" Ich könnte, was ich weine, auch so ausorucken:Dieser Mann wird noch ein­mal in seinem Leben eine große Leidenschaft haben!"" . . . Ta er sie jedoch jetzt hat, da er eben durch diese große Leidenschaft ein Einstedler, ein dem Leben und seiner Kunst Abgestorbener und lebendig Begrabener geworden ist, so wäre das von mir töricht gedacht gewesen.

Tu magst mich nach Belieben auslachen und verhöhnen.

Aber ich werde Tir von den Augen meines einstmals an- geschwärmten Poeten noch mehr erzähle:::

Er hat Augen, die einmal etwas schrecklich..Schönes erblickt haben müssen; etwas, was wie ein offener Himmel, oder auch wie eine offene Hölle gewesen: etwas Medusen- artiges, Entgeisterndes, zugleich unsaßlich Herrliches und blendend Leuchtendes.

Tu verstehst mich gewiß nicht. Ich kann auch, was ich meine, nicht ausdrücken . . .

Tiesüße Tragödin"" war dem Dichter entgegenge­gangen, ich dagegen zurückgetreten. Ich konnte daher gut beobachten.

Er hielt meine Lilien in der Hand und ivar erschreckend bleich. Ich verstand nicht, was er sagte. Er sprach leise und langsam wie jemand, der das Reden nicht gewöhnt ist, und der, da er einmal reden muß, Mühe hat, die Worte zu finden. Tabei blieb sein Gesicht regungslos. Ich be­trachtete ihn mir sehr genau und dachte:Tu bist auch einer, der weiß, daß das Leben von dem lieben Gott uns armen Menschlein nicht gerade zum Spaß geschenkt worden ist . . . Solches Gesicht hat also ein Mann, der ein berühm­ter Tichter war, den dann eine große Leidenschaft packte, und der jetzt schlechte, schlechte Nächte hat.""

Ich war noch immer sehr neugierig. Tie beiden kamen jetzt auf mich zu.

(Fortsetzung folgt.)

Kur Arage der Kinderernährung.

Tr. Budin, der auf dem letzten Kongreß für Hygiene in Brüssel einen Vortrag über die Grundsätze gehalten hatte, nach denen die Ernährung kleiner Kinder geregelt werden sollte, hat jetzt in einer Sitzung der Pariser Akademie der Medizin seine Ausführungen über diesen Gegenstand fortgesetzt. Er hält die Regelung der Mahl­zeiten bei den kleinen Kindern für höchst notwendig, in­dem er die Gefahren der Ueberernährung sogar bei Brust­kindern hoch veranschlagt. Tas Brustkind sollte regel­mäßig gewogen, und die jedesmal von ihm aufgenom- mene Milch durch Wägung vor und nach den: Nähren fest­gestellt werden, wenn seine Gewichtszunahme überhaupt an Schtvankungen leidet. Tie Darmentzündungen, an denen so viele Säuglinge zu Grunde gehen, sind eine Frage nicht der Beschaffenheit, sondern auch der Menge der aufgenommenen Milch. Dieselbe Vorsicht sollte be­obachtet werden, wenn das Kind teilweise Brust- und teilweise Flaschenmilch erhält. Unternährung ist nach der Ansicht von Dr. Budin immerhin besser als Uebernährung, denn dann hört das Kind einfach auf, an Gewicht zuzu­nehmen, während Uebernährung zu Verdauungsstörungen führt, die zu schneller Abzehrung Anlaß geben können. Wie viele andere moderne Forscher vertritt Budin den Grundsatz, daß an eine ausschließliche Ernährung durch die Flasche nicht gedacht werden sollte, solange die Mutter eine Spur von Milch hat. Tas Aufziehen mit der Flasche von den ersten Monaten an hält der Forscher für schwer und gleichzeitig gefährlich, uno wenn auch zweifellos selbst zarte Kinder auf diesem Wege zu einer glücklichen Ent­wickelung gebracht worden sind, so kann doch nicht gesagt werden, daß sie keinen erhöhten Gefahren ausgesetzt ge­wesen feien. Wenn das Kind einige Monate alt ist und 6 bis 6 Kilogramm wiegt, fo kann eine Ernährung mit sorgfältig von Keimen befreiter Kuhmilch in Mengen von

