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wunderschöne Frau nicht gerade zärtlich zu lieben. Du scheinst überhaupt ziemlich brutal sein zu können, mein reizender Herr!' Ich entschuldigte die Dame durch die Dringlichkeit meiner Bitte und diese durch mein Entzücken über die Billa.
Darauf stellte ich mich in aller Form vor.
Er warf mir einen raschen blitzenden Blick zu, grüßte noch einmal mit großer Höflichkeit und sagte äußerst ver- brndlich:
„Ihre Premiere gestern abend im Valletheater hatte geradezu sensationellen Erfolg." Und er reichte mir mit einem Lächeln, das so anziehend war, wie vorhin sein Lachen abstoßend, ein Paket römischer Zeitungen.
„Sie kennen mich?"
„Das wundert Sie bei einem Bauern, der hier in aller Ruhe seinen Kohl pflanzt? Sie mögen daraus sehen, wie populär Sie sind."
„Sie sind sehr liebenswürdig, Herr —"
„Bittorio Mariano."
Ich lüftete den Hut und sagte lächelnd:
„Es scheint mir ein beneidenswertes Los, in der Billa Falconieri seinen Kohl pflanzen zu dürfen, Herr Mariano."
Er rief mit knabenhafter Fröhlichkeit:
„Wenn Sie das im Ernst meinen, so werden Sie hoffentlich Ihre tragische Muse in unserem Idyll eine Stunde lang unter Menschen ein Mensch sein lassen. Ich habe heute die ersten Cucuzzi geerntet, der Spießbraten meiner Frau könnte dem Ruhm Ihrer Trauerspiele Konkurrenz machen, und zum Nachtisch verspreche ich Ihnen zwar nicht die Aepfel der Hesperiden, aber die Kirschen des Lucullus."
Mit prächtiger Bewegung des Kopfes schwang er sich vom Pferd und übergab es einem der eben aus der Oliveta heimkehrenden Knechte, der dann auch meinen Mietsgaul einfing und nach dem Wirtschaftshof führte.
Ich mußte mich vorhin getäuscht haben: der Mann war gewiß ebenso liebenswürdig wie schön! Und zu den stolzen Falten des Campagnuolenmantels das Pariser Französisch: welche Kontraste!
Meine Neugierde war stark erregt. Auch konnte ich mich nicht entschließen, fortzugehen, ohne Frau Mariano noch einmal gedankt — ohne sie noch einmal wiedergesehen zu haben.
Sie war sogleich ins Haus gegangen, ohne sich um ihren heimkehrenden Gatten iur geringsten zu kümmern, ohne ihn eines Blickes zu würdigen — wie ich cS bei mir selbst nannte. Und sie hätte doch, von Rechts wegen ganz vernarrt in ihn sein müssen! Denn als er jetzt Mantel und Hut abwarf, die Locken aus der Stirn schüttelte, staunte ich von neuen: über die Herrlichkeit der jungen Gestalt. Uebrigeus war ich jetzt in meinem Urteil ganz sicher, als ich vorhin in seinen: Blick, in seinem Lachen, in seiner Stimme etwas zu erkennen geglaubt, was mich beinahe mit Widerwillen erfüllte: lag es doch in meiner Natur, bei jeder Medaille sogleich die Kehrseite zu sehen.
Meinen eigenen Augen mißtrauend, war ich nunmehr bemüht, jenen flüchtigen Eindruck zu vergessen. Auch nahm d:e Vorstellung von dem Leben der beiden wunderschönen einsamen Menschen in dem Paradiese der Villa Falconieri meine dichtende Phantasie völlig gefangen.
Herr Mariano, der ausgezeichnet gekleidet war und die Wäsche eines Dandy trug, geleitete mich nach dem Flügel der Villa, den ich noch nicht besichtigt hatte, lieber dem Eingang stand der fünfte Psalm geschrieben: „Tritt ein in dein Haus--“ Und gleich dahinter befand sich
die von Benedikt XIII. geweihte Kapelle, darin in gläsernen Särgen die wundertätigen Heiligen der Falconieri bestattet lagen. Eine Treppe aus aschgrauem Peperin mit tief ausgetretenen Stufen führte in das obere Stockwerk hinauf, wo die sonderbaren Pächtersleute ihre Wohnung hatten.
(Fortsetzung folgt.)
Ksstige Mücher.
Nicht von den: geistigen Gift vieler Schriften und Werke will ich>, so schreibt „Paracelsus" in der „Medizinischen Woche", hier reden, nicht von dem Unheil, das die Lektüre in so und so vielen jungen Gemütern und Köpfen angerichtet hat und täglich anrichtet. Nein, ich möchte mit weniaen Worten der Gifte und Gefahren gedenken, welche
die Bücher häufig an sich tragen, die von Hand zu Hand wandern und ihren Typus in den Leihbibliotheks-Bänden haben.
