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„Ah, die Neri! Das ist ja charmant!" sagte der Prinz, als er hörte, daß die große Tragödin in der Villa wäre. Und er dachte: /Wirklich ganz charmant! Tenn sie ist natürlich eine Komödiantin, wie alle Komödiantinnen — enfin ein Weib wie alle Weiber.' Tenn für den Prinzen gibt es natürlich keine Frauen. Also sah er sich das „Weib" an. Er sah sie mit Kennerblicken so gründlich an, wie solcher Mensch eben gewohnt ist, eine Frau anzusehen: gewissermaßen als Krämer.
Jetzt kommt das Komische der Situation; denn jetzt wurde d er Prinz verblüfft. Wahr und wahrhaftig, mon cher mari wurde verblüfft! Es klingt ungeheuerlich; aber es ist so.
,Was ist denn das?' dachte er in seiner Verblüffung. ,Ja, mein Gott, was ist denn das nur? Da will ich, le Prince de Sora, ein Verhältnis anfangen; und — wie soll ich mich nur ausdrücken? Mein Gott, ich bin geradezu verblüfft!'
Und das Gesicht, das er dabei machte! Es war zum Totlachen.
Tie „Komödiantin", als es ihr beliebte, zum Diner zu erscheinen, hielt es der Mühe gar nicht wert, ihre großen mächtigen melancholischen Augen aufzuschlagen und mon cher mari überhaupt nur anzusehen. Sie hielt es der Mühe gar nicht wert, für Monsieur le Prince ihre traurigen müden süßen Lippen zu öffnen. Und das mußte ihm, dem Unwiderstehlichen, dem die Damen jeden Grades — die Weiber jeder Klasse nur so zufliegen, in seinem eigenen Hause geschehen: mit einer „Komödiantin"!
Es gibt Tinge unter der Sonne, welche die menschf- liche Vernunft eben nicht zu begreifen vermag.
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Schrieb ich Dir schon, daß ich mir ins Köpfchen gesetzt habe, mit Hilfe der Neri in die Villa Falconiert einzudringen? Ms jetzt will sie davon nichts hören. Aber sie wird davon hören müssen, trotzdem sie Assunta Neri ist.
So bin ich nun einmal.
Uebrigens habe ich in meinem ganzen Leben keine Frau gesehen, die so wenig eitel, die so unerlaubt uneitel ist wie die Neri; trotzdem sie mit einem Reisegepäck in der Villa Taverna ankam, als ob sie sich für eine Tournee nach Amerika ausgerüstet hätte. Ich habe eine solche uneitle Jrau für eine weibliche Unmöglichkeit gehalten. Darin ist ie entschieden eine. Abnormität! Ich glaube, sie könnte ich einen Sack anziehen. Wer auch in dem Sack würde ie aussehen, wie — eben nur sie aussehen kann.
Was mich auch in Erstaunen setzt, ist, daß die Natur für sie, die doch im größten Sinne eine Natur ist, gar nicht existiert. Sie sieht die Bäume so wenig wie die Blumen, die Berge so wenig wie die Bäume, den ganzen Himmel so wenig wie die ganze Erde. Keinen Sonnenstrahl verträgt sie; und in ihren Zimmern muß es dunkel wie in einem Keller sein. Seitdem sie bei uns ist, lasse ich abends nie mehr die Kandelaber anzünden. Es brennen nur häßliche Lampen und diese nur hinter Schleiern: hinter mattfarbtgen wollüstigen Schleiern aus Seide und Spitzen, dre wie große märchenhafte Blüten um die Flamme schweben, und die Euer exotischer Achter Oskar Wilde erfunden und über die ganze Welt in Mode gebracht hat.
Cie ist übrigens wirklich sehr nett mit mir und durchf- üus nicht mehr grande femme. Ich bin aber auch geradezu bewitching. Vielleicht habe ich Aussicht, jener charmanten großen deutschen Dame den Rang abzulaufen. Jedenfalls komme ich ganz, acher ganz gewiß bis zum letzten „dahinter".
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Triumph l
Wir waren in der Villa Falconieri.
Und wir haben nicht nur die „wunderschöne Maria", sondern auch den lebendigen Toten, den verschollenen gräflichen Achter gesehen.
Die Neri ist von der wunderschönen Maria ganz Hinkerissen — was ich nicht begreife, was ich sehr übertrieben finde, was mich ärgert. Und ich, ärgere mich wiederum Lber meinen Aerger, für den ich absolut keinen Grund finden kann.
Heute nur so viel:
Tie „wunderschöne Maria" ist gar nicht besonders und der verschollene Poet ist auch nicht so, wie ich ll^vorgestellt habe.
