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schienen. Man hat dabei zuweilen dem Briefschreiber einzelne Unrichtigkeiten und Ucbertreibungen nachweisen können, im wesentlichen ist jedoch das Son ihm gemalte Bild nicht verändert wor- den. Die „hessischen Bnudesbrüder" kommen neben den Bayern, „der Bande, aus die wenig Verlaß ist", bei Kretschman, dem enragierten Borussen, besonders schlecht weg. Die betreffenden Stellen sind die folgenden.
Am 15. November 1870 wurde das Hauptquartier des 3; Armeekorps nach Theil in der Champagne, einem kleinen Orte in der Nähe von Sens an der Nonne, verlegt. Beim Einrücken der Preußen wurden ^wei Einwohner als Franktireurs erschossen und »Wei Häuser niedergebrannt. .„Das klingt nun recht barbarisch, ist es aber nicht", schreibt Kretschman an seine Fran, indem er ihr auseinandersetzt, daß man nun allgemach im Lande der Franktireurs sei. Als Grund, daß man das Hauptquartier nicht nach Sens selbst verlegte, gibt Kretschman in demselben Briefe an: „Sens, ein Ort von 11000 Einwohnern, ist von den Hessen total ausgeplündert worden; da wollen wir nicht hingehen". Mm nächsten Tage kam er aber doch in die Stadt und schreibt von dort am 16. November 1870: „Der General von Alvensleben wollte gern den möglichen Ereignissen etwas näher sein, deshalb brachen wir heute früh .aus dem schönen Schlößchen in Theil nach Sens aus. Diesen Ort haben die hessischen Byndesbrüder in einer unglaublichen Weise mitgenommen. Ein Zivilist reitet auf der Straße, zwei Offiziere nötigen ihn pom Pferde, der eine nimmt dies, der andere den Sattel. Ein Stabsoffizier.will einen Schrank öffnen, der Wirt gibt vor, keinen Schlüssel zu haben, und als sein Gast den Schrank erbrechen nnd er es verhindern will, da schießt ihn der Stabsoffizier tot! Solche Dinge können einem den Krieg recht verleiden. Tie hiesigen Einwohner fragten mich naiv, ob wir eine andere Armee wären. In unserem Interesse konnte ich nicht unterlassen, den Unterschied zwischen einem Hessen und einem Preußen auseinanderzusetzen."
Man stellte Untersuchungen an, was für hessische Truppen damals Sens passiert hatten, was für Offiziere dabei gewesen und ob die Leute sich wirklich als solche Barbaren und Mordbrenner benommen hatten usw. Tas Ergebnis dieser Nachforschungen war überraschend günstig. Kein Work von all dem, was Kretschman den Hessen nachgesagt hatte, war w ahr, und der darmstädtische Generalmajor Keim veröffentlichte in Nr. 144 des preußischen Militärwochenblattes einen geharnischten Protest, aus dem unwiderleglich hervorging, daß die hessischen Jäger, die in der Stadt gelegen hatten, sich musterhast benommen, daß kein hessischer Offizier Mord und Straßenraub begangen hatte, und daß somit die betreffenden Stellen in Kreischmans Briefen nichts wie inhaltlose Verleumdungen feien. Der damalige Hauptmann und Kompagniechef, jetzige Oberstleutnant a. D. Balzer berichtet u. a. folgendes:
_ „Es wurde von der Kompagnie nichts requiriert und nichts außer den Pompiergewehren mitgenommen. Es ist keine Beschwerde über irgend jemand von der Kompagnie vorgebracht worden, trotzdem wir stundenlang am Abend mit dem Maire zusammensaßen, also Gelegenheit dazu genug geboten war. Auch den Polizeikommissar sprach ich noch am andern Morgen vor dem Abmarsch, ohne daß er mir irgend welche Klage oder Beschwerde auch nur angedeutet hätte."
. . Ter andere hessische Offizier, damalige Leutnant M i ck e l, jetzige Major a. D. und Gefänanisdirektor zu Metz, bestätigte die Angaben seines ehemaligen Kompagniechefs Wort für Wort.
