Ausgabe 
4.7.1904
 
Einzelbild herunterladen

399

Ml gen und dazu gehöriger lauter Ansprache gekommen wäre. Es standen jetzt noch einige weitere Sachen auf der Tagesordnung, wo bei einigem guten Willen es wohl zu friedlicher Einigung kommen konnte, unter anderen auch die Sache eines flotten Burschen, der auf Bruch des Ehe­versprechens verklagt worden war. In diesem Falle hoffte der Untersuchungsrichter ziemlich sicher, daß es ihm gelingen würde, eine ehrbare Heirat zwischen dem mit einem Kinde fitzen gebliebenen Mädchen und ihrem Verführer zu stände zu bringen.

Vorläufig machte er jetzt eine längeren Pause, um mit dem Arzt vor dessen Heimfahrt noch zu speisen und Tee zu trinken.

2. Kapitel.

Als beide gemütlich einander gegenübersaßen, das Sta­tionsmenu diesmal etwas genießbarer findend als fonst, und in leichtem Plaudertone über allerlcr kleine Vorkomm­nisse aus ihrem früheren Leben redend, überraschte der Arzt den Untersuchungsrichter plötzlich mit der Frage: Warum eigentlich sind Sie nicht Offizier geblieben? Sie mit Ihrer prächtigen Figur, robuster Gesundheit, ungewöhn­licher Körperkraft, mit Ihrer Stimme, die, wenn es galt, sich auch unter Trommelwirbel und Salvenfeuer geltend zu machen wußte? Bei Ihrer guten allgemeinen Bildung, bei Ihren Sprachkenntnisseu, konnten Sie doch aus eine glatte, günstige Dienstkarriere rechnen!"

Der Untersuchungsrichter blickte eine Weile vor sich hin, ohne zn antworten. Endlich sagte er:Ja, bester Doktor, ich war sogar gern Offizier! Mit ordentlicher Lust am Handwerk habe ich den ganzen Chiwafeldzug mitgemacht. Mit meinen Untergebenen, meinen Soldaten, einerlei wo, im Lager, auf dem Marsch, auf Vorposten, beim Angriff, kam ch immer brillant durch. Die Kerls liebten mich, gingen ür mich durch Feuer und Wässer. Sie waren geradezu tolz auf mich. Und das nicht nur deshalb, weil meine Stimme lauter schallte als die irgend eines andern unserer Offiziere. Aber nach oben hin, da war das Verhältnis eben nicht zum besten. Ich hatte damals schon, vielleicht gar iw moch höherem Grade als jetzt, die leidige Gewohn­heit, aufalles" zu achten,alles" zu bemerken. Ich hatte schon damals eine vorwitzige Zunge, die über das Bemerkte reden mußte und laut reden mußte, ohne zu bedenken, ob ich damit bei meinen Kameraden und Vorge­setzten Anstoß erregte oder nicht. Sogar Dinge, die andere als Kleinigkeiten leicht entschuldigten, konnten mich furcht­bar? in Harnisch bringen. Die paar Duelle, die ich als Offizier auszufechten hatte, waren mir fast aufgezwungen worden. Mit das Schlimmste war, daß ich gar kein Talent hatte zum Schöntun, zum Sichliebkindmachen."

Mährend des Redens hatte er sich ein Glas starken Tees gemischt, die dunkle Farbe desselben durch dick­geschnittene Zitronenscheiben aufhellend. In kleinen Pausen das Glas allmählich leerend, fuhr er in feinen Bekenntnissen fort:Na, da mußte ich mir bald sagen, daß ich als Offizier nur schwer vorwärts kommen würde, namentlich in Frie­denszeiten. Der Chiwafeldzug ging zu Ende, zu einem neuen Kriege war sobald keine Aussicht. Ich kam um meinen Abschied ein und ging nach St. Petersburg. Zuerst hatte ich die Absicht, mich im Zivildienst verwenden zu lassen, wurde aber bald anderen Sinnes. Bei meiner Schwärmerei für das Recht per se ließ ich mich, kurz ent­schlossen, als Student der juristischen Fakultät immatriku­lieren, absolvierte meine Kurse Jähr für Jahr, wurde als Kandidat dem Bezirksgericht in N. zukommandiert, und sitze jetzt hier, in Ihrer Kreisstadt, als Untersuchungsrichter. Voilä tont!"

Und hat es Ihnen später nie leid getan, daß Sie die Osfiziersuniform mit dem Gerichtsbeamtenrock und dem Dreispitz vertauschten?" fragte der heute sehr wiß­begierige Arzt,empfinden Sie in Ihrem jetzigen Dienst auch so großeLust am Handwerk" wie einst im Feldzug als Offizier? Ich weiß, daß Sie, selbst stets offen und rücksichtslos redend, mir meine offene Sprache nicht Übel­nehmen, glauben Sie selbst, daß Sie jetzt als Unter­suchungsrichter an dem für Sie völlig geeigneten Platze sind?"

