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Es war überall das Nämliche: liberal verblichener Glanz und verfallene Pracht. Tische mit kostbaren Platten von rosso und giallo antico, Lehnsessel mit verblaßten Vergoldungen, zerschlitzte Vorhänge an Türen und Fenstern, schadhafter Ziegelsteinboden. Sämtliche Wände schmückten entiveder Fresken, oder, die ganzen Wandflächen einnehmend, stark nachgedunkelte Oelgemälde. Aber die Stucca- turen der Decken atmeten die Anmut der Renaissance und waren so leuchtend, als wären sie eben aus des Künstlers Händen hervorgegangen.
Ter letzte Raum, den ich betrat, entzückte mich.
Tie Fresken stellen einen heiteren Hain vor, der einen Ausblick auf eine freie sonnige Landschaft gewährte. In den Vlumendickichten standen Bildjan en und Hermen, A täre und Vasen. Fontänen durchrauschten den kühlen Grund, und ein lustiges Völklein beflügelter Genien war eifrig beschäftigt, Tempel und Hain für eine stille Liebesfeier schmücken. Sie flatterten durch die Wipfel, jagten die weißen Tauben der großen Göttin, schleppten schwere Blumengewinde herbei, rissen blühenoe Ranken von den Bäumen, bekränzten die Statuen, verzierten den Eingang ins Brautgemach Nur ein kleiner fauler Schlingel schoß vergnüglich nach einer Elster, die auf einem Pinienast hockte.
lieber den Wipfeln stieg am tiefblauen Himmel strahlendes Gewölk auf, darin in eigener unsterblicher Person die Frühlingsgöttin erschien. Cie ließ einen Blütenregen herniederströmen, dessen duftige Fluten Amoretten ihr nachtrugen. Junge übermütige Winde bliesen die herabfallenden Blumen durcheinander.
Um dieses wonnige Gern ach lief eine offene Galerie; und als ich hinaustrat, stand ich über einer die doppelte Länge des Schlosses betragenden Gartenterrasse und dem in bacchische Fruchtbarkeit gebetteten Frascati.
Ich überblickte das trümmerbedeckte römische Land bis weit in die große etruskische Bergebene hinein; ich überblickte den lichten Strand des Thyrrenischen Meeres mit seiner dunklen Macchienwildnis, das Aipengebiet der Sabina mit lang h.ngestreck.en kahlen Graten, schneebedeckten Gipfeln und grauen Felsensiädten.
Als ich mich endlich von dem unvergleichlichen Anblick losriß, saß die schöne Frau in einem der mit apfelgrünem Damast bezogenen Armsessel und wartete auf mich. Sie lehnte in ihrem schlichten Kleide mit solchem Anstand in dem vornehmen Stuhl, wie wenn sie für einen Thron geboren wäre.
Als ich ihr mein Entzücken über den köstlichen Raum ausdrückte, erklärte sie mir dessen Bestimmung.
„Nach einer Sitte, die über dreihundert Jahre alt sein soll, wurde für jedes junge Paar des Hauses in diesem Zimmer das Hochzeitsbett aufgestellt." Und sie fügte nach einer Pause hinzu: „Hier erwürgte Ottavia Sacchetti in der Brautnacht den Mann, den: sie durch Zwang vermählt worden war."
Sie sagte das so gelassen, als berichte sie eine alltägliche Begebenheit. Dabei hatten ihre stillen Augen einen graus amen Ausdruck.
„Hier erwürgte Ottavia Sacchetti in der Br aut nacht den Mann" . . . wiederholte ich mechanisch, und konnte meinen Blick von ihrem Gesicht nicht abwenden. „Weiß man die Ursache der gräßlichen Tat?"
„Ist sie so schwer §it wissen?"
„Wie. . . Ich verstehe Sie nicht —"
„Ich sagte Ihnen ja, daß die unglückliche Ottavia durch Zwang ihres Mannes Weib ward."
„Weshalb ließ sie sich zwingen!!" „Sie reden eben wie ein Mann." „Also begreifen Sie die Mörderin?" „Ich begreife sie."
„Wie ist das möglich?!"
„Vielleicht weil ich eine Frau bin", war ihre gelassene Antwort.
Ich wurde erregt.
„Angenommen: ein Mädchen wird zu einem verhaßten Manne gezwungen, so —"
Ich verstummte unter dem Blick dieser hellen unerbittlichen Augen.
Sie vollendete meinen Satz:
„So rächt die Frau die Gewalt, die ihrem Leib und ihrer Seele angetan worden — wenn sie sonst eine starke und stolze Seele besitzt. Darauf kommt es allerdings an."