„Sämtliche Offiziere unseres Detachements waren in dem Hotel de l'Ecu auf Kosten der Stadt einquartiert und verpflegt. Unsere Ansprüche dort waren gewiß nicht übertrieben. Als wir später im Lause des Abends einige Flaschen Sekt tranken — Sens bot in diesem Feldzuge die erste Gelegenheit zu solchem Genuß — geschah dies nicht auf Kosten des Stadtsäckels; wir bezahlten ihn in bar und richtig. Nach dem Essen erschien der Maire an unserni Tisch, nahm Platz und sprach in ferner Unterhaltung dem Tetachemeutsführer seinen Dank aus sür die nicht erwartete freundliche Haltung des gefürchteten Feindes gegen die Stadt und ihre Bewohner. Bei einem Gang durch die Stadt, auf dem ich meinen Hauptmann begleitete und wobei tetr, einige kleine Einkäufe machten, waren wir stets von neugierigen Einwohnern umringt, die über alles, .was wir taten, ihre harmlosen Bemerkungen machten und ihrer Verwunderung Ausdruck gaben, wie: ils parleni francais, ils ont de l'argent francais, le Petit lieutenant fume usw. Eine durch Requisition und Plünderung mitgenommene Bevölkerung wäre gewiß picht so arglos aufgetreten.
„Ueber die von der Stadt willig geleistete Tagesverpslegung hinausgehende Anforderungen wurden unsererseits nicht gestellt. .Die Mannschaften waren mit dem ihnen Zugewiesenen durchaus zufrieden. Daß von ihrer Seite Ausschreitungen oder Gewalttätigkeiten verübt worden seien, ist niemals bekannt geworden nnd war außerdent bei dem Geiste der Truppen ausgeschlossen."
Soweit die woUbeglaubigten ossizielleN Berichte der beiden einzigen hessischen Offiziere, die im November 1870 in Sens lagen. Ein hessischer Stabsofsizier hat danach zu jener Zeit die französische Stadt überhaupt nicht betreten, konnte also auch darin keinen Mord begehen.
Kretschman mußte sich eben unverzeihlich geirrt haben. Er war Lügen gestraft und den Toten konnte man nicht zur Rechenschaft ziehen. ,Er konnte auf die Anklagen, die auf Grund dieser Widerlegung ihn überfielen und nun auch alle anderen unbequemen Angaben in seinen Briesen anzweifelten, nicht mehr antworten.
Da ist ihm auf einmal eine merkwürdige Verteidigung geworden von einer Seite, von der man es nicht erwartet hätte. Ein französischer Offizier Chr. Welter, Leutnant im 89. Infanterie-Regiment, hat sich die Mühe genommen, Kretsch- mans Angaben nachzuprüsen und die ganze Geschichte der Besetzung von Sens durch die deutschen Truppen im November 1870 genau zu untersuchen. Zum Glück sür diese Untersuchung sanden sich .im Archive der Stadt und der Souspräfektur eine ganze Reihe von Aktenstücken, die im Verein mit gleichzeitigen Zeitungen und Aufzeichnungen, sowie den Aussagen noch lebender Augenzeugen den zurzeit in der Stadt Sens garnisonierenden Leutnant instand setzten, eine genaue, vollständige und unanfechtbare Darstellung der damaligen Geschehnisse zu geben. .Das Resultat der Welterschen Arbeit, die in Nr. 6 und 7 der in Paris erscheinenden Revue du cerclc militaire uns vorliegt, ist nun recht merkwürdig. Welter bestätigt nämlich durchweg den Bericht der darmstädtischeu Offiziere, zugleich aber auch die Angaben Kretschinans über die Plünderung bis auf wenige, später zu erwähnende Uebertteibungen; nur in einem wesentlichen Punkte hat sich Kretschman geirrt. Es geht nämlich aus Welters Untersuchungen llar und deutlich hervor, .daß die plündernden Soldaten keine Hessen, sondern — Preußen gewesen sind.