100 Gramm auf jedes Kilogramm des Körpergewichls an­gewandt werden, vorausgesetzt, daß die Milch rein ist und 30 Gramm Fett auf das Liter enthält. Dies sind mitt­lere Zahlen, die vom Arzt in Uebereinstimmung mit den Erfordernissen des einzelnen Falles geändert werden können. Wenn ein Kind derart aufgezogen wird und die Ergebnisse nicht gut sind, so sollte die Milch einer Analyse unterworfen werden, und es wird sich fast mit Sicherheit Herausstellen, daß sie entweder entrahmt oder mit Wasser vermischt ist. Während des zweiten Lebensjahres sollte Milch noch die Hauptnahrung bilden, obgleich etwas mehlige Nahrungsstoffe hinzugefügt werden können. Bouillon ist nutzlos und hat nur geringen Nährwert, in­dem ein Liter Bouillon noch nicht so nahrhaft ist, wie 100 Gramm Milch. Eier sind nicht zu empfehlen, nament­lich nicht für die ärmeren Familien, die sie sich nicht in allererster Güte beschaffen können. Bei ausschließlicher Milchnahrung oder bei nur geringer Ergänzung einer solchen ' durch. mehlige Speisen können Kinder mit zwei Jahren zu einem Gewicht von 11 bis 13 Kilogramm ge­bracht werden, wobei ihre tägliche Nahrungsaufnahme 1000 bis 1050 Gramm beträgt. Die Ergebnisse, die Budin mit der Anwendung seiner Grundsätze erzielt hat, sind hervorragend. Unter 712 Kindern, die zu ihm gebracht wurden, betrug die Sterblichkeit nur 4,6 auf Tauseno, während das Mittel für ganz Paris sich auf 78 vom Tausend beläuft, und kein einziges Kind starb an Ver­dauungsstörungen, die sonst über ein Drittel der Sterb­lichkeit im ersten Kindesalter veranlaßt.

Aönahme der Seömten in Keutschkand.

Für die wirtschaftliche, finanzielle und militärische Leistungsfähigkeit eines Staates ist die fortlaufende Beob­achtung der Geburtsziffer von allergrößter Bedeutung. Wie bei fast allen Kulturvölkern, sozeigt sich nun gegenwärtig auch in Deutschland eine Abnahme der Geburtsziffer, und es fragt sich daher, welche Bedeutung diesem sehr beachj- tenswerten Phänomen beizulegen ist. Vergleichen wir die letzten 50 Jahre, so ergibt sich firr das Jahrzehnt von 1850 bis 1860 eine Geburtenziffer von 36.8 auf 1000 Einwohner; für 186070 eine solche von 38.8, von 187080 eine solche von 40.7, von 188090 eine solche von 38.2, endlich für 18901900 eine solche von 37.4. Man bemerkt demnach ein Ansteigen von 185080, hier wird der Höhepunkt im Jahre 1876 mit 42.6 Geburten erreicht, hierauf ein all­mähliches Absinken, sodaß bald wieder der Stand der fünf­ziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erreicht sein dürfte. Dieses Faktum ist gewiß nicht gleichgiltig, allein zu Be­fürchtungen ist trotzdem keine Veranlassung vorhanden. Tenn der Abnahme der Geburten steht eine bedeutende Volksvermehrung gegenüber. Diese kann durch Zuwander­ung von außen und durch innere Volksvermehrung, durch Ueberschuß der Geborenen über die Gestorbenen zu stände kommen. Ta erstere für Deutschland nicht bedeutend ins Gewicht fällt, so kann der Bolkszuwachs nur durch den Geburtenüberschuß zu stände gekommen sein. Tatsächlich betrug dieser im Jahrzehnt 185060 9 pro Mille der Bevölkerung, in 186070 10.3, in 187080 11.9, in 1880 bis 1890 11.7, itit 18901900 13.9. Wir sehen demnach einen ständig zunehmenden inneren Bevölkerungszuwachs, der besonders groß im letzten Jahrzehnt war, trotzdem die Geburtsziffer sank. Er wird dem rapiden Absinken der Sterblichkeitsziffer verdankt, durch welche die Abnahme der Geburten auf das glücklichste ausgeglichen wird. Tie Ab­nahme der Sterblichkeitsziffer wird allerdings auch teil­weise durch die Slbnahme der Geburten mitbedingt, denn, wenn weniger Kinder geboren werden, so können auch we­niger sterben, es ist aber eine bekannte Tatsache, daß die. allgemeine Sterblichkeitsziffer in hohem Maße durch die Kindersterblichkeit beeinflußt wird. Tie Abnahme der Ge­burten beschränkt sich übrigens im wesentlichen auf die Städte; am bedeutendsten ist sie in den Großstädten, in den Mittelstädten ist sie etwas geringer als in den Land­städten. Aus dem Lande ist eine kleine Zunahme zu ver­zeichnen. Tas Land bewährt sich demnach hier wiederum nicht nur als Erneuern: der Volkskraft, sondern es er­gänzt auch einigermaßen das von den Städten erzeugt^ Defizit der Volksvermehrung.