Eine Leihbibliothek ist für mich das unsauberste und widerwärtigste aller geistigen Verkehrsmittel, die wir haben. Betrachten wir einmal ein solches Buch genau. Schon der Geruch hat etwas Stockiges, Widerwärtiges, und nun gar erst die Seiten. Die rechte untere Ecke ist ausgesranst, dreckig, oft dunkelbraun, klebrig von all den vielen Fingern, welche mit Speichel aus oft recht unsauberen Mundhöhlen stammend, benetzt das Blatt umwanden. Vom Umschlag gar nicht zu reden. Derselbe ist bedeckt mit Flecken der merkwürdigsten und bedenklichsten Provenienz. Doch da:uit noch nicht genug, an den Seiten klebt alles mögliche, Brod- krumen, Reste von Fleischspeisen und noch ganz ni:bere Dinge, die man lieber gar nicht näher beschreibt. Wenn man nun noch außerdem bedenkt, daß die meisten Leihbibliotheksbände von Menschen dann entnommen werden, wenn sie sich nicht wohl fühlen und Zeit zun: Lesen haben, oder wenn sie sich in der Rekonvaleszenz befinden, um diese angenehmer zu gestalten, so wird man mir zugeben, daß es wohl kaum etwas Unhygienischercs geben kann, als das Institut der Leihbibliotheken in seiner gegenwärtigen Handhabung.
Tie Gründe für diese oft unfaßbare Verunreinigung von Büchern, welche nur geliehen sind, liegen in erster Linie in der schlechten Erziehung der Menschen. Zunächst das Umblättern mit befeuchteten Fingern. Ein an Sauberkeit gewöhnter Mensch wird das schon so inie so nicht tun, weil es ihm selbst unangenehm ist, durch den Finger mit dem Buch seinen Mund zu berühren. Die aber, die dieses Gefühl des Ekels nicht haben, die sollten wenigstens an die Anderen denken und nicht vergessen, daß nach ihnen auch noch Menschen das Buch lesen wollen. Mir fällt bei dieser Geschichte eine heute wohl nur Wenigen bekannte Ballade von Wieland ein, „Schach Lolo"; hier wird der orientalische Machthaber von einem schlauen Fremden für seine Grausamkeit dadurch gestraft, daß er ihm eiu Buch überreicht, dessen Blattecken vergiftet sind. Da nun Schach Lolo auch die schlechte Angewohnheit hat, den Finger vor dem Umblättern erst feucht zu machen, stirbt er vergiftet, bevor er das 10. Blatt umgewendet. Was nun die übrigen Verunreinigungen anlaugt, so komme:: sie oft daher, daß die Menschen beim Essen lesen, im Bett lesen, und auch nicht zu selten beim Husten und Niesen ein Buch, in dem sie gerade lesen, als Schirm vorhalten, um nicht die Umgebung zu belästigen. Das sind an sich alles schlechte Angewohnheiten, bei geliehenen Büchern aber direkt Rücksichtslosigkeiten gegenüber den Besitzern.
Es fragt sich nun, ob durch. Bücher in diesen: Zustand Krankheiten wirklich übertragen werden können. Nicht alle Infektionskrankheiten sind durch, tote Gegenstände übertragbar, wir kennen aber eine ganze Reihe, bei denen die Uebertragung durch Zwischenträger erwiesen ist; hierher gehört der Scharlach, Masern und wohl auch! die Jn- flueuza. Es braucht sich aber nicht einmal un: die Uebertragung solch leicht infektiöser Krankheiten zu handeln, der Schmutz und die Verunreinigungen können auch Infektionen kleiner Wunden u. dgl. bewirken.
Menu wir uns nun fragen, ob diesen Nebelständen in irgend einer Weise abzuhelfen sei, so müßten wir mit Ja antworten. Erstens liegt die Abhilfe im Publikun: selbst insofern, als die Menschen sich eben daran gewöhnen müssen, sauberer mit Büchern umzugehen. Der Umschlag wird am besten umhüllt, die Seiten mit trockenen: Finger umge- dlatrerr uno alle Nebenbeschäftigungen während des Lesens unterlassen. Zweitens sollten die Besitzer von Leihbibliotheken veranlaßt werden, die zurückkommenden Bücher einer gründlichen Fermaldesinfektion zu. unterziehen. Diese ist nicht teuer, einfach zu handhaben, Wirksan: und schadet den Büchern nicht. Die Einbände werden am besten aus imprägnierten abwaschbaren Stoffen hergestellt, wie zum Beispiel das vor einigen Jahren aufgekommene Perga- moid. Was von den Leihbibliotheksbänden gilt, das hat auch Geltung für Zeitschriften, Zeitungen, Kursbücher, Landkarten, kurz für alle Schrift- oder Bildwerke, welche iur allgemeinen Verkehr sind und von Hand zu Hand wandern. Wir leben nun einmal im Zeitalter einer recht anerkennenswerten hygienischen Tendenz in allen Zweigen des öffentlichen Lebens, da darf meiner Ansicht nach auch dieser Punkt nicht unbeachtet und unerörtert bleiben.