Es lohnt sich darum wohl auch, auf die Darstellung des französischen Leuttmnts etwas näher einzugehen, die übrigens tn einem durchaus sachlichen und objektivem Ton abgefaßt ist und keine Spur von Animosität gegen die deutschen Truppen verrät.
Die Stadt Sens wurde am Samstag den 12. November 1870. vormittags um 11 Uhr von den Deutschen zuerst besetzt. Nach den noch vorhandenen Urkunden des Archivs, Hotelrechnungen, Dokumenten über Wagenrequisitionen u. a. bestanden diese Truppen aus einer Kompagnie des 1. hessen-darmstädtischen Jägerbataillons und einem Detachement Ulanen (2 Eskadrons des litthauischen Ulanen-Regts. Nr. 12) mit insgesamt 7 Offizieren. Diese Truppen blieben noch keine 24 Stunden in der Stadt, sondern verließen sie bereits am Morgen des 13. November. Welter hat ihren Marsch genau verfolgt, sie waren am 13. in Ville St. Jacques, am 14. in Bourron, am 15. in Larchant usw. usw. Nach beglaubigten Aussagen der Zeitgenossen haben sie sich 'während ihres kurzen Aufenthaltes in der Stadt musterhaft betragen. Der Redakteur der „Ssnonais" namens Dauphins, der ein genaues Tagebuch über die damaligen Vorgänge führte, und dasselbe später in seinem Blatte veröffentlicht hat, schreibt darin:
Tie Einwohner konnten das Benehmen der Offiziere nur loben. , Alle„ waren höflich, anspruchslos • und bestrebt, die schweren Lasten, die der Stadt bevorstanden, zu vermindern.
Wie von einer Ahnung erfaßt, fügt er hinzu:
Werden wir wohl immer so gut behandelt werden?
Tas ist das vollständig einwandsfreie Zeugnis eines Mannes, der in feiner Eigenschaft als Lehrer der deutschen Sprache in Sens mit den deutschen Truppen während der Besetzung in fortwährende Berührung kam, und sein Zeugnis wird von den Zeitgenossen einstimmig bestättgt. Also freuen wir uns: unsere darmstädttschen Brüder waren nach deutschen und französischen Quellen keine Plünderer und Mordbrenner, sondern wohldiszipli- nierte Soldaten, denen selbst der Feind notgedrungen seine Achtung nicht versagen konnte.
Nach dem Abzug der hessischen Jäger wurde die Stadt noch am selben Tage, Sonntag den 13. November, mittags zwischen 12 und 1 Uhr auss neue von deutschen Truppen besetzt. Nach den noch vorhandenen Akten waren es 23 Offiziere und 1244 Mann, nämlich 2 Eskadrons des magdeburgischen TragonerRegts. Nr. 6, 2 Kompagnien des 9. preußischen Jäger-Bataillons, 1 Batterie Artillerie und 2 Eskadrons Ulanen.*) Ties Detachement blieb bis zum Morgen des nächsten Tages, wo es weiter marschierte. Ta bis zum 15. November, wo Prinz Friedrich Karl mit seiner Armee die Stadt betrat, kein deutscher Soldat in ihren Mauern geweilt hat, so kann es sich nur um dies Detachement von 1244 Mann handeln, dem die in Kretschinans Briefen erwähnten und in Welters Darstellung bewiesenen Ausschreitungen zur Last fallen.
Daß Sens von diesen preußischen Truppen hart mitgenommen worden, läßt sich leider nickt in Abrede stellen. Der französische Leutnant Welter macht in seiner Arbeit eine klare, einwands- freie Unterscheidung zwischen erlaubten militärischen Requisitionen und unerlaubter völkerrechtswidriger Plünderung. Er sagt: „Zu einer Requisition gehört eine schriftliche Order von der Hand
*) Vermutlich die beiden Eskadrons vom 12. preußischen Ulanen-Regiment, die schon Tags zuvor mit den Hessen gekommen waren. Eine Eskadron davon war allerdings nach Balzers Angaben nach Evry detachiert, und nur die andere blieb in de- Stadt.


