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(Nachdruck verboten.)
Wssa Jafcouieri.
Vorr Richard Voß.
Erster Band.
(Fortsetzung.)
Einer Oliveta entlang, bei einer Gruppe prächtiger Cypressen und Steineichen vorüber, waren wir in den von Pinien überschatteten Hof der Tenuta gekommen, wo nur ein einstöckiges verfallenes Gebäude bewohnt zu sein schien. Ich wünschte heimlich, daß die schöne Frau mit den weißen Händen und dem armseligen Kleide hier nicht wohnen möchte. Zu meiner Freude ging sie an der Baracke vorbei und durch das Löwentor auf die Schloßterrasse.
„Tie Villa liegt so verlassen da, als sei sie völlig unbewohnt."
„Einen kleinen Teil des Hauses bewohnen wir. Tie Villa soll nämlich über hundert Zimmer haben, in denen setzt niemand wohnt. Früher lebte hier eine schöne Gräfin aus Deutschland, die damals Pio IX. aus Rom nach Gaeta gerettet hat."
„Tas ivar die Gräfin Spauer! ... Es freut mich, baß Sie in dem schönen Hause wohnen."
Ich sah sie nicht an, wußte jedoch sehr genau, daß sie eine sehr erstaunte und unnahbare Miene machte und mich sogleich stehen lassen würde.
„Mir wäre es lieber, wir wohnten in der Tenuta", wies sie mich nach einer Panse mit großer Ruhe zurück. „Aber mein Mann zieht das Schloß vor. Leider kostet ihn feine Vorliebe für Paläste eine beträchtlich höhere Pacht- fumme, und mehr, als wir überhaupt zahlen können."
„Aber das Wirtschaftsgebäude ist ja eine halbe Ruine!"
„Für uns wäre es gut genug", sagte sie rauh, nickte mir gemessen zu und schritt von mir fort, nach dem Hause hinüber. Eine Fürstin hätte von dieser Pächtersfrau Haltung lernen können.
Wer war sie? Und was war es mit ihr?
Alles war so ungewöhnlich: der Ort und die Frau!
Gar zu gern wäre ich ihr nachgeeilt. Aber ich wagte es nicht; denn sie hatte mich in aller Form verabschiedet. Ich war daher freudig überrascht, als sie plötzlich stehen blieb, einen Moment zu schaudern schien, und dann langsam zu mir zurückkam.
Mein Pferd brachte mich sofort an ihre Seite.
Mit kiihler Höflichkeit sprach sie mich an;
„Ta das alte Haus Sie vollständig bezaubert zu haben scheint, da niemand von unfern Leuten vor Mittag zurückkommt, und Sie gewiß keine Zeit zum Warten haben, will ich Ihnen das Haus zeigen."
„Es wäre sehr gütig! Aber der kleine Schläfer?"
„Es schläft ganz fest, das arme Geschövf."
„Weshalb bedauern Sie Ihr Kind?"
„Lebt es nicht?"
Sie tat diesen pessimistischen Ausspruch ohne jede Spur von Pathos und Affektion; aber mit welch trauriger Miene, welch trostlosem Ausdruck!
„Tas Kind wird wachsen und gedeihen. Es wird Ihnen Freude machen, wird Ihr ganzer Stolz und gewiß einmal ein tüchtiger glücklicher Mensch werden."
„Glauben Sie, daß es glückliche Menschen gibt?"
„Wie Sie das sagen!"
„Ich frage nur; denn ich weiß es nicht."
„Warum sollte Ihr Kind durchaus ein unglücklicher Mensch werden? Ist es ein Knabe?"
„Ein Mädchen — leider."
,78ch bitte Sie--."
„Wenn cs einmal groß ist und schön sein sollte, wenn es dann hoch im Preise steht und seinen Käufer findet! Mein armes Kind, o mein armes Kind!"
Sie hatte wie zu sich selbst gesprochen, als mein Pferd zufällig eine heftige Bewegung machte. Jetzt errötete sie: bis an die Haarwurzeln, was ihren stillen ernsten Zügen plötzlich einen überaus lieblichen, beinahe kindlichen Ausdruck gab.
Leise sagte sie dann:
„Ich führe Sie also durch das Haus."
Sie ging und kam nach einer Weile ohne das Kind und mit dem Schlüssel zurück.
Ich sprang vom Pferde und folgte der wunderschönen seltsamen Frau.
*
Tnrch die mit antiken, als Sitze dienenden KapitäleN und verschiedenen Erinnerungstafeln an päpstliche Besuche geschmückte Vorhalle trat ich in einen Saal, dessen Wände, auf das wunderlichste mit Fresken bedeckt waren .... Zwischen prächtiger Säulenarchitektnr bewegte sich eine bunte Gesellschaft längst verstorbener Falconieri mit ihren Gästen und ihrer Tienerschaft, während eine andere Generation des alten Fürstenhauses teils als Porträts, teils als in Loggien postierte Zuschauer hier ernsthaft, dort vergnüglich auf das heitere Gewimmel niederblickte. Unter den Frauen fiel mir besonders eine anmutige lustige etwas kokette Teresa und eine sehr schöne stolze und entschlossen blickende Ottavia Sacchetti aus. Von den Männern des Geschlechts erschien ein jugendlicher Lelio recht liebenswürdig und zugleich sehr leidenschaftlich.
Zu beiden Seiten dieses frohen und festlichen Raumes, ans dem ich durch die Bogen der Vorhalle tief in die immergrünen Wipfel der Steineichen schaute, lagen in langer Reihe die Prunkzimmer des fürstlichen Sommersitzes; und da meine Führerin, nachdem sie mir geöffnet hatte, sich nicht mehr um mich kümmern zu wollen schien, so schlenderte ich behaglich von Gemach zu Gemach, in einem jeden Fenster und Jalousie aufstoßend, daß immer? neue Licktwogen die Dämmerung durchströmten.