Kurzum, es war eine Enttäuschung — wie schließlich alles im Leben.
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Tie Neri ist schon wieder in die Villa Falconieri hinauf, um die Maoama anzuschwärmen. Ich bin zu Hause geblieben, Htm Ar alles zu schreiben. Hoffentlich bist Du ein bißchen neugierig.
Also höre:
Es war vor dem Lunch, und die Neri trug eines von den modelosen bleichen Morgengewändern aus Crepe de Chine mit einem Hauch von Farbe: rose de Malmaison. Alles war weiche Falten und schimmernder Fluß um die armen müden Glieder. Ich raffiniertes Hexchen hatte mich lächerlich unscheinbar angezogen: in einem bescheidenen schwarzen Kleidlein mit einem geheimnisvollen schwarzes Spitzentüchlein um den Kopf. Und die Handschuhe hatte ich zum erstenmal in meinem Leben vergessen anzuziehen.
Als wir durch die Sarkophag-Allee kamen, pflückte ich aus einem der Kinderfärglein von meinen Weißen Lilien und steckte sie mir vor. Dann spazierten wir über die Pinien- wiese; und ich lenkte unsere Schritte sehr gewandt der Villa Falconieri zu.
Tie gute Neri ahnte meine Absicht nicht. Ich plauderte so niedlich, daß mein Geschwätz sie ihrer Gleichgiltigkeit und Erschöpfung entriß. Sie hörte mir zu und folgte mir weiter und weiter: durch das bewußte grüne Pförtlein, welches ich vorher hatte öffnen lassen, in die Oliveta; aus der Oliveta in den Park und hinauf zum Cypressenteich.
Plötzlich standen wir unter den Steineichen vor dem Hause; und ich stieß einen allerliebsten kleinen Schrei der Üeberraschung aus.
„Ach Gott, das ist ja die Mlla Falconieri!"
Tie Neri bemerkte nur:
„An dem Cypressenteich würde ich gern eine Rolle studiren."
Ich rief voller Entzücken:
„Himmlisch! Der arme gute Graf Campana! Bitte, bitte, süße Tragödin, lassen Sie uns Ihren Tichter von einstmals besuchen — da wir doch einmal hier sind: und da ich gar so schrecklich neugierig bin, ob er wirklich fett geworden ist?"
Tie „süße Tragödin" machte sofort ihr mürrisches, müdes Gesichtchen und sagte in einem ihrer Nora-Töne, letzter Akt, letzte Szene:
„Man soll die Toten nicht rufen. Sie wollen mit dem Manne ja doch nur Ihr Spiel treiben."
Ich klatschte in die Hände und jubelte:
„Ach ja, spielen! Wir wollen ,Gespenster' spielen. Wir zitieren das Gespenst, das Gespenst erscheint, verliebt sich in Sie und schreibt für Sie eine Rolle. Sie spielen das Drama des Gespenstes; und wir haben in Rom eine sensationelle Premiere, bei der das Gespenst zum Schlüsse vor den Souffleurkasten tritt und sich so reizend ungeschickt verneigt, wie man das von einem Geist nicht besser verlangen kann?"
Stelle Dir vor, daß die Neri wahrhaftig umkehren wollte! Ta machte ich denn einen Gewaltstreich. Ich nahm meinen Strauß weißer Lilien, rief einem Mädchen, das mitten im Wege stand und uns anstarrte, als ob wir Gespenster wären, gab ihr die Blumen, befahl ihr:
„Bringe diese Blumen dem Grasen und sage ihm: Assunta Neri lasse ihn grüßen. Hast Tu verstanden? Assunta Neri lasse den Grafen Campana grüßen. . ." Tann schmiegte ich mich wie ein Kätzchen an Assunta Neris.Schulter, bettelte: „Bitte, bitte, nicht böse sein!" Und schmeichelte: „Bitte, bitte, da bleiben! Ich bin wirklich zum Sterben neugierig, ob es ein recht fettes Ge- spenst ist."
Sie mußte lächeln und — natürlich blieb sie.
Ob er wohl kam?
Nein — Ja — Nein, nein!
Ja!
Er kam und denke Dir, diese Enttäuschung! Denn er war weder fett noch alt; wenigstens durchaus nicht greisenhaft alt. Er sieht aus wie — ich möchte Ar gern Len ganzen Mann mit einem einzigen Worte beschreib en' — er sieht aus wie ein vornehmer Mensch«.
Verstehe mich wohl, nicht nur wie ein vorehmex Mann.
Schön ist er ganz und gar nicht, kann es auch nid gewesen sein, Grade das gefällt mir an ihyr. Und Paß