Ich wollte erwidern. Aber sie stand auf und ging
hinaus, ohne mich Weiter zu beachten. Absichtlich blieb ich zurück und holte sie erst im Saal ein, wo ich sie unter dem Bilde jener Ottavia stehend fand. In den Anblick des Porträts versunken, sagte sie:
„Diese Unglückliche wurde, weil sie ihre Ehre verteidigte, in Rom vor der Engelsbrücke als Mörderin enthauptet. Sie starb den Märthrertod und sollte von gewissen Gattinnen als Heilige verehrt werden."
„Was sind Sie für eine merkivürdige Frau!"
Meinen Ausruf überhörend, wandte sie sich von dem strengen Antlitz der Ottavia ab, den heiteren Mienen der reizenden Teresa zu.
„Dieser jungen Faleonieri ging es im Leben auch nicht sonderlich gut."
„Hatte die liebliche Frau etwa gleichfalls ein tragisches Schicksal?"
„Sie wurde von ihrem Manne ertränkt hier in der Billa: in dem Teich um den die Cypressen stehen."
„Aus Eifersucht?"
Sie antwortete nicht.
„Weiß man etwas von dem jungen Lelio dort oben?" fragte ich, lediglich um das unbehagliche Schweigen zu unterbrechen.
„Vielleicht war es dieser junge hübsche Herr, uni dessentwillen die reizende Teresa sterben mußte. Die beiden paßten zusammen. Ich denke mir oft, daß es der hübschen Teresa schwer geworden ist, aus der Welt zu gehe«. Tenn wenn man liebt und wiedergeliebt wird. — Aber wie selten mag beides zusammentreffen."
Nur um etwas zu sagen, rief ich aus:
„Das ist ja eine eigentümliche Familie, diese Fal- conieri!"
„Es hat auch sehr fromme Leute darunter gegeben. Verschiedene Faleonieri Waren Päpste, und die Familie ist sogar so glückliche, einen Heiligen und zwei Martyrisierte aufweisen zu können. Der heilige Alexander Faleonieri und die beiden seligen Frauen liegen nebenan in der Kapelle bestattet. Sie tun noch heute Wunder für den, der glaubt, daß heute noch Wunder geschehen. Ich glaube es nicht."
Hatte sie mir vorhin Scheu eingeflößt, so fühlte ich jetzt große Teilnahme: dermaßen von Leiden erschöpft waren Blick und Miene. Plötzlich ertönte von den Steineichen her ein lauter, gebieterischer Ruf:
„Maria!"
Sie regte sich nicht. Der Ruf Wurde wiederholt, diesmal fast drohend:
„Maria! He, Maria!"
Du sie nicht zu hören schien, machte ich sie aufmerksam! „Ich glaube, Sie Werden gerufen."
„Es ist nur mein Mann", erwiderte sie gleich,giltig. „Er schreit immer so."
Sie verließ langsam, sehr langsam den Saal.
*
Tie beiden waren ein herrliches Paar!
Ter Gatte meiner eigentümlichen Führerin gehörte nämlich zu den schönsten Männern, die ich jemals gesehen -hatte. Er ritt einen feurigen Rappön mit langer Mähne und fast den Boden fegenden Schweis. Der schwarze Mantel des Campagnuolen trapierte mit seinem Faltenwurf die schlanke prachtvolle Gestalt; unter dem breiten Schlapphut hervor quollen dunkle Locken und das braune bartlose Gesicht hatte die klassischen Züge der Antike.
Alcibiades konnte nicht vollkommener schön gewesen sein, als dieser Pächter der Villa Faleonieri es War.
Er sah mich unter einem Säulenbogen der Halle stehen, ritt näher und grüßte mich wie ein Weltmann. Noch mehr erstaunte ich,, als der prachtvolle Bursche im Cam- pagnuolenmantel in perfektem Französisch sich erkundigte. Womit er mir dienen könnte.
Ich erwiderte, was mich in die Villa.geführt, und daß seine Frau die Liebenswürdigkeit gehabt hätte, mir einen Teil des Palastes zu zeigen.
Er sch,ante zu ihr hinüber und sagte dann, laut lachend:
„Darauf dürfen Sie sich allerdings etwas einbilden. Es liegt nämlich durchaus nicht in der Art meiner Frau, den Fremdenführer zu machen."
Der Blick, mit dem er sie ansah, sein Lachen und etwas in seiner Stimme paßte so gar nicht zu der berückenden Erscheinung des Mannes, daß es mich betroffen machte. Ich mußte denken: .,Oho! 'Du scheinst deine