Da der Untersuchungsrichter mit der Antwort zögerte, sprach der Arzt weiter, zuerst noch etwas stockend, dann aber mit um so größerer Entschiedenheit:Ich habe, wo Sie in meiner Gegenwart die Zeugen in irgend einer Sache befrr-f Acii, nicht selten den Eindruck empfangen, daß Sie

bei Ihrem sanguinischen Temperament unb bwcä) den ganzen Eindruck Ihrer Persönlichkeit manche Zeugen beim Verhör in einer fast an Suggestion grenzenden Weise be­einflussen, natürlich ohne dergleichen zu wollen, und, meistens wohl auch, ohne es zu bemerken . . ."

Ter Untersuchungsrichter wollte hier etwas erwidern, der Arzt jedoch sprach schnell weiter:Ganz abgesehen auch von Ihren gewaltigen Stimmmitteln, besitzen Sie ein ganz eigenartiges Talent, mit Ihrer Rede auch störrige und leidenschaftlich erregte Menschen zu überzeugen und Ihrem Willen gefügig zu machen. . ."

Wieder wollte der Untersuchungsrichter den Redefluß des Arztes unterbrechen, aber sein Gegenüber war einmal im Zuge:Und wenn Sie an eine neue Untersuchung, an ein neues Verbrechen herantreten, so scheint es mir, daß Sie, im Vertrauen auf Ihre schon als Feldoffizier erprobte Findigkeit und Entschlossenheit, im Vertrauen auf Ihre Menschenkenntnis, Ihren sicheren Blick, Ihren Sie ent­schuldigen den Ausdruck!guten Riecher" nicht selten geneigt sind, sich die ganze Sache a priori so zu konstruie­ren, wie sie Ihrer Meinung nach sich durchaus abgespielt haben mußte, und die Zeugenaussagen und sonstigen Unter­suchungsergebnisse dementsprechend zu gruppieren und ab- zuwägen. Im Gegensätze zu Ihnen arbeiten die meisten Ihrer Kollegen, die ich in meiner langjährigen Gerichts­praxis kennen gelernt, den von ihnen zu untersuchenden Fällen gegenüber, fast immer streng objektiv und in aller Kaltblütigkeit, ja Gleichgiltigkeit!"

Na, Doktor", kam der Untersuchungsrichter endlich zu Wort und fixierte sein Gegenüber dabei mit vielsagendem Lächeln,Sie sind ein feiner Beobachter! Künftighin muß ich, wenn Sie zugegen sind, meine Impulsivität ein wenig zu zügeln versuchen. Sie mögen, Doktor, bei der Beur­teilung meines Untersuchungsverfahrens, in vielem recht haben; die Prokuratur und das Gericht haben mir auch schon zuweilen dahin zielende Vorstellungen gemacht. Aber sagen Sie mal, wer von uns hat hier am Ort mehr Glück gehabt in der Entwirrung und im Spruchreifmachen mancher recht verwickelter Fälle? Ich, oder meine muster­haft objektiven, fischblütigen Kollegen?" Dabei lachte er fröhlich auf, und dehnte laut gähnend die kräftigen Arme.

Ihre Erfolge", beeilte fi.ch der Arzt zu versichern, kann Ihnen niemand abstreiten. Die meisten Sachen, in denen Sie die Untersuchung geführt, sind nachher im Be­zirksgericht prächtig durchgegangen. In Ihren Sachen ich bin ja selbst oft genug Geschworener gewesen haben sich die Geschworenen meist immer leicht zurechtgefunden, und ihr Verdikt hat gewöhnlich der durch die Untersuchung geschaffenen Sachlage entsprochen. Von allen Untersuch­ungsrichtern unseres und des Nachbarkreises sind Sie zur­zeit der vom Landvolk am meisten gefürchtete. Das Glück, das Sie gehabt in so manch schwieriger Untersuchungssache, das muß Ihnen eine große moralische Genugtuung sein in der immer noch recht undankbaren und unbefriedigen­den amtlichen Stellung des Untersuchungsrichters."

Bis jetzt, Doktor", äußerte hierauf &uitt Untersuch­ungsrichter in voller Gemütsruhe,befriedigt mich mein Amt noch so ziemlich. Ich bleibe ja auch nicht immer der schablonenmäßige Verhörsprotokollschreiber. Ich spiele ja auch, soweit ich kann, den Anwalt für die eine oder andere der gegen einander klagbar gewordenen Parteien, ich suche die Leute mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln dazu zu bringen, daß sie einander verzeihen und aufrichtig sich versöhnen, trotz der bei unserem Landvolk nur geringen Neigung zu friedlicher Austragung ihrer Differenzen. Und diese Seite meiner Tätigkeit macht mir oft Freude genug. Natürlich möchte ich nicht ewig Untersuchungsrichter bleiben. Möchte ganz gern auch eine Zeitlang als Stadtrichtep dienen, als Glied des Bezirksgerichts . .

Wieder mischte er sich ein Glas Tee, noch stärker als vorhin und leerte es in einem Zuge.

(Fortsetzung folgt.)

Wer yat im Wovemöer 1870 Sens geplündert?

Ein Beitrag zur Kritik der Kretschman'schen Kriegsbriefe.

(Nach denHess. Bl.")

TieKriegsbriefe" des preußischen Generals Hans von Kretschman haben auf den verschiedensten Seiten lebhaften Widerspruch erfahren. Ganz besonders ist das an den Stellen geschehen, die durch Kretschmans Enthüllungen belastet «r-